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„Das hat ganz schön was mit uns Menschen gemacht“

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Von: Thomas Stillbauer

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Marlis Otto und Thomas Stillbauer.
Marlis Otto und Thomas Stillbauer. © ROLF OESER

Zehn Jahre nach ihrem Wiedersehen sprechen Lehrerin Marlis Otto (96) und Schüler Thomas Stillbauer darüber, was seither alles passiert ist: Corona, Krieg und andere Krisen – privat und auf der ganzen Welt.

Die Älteren werden sich erinnern, na, vielleicht auch nicht: Vor ziemlich genau zehn Jahren fanden sich die frühere Frankfurter Grundschullehrerin Marlis Otto und ihr Schüler Thomas Stillbauer per Zufall wieder und teilten in einem FR-Gespräch ihre Erinnerungen. Otto war damals 86, Stillbauer 48. Wäre doch eine schöne Idee, nach zehn Jahren wieder ein Interview zu führen, fanden beide. Marlis Otto ist nämlich in dieser Zeit erstaunlicherweise noch jünger geworden und fit wie ein Turntrikot. Sie macht (im Gegensatz zu Stillbauer) keinerlei Ächzgeräusche beim Aufstehen. Und sie hat Whatsapp auf dem Handy.

Marlis, wie geht es Dir?

Gut.

Wir sind im Gegensatz zum Gespräch vor zehn Jahren jetzt per Du, das müssen wir den Leserinnen und Lesern sagen.

Ja. Wir sind ja alte Freunde.

Richtig. Apropos gutgehen – Du hast kürzlich Corona gehabt. Wie ist Corona mit 96 Jahren?

Ich denke mal, es ist so, wie es heute jeder hat, wenn er gut geimpft ist. Eine Grippe halt. Ich weiß auch, woher ich’s hatte – ich war mit Freunden essen, draußen zwar, und eine Freundin hüstelte etwas. Tags drauf krieg ich ’ne Whatsapp: Wir haben uns getestet, wir sind positiv.

Da muss Dir doch angst und bange geworden sein?

Ach was, mir lief die Nase, ich hatte etwas Fieber, keinen Appetit, war matt, aber das war’s dann auch. Erst nach sechs Tagen war ein Test positiv. Die Impfung hat das Schlimmste ferngehalten.

Und dann?

Hab ich meine Hausärztin angerufen, und die hat gesagt: Wenn mehr nicht kommt …

Wie hast Du Dich versorgt?

Als alte Hausfrau hat man immer Vorräte. Die Leute von der Tagesmütterzentrale, mit denen ich verabredet war, fragten gleich: Oh, können wir dir was einkaufen? Ich sagte: Ja – ein Pfund Spargel und ein Pfund Erdbeeren. Stunde später standen sie vor der Tür.

Das war alles? Für eine Woche?

Eine Woche ist ja nicht lang. Erstens esse ich nicht so furchtbar viel. Zweitens hab ich Kartoffeln, Reis, Nudeln und so was doch da. Und immer kleine fertig gekochte Gerichte im Tiefkühl. Wenn ich mir eine Gemüsesuppe koche, friere ich mindestens vier Portionen ein.

Zehn Jahre ist das jetzt her, dass wir uns wiedergefunden haben, 38 Jahre nach unserer gemeinsamen Zeit in der Heinrich-Seliger-Schule.

Du hattest eine Glosse geschrieben, einen „Rauscher“, weil Du versehentlich die Muschelsammlung Deiner Frau mit dem Staubsauger eingesaugt hast.

Und Du hast mir neue Muscheln geschickt. Das war lieb.

Und Du hast Dir gedacht: Die Absenderin kenne ich doch!

Ein wunderbarer Zufall. Was ist in der Zwischenzeit los gewesen?

Noch recht frisch ist ja die Sache aus dem vorigen Jahr mit dem „Frankfurter General-Anzeiger“.

Richtig – der Juni-Band aus dem Jahr 1911.

Den hatte ich noch in der Bibliothek, und Du hast in der Rundschau eine kleine Serie mit 110 Jahre alten Nachrichten daraus gemacht. Das war originell.

