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Yumiko Noda kam einst aus Tokio über Paris an den Main. Längst ist Frankfurt ihre Stadt.
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Yumiko Noda kam einst aus Tokio über Paris an den Main. Längst ist Frankfurt ihre Stadt.

Göpferts Runde

Das Glück der Selbstständigkeit

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Die Geigerin Yumiko Noda gibt ein Konzert im Impfzentrum in der Frankfurter Festhalle.

Es ist eine Inszenierung, die so recht zur Corona-Zeit passt. Ein Menuett des österreichischen Komponisten Fritz Kreisler, eine Miniatur im Dreivierteltakt. Geschrieben für zwei Instrumente, ein Duett von Geige und Bratsche. Doch in diesem Video spielt Yumiko Noda beide Stimmen, melancholisch manchmal, dann temperamentvoll. Einmal schwarz gekleidet, einmal weiß. Ein Experiment, wie es typisch ist für die japanischstämmige Geigerin, die seit 40 Jahren in Frankfurt am Main lebt. Am 19. Juni kann sie zum ersten Mal seit November 2020 wieder vor Livepublikum auftreten: im Rahmen der Konzerte im Impfzentrum der Stadt in der Festhalle.

In ihrer Wohnung am Rande des Westends kommt unser Gespräch natürlich auf die beiden Instrumente, mit denen die Musikerin seit Jahrzehnten geradezu verwachsen ist. Und die sie mit zärtlicher Fürsorge präsentiert. Da ist die Bratsche, auf die sie „sehr stolz“ ist, 1780 gebaut von Pietro Giovanni Mantegazza. Und dann die Geige, die Louis Guersan 1767 in Frankreich schuf. Jedes Instrument verkörpert einen fünfstelligen materiellen Wert; was sie ideell bedeuten, ist schwer in Worte zu fassen. Die Geige schenkte ihr einst ihr Vater, als die Tochter in Paris am Konservatorium studierte. Und die Bratsche ist eine Liebesgabe ihres Ehemannes, der selbst Solobassist war im Orchester der Frankfurter Oper. Dort spielte auch Noda 17 Jahre lang, bis sie 2005 ausbrach. „Es war eine sehr schöne Zeit, aber ich wollte etwas Eigenes machen“, erinnert sie sich. Den Schritt in die künstlerische Selbstständigkeit hat die Geigerin nie bereut.

Geboren und aufgewachsen ist sie in der japanischen Metropole Tokio, aber nicht etwa als Tochter eines musizierenden Paares. Doch ihr Vater produzierte beim Rundfunk Sendungen mit klassischer Musik, und so kam Yumiko schon als kleines Kind mit dieser Sphäre in Berührung. Sie war zwei Jahre alt, als sie im Fernsehen ihr erstes klassisches Konzert sah und hörte. Die Geigen, immer wieder groß im Bild zu sehen, faszinierten sie. „Ich wollte so ein Instrument haben“ – ein Lächeln begleitet diese Worte. Fast ein Jahr musste sie noch warten, denn eine Kindergeige gab es erst für Dreijährige. Seither hat sie dieses Instrument nie mehr losgelassen.

Die 65-Jährige versucht zu beschreiben, was sie an der Geige fasziniert. Sie streicht nachdenklich das schwarze Haar zurück, das ihr Gesicht umrahmt. „Mit der Geige lässt sich so musizieren wie mit der menschlichen Stimme singen“, sagt sie schließlich. Immer wieder versuche sie so zu spielen, dass es an Gesang erinnere. Schon als Kind konnte sie ihre Eltern bei vielen Opernaufführungen begleiten, „ein großes Glück“. In dieser Zeit war es die Märchenoper „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck, die sie besonders beeindruckte: „Mit dieser Musik bin ich abends eingeschlafen.“ Als das Werk in der Oper von Tokio aufgeführt wurde, durfte sie als kleines Mädchen dem Sänger des Peter einen Blumenstrauß überreichen. Es war Norio Oga, der später als Chef des Sony-Konzerns Weltruhm erlangte.

Bald führte ihr Weg die junge Musikerin nach Europa. Mit einem Stipendium der französischen Regierung begann Noda ein Studium der Geige am Konservatorium von Paris. Ihr Vater hatte ihr von seinen Aufenthalten in der französischen Hauptstadt zuvor Postkarten geschrieben, deren Motive ihr unvergesslich sind, etwa der Spiegelsaal von Versailles. „Und er brachte mir französische Notenhefte für Kinder mit, das war entscheidend.“ Noda holt ein abgegriffenes altes Bündel mit Noten hervor. Noch heute schwärmt sie von der „Freiheit“, die sie in Paris erlebt habe. Die Sprache lernte die junge Frau rasch, bald spielte die Stipendiatin erste Konzerte vor französischem Publikum.

Doch der Mann ihres Lebens, mit dem sie bis heute zusammen ist, wurde kein Franzose, sondern ein junger japanischer Musiker, den sie bereits in Tokio kennengelernt hatte. Die beiden heirateten und begannen eine anstrengende Fernbeziehung. Denn während sie in Paris noch bis 1981 ihre Ausbildung am Konservatorium abschloss, bekam er sein erstes Engagement als Orchestermusiker in Westberlin. „Das bedeutete eine Zugfahrt von 14 Stunden“, lacht Noda. Oft genug ist sie die Strecke gefahren.

zur person

Yumiko Noda wurde 1956 in der japanischen Hauptstadt Tokio geboren. Von 1977 bis 1981 studierte sie Geige am Konservatorium in Paris.