Außerdem warst Du für einen Preis der renommierten Körberstiftung nominiert, dann wählten Dich „Brigitte“-Leserinnen auf Platz 1 bei der Aktion „Mensch 60plus“ ...

Ja, es war viel los in den vergangenen Jahren.

Dein Ruhm als Gründerin der Neu-Isenburger Tagesmütterzentrale wirkt eben bis heute. Auch sonst ist viel passiert. Ist die Welt eine andere als vor zehn Jahren?

Wenn man in die nähere Vergangenheit guckt: Das alles ist schon ein sehr schlimmer Einschnitt. Wer hätte das noch vor drei, vier Jahren gedacht? Es fing ja an mit der Pandemie. Die Kontakte mussten eingeschränkt werden. Das hat ganz schön was mit uns Menschen gemacht, wenn man so auf sich zurückgeworfen ist.

Alte Menschen haben gelitten, beispielsweise fielen Gymnastik- und Schwimmgruppen aus.

Das stimmt, aber das habe ich sowieso weniger gemacht, ich halte mich mit meinen morgendlichen Übungen hier zu Hause fit. Aber ich habe viele gute Bekannte. Wir haben dann per Whatsapp Kontakt gehalten.

Du bist halt eine hochmoderne Frau. Aber nicht genug mit Corona, dann kam auch der Krieg.

Das hätte ich nie für möglich gehalten. Ich war am Anfang felsenfest davon überzeugt, dass das in ein paar Tagen geregelt werden könnte.

Das haben viele gehofft.

Es ist unglaublich, wie ein einzelner Mensch ein ganzes Volk – aber ich hab’s ja am eigenen Leib erlebt – wie ein Einzelner ein ganzes Volk so manipulieren kann, dass ihm alle zujubeln.

Du hast das vor rund achtzig Jahren in Deutschland erlebt. Wie fühlt es sich für Dich an, dass der Krieg wieder so nah ist?

Das ist so schrecklich. Mein Bruder ist mit 19 Jahren gefallen. Und ich kann es nicht anders sagen: Wir waren alle damals enthusiastisch – wir haben gedacht, wir müssten unser Vaterland verteidigen!

So sehr hat Euch die Nazi-Propaganda erreicht?

Ich habe mit 17 Abitur gemacht, mit 18 war ich schon im Arbeitsdienst und bin dann abkommandiert worden zu den Luftnachrichten als Funkerin. Wir haben den Krieg hautnah erlebt. Zu Hause die Bombenangriffe. Wir sind doch alle mehr oder weniger mit Verstand gesegnet. Dass wir das nicht kapiert haben! Und das ist jetzt in Russland wieder so. Ich weiß aber auch nicht, ob jetzt unsere Regierung alles richtig entscheidet.

Was meinst Du?

All die Waffen, diese Aufrüstung. Ich kann das nicht verstehen.

Viele fragen sich, ob das jetzt der richtige Weg ist. Aber hättest Du eine andere Idee, als der Ukraine Waffen zu geben, damit sie sich verteidigen kann?

Nein. Man ist ja hilflos, man weiß keinen Rat. Ich fand es gut, dass am Anfang Politiker zu Putin gereist sind, um mit ihm zu sprechen. Aber das war ja alles pseudo. Was ich vor allem nicht verstehe: Unsere Politiker waren doch alle überzeugt, wir wollen keine Angriffswaffen, wir wollen uns verteidigen können, wenn man uns angreift. Aber was die jetzt anstellen, Milliarden in Rüstung zu stecken! Das ist doch nicht nur Verteidigung.

Es macht Dir Sorgen, besonders weil Du Krieg erlebt hast.

Na sicher. Und was mich sehr bedrückt, ist die Atombombe im Hintergrund. Aber wie sie jetzt mit ihren Waffen ein ganzes Land ausradieren, das ist ja auch schon grauenvoll. Und ich habe große Angst, dass es noch näher kommt.

Vor drei oder vier Jahren gab es in einem Fernsehmagazin einen kurzen Film, in dem Du die Leute an einem AfD-Stand zusammenstauchst: Ob sie denn gar nichts gelernt hätten. Fantastisch.

Fandest Du?

Großartig.

Man muss doch was sagen. Hinterher war ich auf 100. Eigentlich hätten sie das gar nicht im Fernsehen zeigen dürfen, ohne mich vorher zu fragen. Aber als das lief, dachte ich, ja meine Güte, du warst schon so oft in der Zeitung, die Leute kennen dich hier – da macht mir auch sowas nix aus.

Ist Dir etwas passiert danach? Anfeindungen?

Nein, nein.

Alle, die das gesehen haben, sagen: toll, Zivilcourage. Das zeigt doch, Du hast was gelernt aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Andere nicht.

Ich dachte erst, das ist irgend so eine Delegation. Mir wurde dann erst klar, dass es diese Partei ist.

Hast Du mal überlegt, Politikerin zu werden?

Ich möchte heute keine Politikerin sein. Man kann so vieles falsch machen. Auch im Gesundheitswesen, da ist ja manches in die falsche Richtung gelaufen. Diese Corona-Maßnahmen haben so viel mit jungen Menschen gemacht, vor allem mit Kindern, deren Familien nicht das Privileg großer Wohnungen haben, in denen man sich auch mal separieren kann, um zu lernen.

Und mit den Schülerinnen und Schülern, deren Muttersprache nicht Deutsch ist.

Das stimmt. Wie selbstverständlich es in meiner Zeit als Lehrerin war, dass es jeden Tag Unterricht gab, dass die Kinder jeden Tag da waren, dass sie Hefte hatten, Bücher. Anderswo auf der Welt ist das bis heute nicht üblich, auch ohne Corona.

Wahre Worte.

Umso toller, dass wir jetzt wieder Schultheatertage hatten. Ich habe mir natürlich Eintrittskarten reserviert. Weißt Du, dass ich 1982 die allererste Lehrerin in Frankfurt war, die da mit ihrer Grundschulklasse auftrat? Ich hab das Original-Plakat noch. Wir haben gespielt: „Sechse kommen durch die ganze Welt“, ein Märchen. Das war ein so tolles Erlebnis – alle Kinder konnten mitspielen, im richtigen Theater, alle sind in ihren Rollen gewachsen.

Apropos wachsen: In den zehn Jahren, seit wir uns wiedertrafen, ist da auch das Bewusstsein für die Klima- und Umweltproblematik gewachsen?

Ich persönlich achte da schon immer drauf. Ich fahre ja viel mehr Rad als Auto. Es ist auch gut, mal mit Nachbarn darüber zu sprechen. Und traurig, dass andere tatsächlich mit dem Auto zum Brötchenholen oder zum Briefkasten fahren. Ob das Bewusstsein wirklich gewachsen ist? Ich weiß es nicht. Schau Dir die Sache mit den Masken an: Sobald es hieß, man muss nicht mehr, hatte im Supermarkt kaum noch jemand eine im Gesicht.

Du fährst in der Stadt überall hin mit dem Fahrrad, Du fährst mit dem Auto an den Bodensee …

Schau mal ( holt einen Zeitungsbericht hervor ).

Ja, den kenn ich. Du hast mit 92 Jahren einen Reporter durch Deutschland chauffiert, um zu zeigen, wie sicher Du fährst.

Und das hat auch Einfluss gehabt: Ein befreundetes Ehepaar, er 95, sie 85, hat daraufhin entschieden, seine Fahrtüchtigkeit überprüfen zu lassen.

Und?

Beide einwandfrei.

Gut so. Wie schnell übersieht man mal jemanden.

Ich habe mir gerade einen neuen Fahrradhelm gekauft, nachdem mein Sohn neulich von einem Autofahrer über den Haufen gefahren worden war. Sein Helm war kaputt, der Kopf war heil.

Wie machst Du das, so unglaublich fit zu bleiben?

Werde ich oft gefragt. Ich weiß es nicht. Gute Gene. Und in Bewegung bleiben. Ich glaube, dieser Sinnspruch der Mettnau am Bodensee, wohin ich jedes Jahr zur Kur fahre, „Bewegung ist Leben“, das ist ganz, ganz wichtig. Körperlich und geistig in Bewegung bleiben.

Wenn man bloß Zeit hätte ...

Das ist etwas, das man sich anerziehen kann. Und dass man sich nicht über jede Kleinigkeit ärgert. Zufrieden sein mit dem, was man hat – wenn man genug hat. Nicht immer denken, ich muss noch mehr haben und noch mehr machen. Ich glaube, es ist ein ganz großes Geschenk, alt zu werden und gesund zu bleiben.

Du warst ja als junger Mensch Leistungsturnerin. Machst Du heute noch Übungen , die …

Turnen nicht – aber ich mache jeden Morgen Gymnastik, ganz schlichte, einfache Übungen. Als mein Mann und ich vor über 50 Jahren zum ersten Mal gemeinsam zur Kur am Bodensee waren, machte der Chefarzt jeden Morgen um zwanzig nach sieben Übungen vor. Jeden Morgen die gleichen. Und Du glaubst es nicht, die mache ich heute noch. Schultern, Kopf, Arme, Rumpf, Beine, Knie, Füße. Leichte Übungen, die jeder machen kann. Ich mache sie nach dem Aufstehen, noch bevor ich ihm Bad bin, vielleicht zehn Minuten. Auch gut: atmen. Tief ein- und ausatmen.

Und dann werde ich alt?

Probier’s aus!

Kürzlich gab es einen autofreien Samstag auf der Mierendorffstraße, wo unsere Schule ist. Hättest Du Dir so etwas vor 50 Jahren auch gewünscht?

Das war ja damals noch nicht so arg. Da waren nicht viele Autos.

Keine Mama-Taxis?

Gab’s überhaupt noch nicht. Die Schüler kamen zu Fuß oder wurden von der Mama zu Fuß gebracht.

Ich wurde damals umgefahren auf der Mierendorffstraße, 1972, lag zwölf Wochen im Krankenhaus und stand damit erstmals in der Rundschau. Danach wurde die Fritz-Tarnow- zur Einbahnstraße.

Tatsächlich!

Also mir hätte es geholfen, wenn da keine Autos gefahren wären. Die ganzen Sommerferien in der Klinik. Aber danach wurdest Du unsere Klassenlehrerin. Fein.

Dabei hätte ich nach dem Staatsexamen eigentlich in einer Offenbacher Schule anfangen sollen. Aber ich war mit der Straßenbahn von Bockenheim nach Offenbach eineinhalb Stunden unterwegs. Als ich dort zur Vereidigung ankam, hab ich gesagt: Einen Moment, bevor Sie anfangen – ich bin nicht gewillt, mich hier vereidigen zu lassen. Ich habe einen Mann und zwei Kinder zu Hause, und ich habe nicht studiert, um jeden Tag drei Stunden in der Straßenbahn zu sitzen.

Kicher. Was haben die gesagt?

Die haben dumm geguckt, und ich habe mein Handtäschchen genommen und bin gegangen. Zwei Tage später rief das Frankfurter Schulamt an: Frau Otto, können Sie morgen zur Vereidigung kommen? So kam ich zur Heinrich-Seliger-Schule und bin da auch geblieben.

Wie waren wir Kinder damals?

Ihr konntet noch aufmerksam sein. Die Kinder haben damals noch auf den Lehrer gehört. Viele Lehrer klagen heute: Die Kinder hören nicht zu, weil sie mit anderen Dingen beschäftigt sind, sie haben keine Achtung vor Erwachsenen. Der Lehrer war eine Persönlichkeit für die Kinder. Ich hatte ja das Glück, erst recht spät Lehrerin zu sein, ich war ja schon eine gestandene Frau und Mutter. Die jungen Lehrer heute haben es schon zum Teil sehr schwer.

Liegt es an der Erziehung, dass Kinder heute anders drauf sind?

Und an der Sprache. Ich hatte früher fast nie Kinder, die wegen der Sprache nicht mitkamen. Das wird noch viel Arbeit für die Schule von morgen.

Wir behalten das im Auge. Und treffen uns in zehn Jahren wieder zum Interview. Abgemacht?

Spätestens!

Interview: Thomas Stillbauer

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