1981 zog sie nach Frankfurt um. Sie arbeitete zunächst mit Gruppen der freien Szene wie der Kammeroper Frankfurt. Dann wurde sie Mitglied des Orchesters des Hessischen Rundfunks und 1988 des Orchesters der Oper Frankfurt.

Seit 2005 ist sie selbstständige Musikerin und tritt in ganz Deutschland auf, unter anderem mit dem Pianisten Olaf Joksch und der Bühnenbildnerin und Regisseurin Petra Straß.

Am 19. Juni spielt sie im Impfzentrum der Stadt Frankfurt in der Festhalle. jg

1981 schließlich zog das Ehepaar nach Frankfurt am Main um. Die ersten Jahre für die jungen Japaner nennt die Musikerin „schwierig“. Sie ist viel zu zurückhaltend, um näher ins Detail zu gehen. Nur so viel: „Ganz am Anfang war die Stimmung der Menschen uns gegenüber nicht so positiv, sie hielten uns für merkwürdig.“ Bis zur Gegenwart allerdings habe sich Frankfurt sehr verändert: „Es ist offener geworden.“ Mehr als 4500 Menschen mit japanischen Wurzeln leben in Stadt und Region, viele Geschäftsleute sind darunter, es gibt eine japanische Schule ebenso wie japanische Buchläden und ein japanisches Filmfestival. „Viele unserer Freunde leben in gemischten Familien, oft ist der Ehemann nicht japanisch“, sagt die Geigerin.

Am Anfang ihrer Zeit in Frankfurt spielte Noda mit Gruppen der freien Szene, etwa bei der 1982 von Rainer Pudenz gegründeten Kammeroper Frankfurt. Tourneen führten sie bis nach Florenz. Ihre erste feste Station war das Orchester des Hessischen Rundfunks, in dem sie bald zur stellvertretenden Konzertmeisterin aufstieg. 1988 wurde die Musikerin Mitglied des Orchesters der Frankfurter Oper. Doch nach mehr als 15 Jahren in fester Anstellung wuchs in ihr der Gedanke: „Ich könnte etwas anderes versuchen.“

Die Geigerin betont, sie habe bei der Oper keine negativen Erfahrungen gemacht. „Ich hatte auch keine Probleme als Frau.“ Wenn auch die Männer die klassischen Orchester noch immer dominierten, gebe es doch langsam mehr Musikerinnen: Geigerinnen, Bassistinnen, Hornistinnen, Oboistinnen. Nur ein Mangel scheint ihr augenfällig: „Es wäre schön, wenn es mehr Dirigentinnen gäbe.“ Noda hebt ausdrücklich die junge Erina Yashima hervor, derzeit Assistentin am Philadelphia Orchestra: „Sie wird ihren Weg machen.“

Die Geigerin aber machte sich 2005 selbstständig. Oft tritt sie als Duo mit dem Pianisten Olaf Joksch auf. Entwickelt alte Kammermusik weiter, schreibt sie für andere Instrumente um. Mit einem Stipendium des Deutschen Musikrates erarbeitet sie gerade ein Video mit Musik der französischen Komponistin Pauline Viardot, aus Anlass des 200. Geburtstages der Pianistin am 18. Juli.

Eine enge Partnerin ist ihr seit langem die Bühnenbildnerin Petra Straß. Mit ihr entstehen intensive Performances. „Looking for Orlando“ hieß zum Beispiel schon 2010 ein Stück, mit dem die beiden in Brandenburg auftraten. Angelehnt an den Roman von Virginia Woolf aus dem Jahre 1928, in dem der junge Adlige Orlando eines Tages als Frau erwacht. Die Inszenierung hinterfragte, mit der Musik von Noda, die angestammten Rollen von Frau und Mann in der bürgerlichen Gesellschaft.

Heute bilanziert die Musikerin ihre Selbstständigkeit mit einem Satz: „Ich fühle mich sehr glücklich.“ Auch bei ihrem Auftritt im städtischen Impfzentrum in der Frankfurter Festhalle am 19. Juni werden besondere Stücke zu hören sein, etwa eines des französischen Barockkomponisten Marin Marais. Und Noda plant die Zeit nach Corona: Ein Konzert soll es im November im Goethehaus in Frankfurt geben, weitere in Heidelberg und Offenbach.

Die gebürtige Japanerin hält noch immer den Kontakt in ihr Geburtsland. Mit ihrer 88-jährigen Mutter, die in Tokio lebt, kommuniziert sie per Videochat. Einmal im Jahr fliegt sie normalerweise zum Besuch in das Inselland, 2020 ist der Flug zum ersten Mal seit langem wegen der Corona-Pandemie ausgefallen. Doch an ihrem Lebensmittelpunkt lässt Yumiko Noda keinen Zweifel: „Frankfurt ist meine Heimat, ich bleibe hier.“ An den Wänden ihrer Wohnung zeigen die Kopien alter Stiche historische Ansichten der Stadt. Auf dem Frankfurter Hauptfriedhof geht sie gerne den Spuren der Kulturgeschichte nach, steht wehmütig etwa am Grab des Dichters Felix Schumann, des jüngsten Kindes aus der Ehe von Clara und Robert Schumann, das nur 24 Jahre alt wurde. Oder vor der letzten Ruhestätte des Philosophen Theodor W. Adorno, dessen Musikstücke sie kennt. Keine Frage, Yumiko Noda, die Frankfurterin aus Japan, ist stolz auf ihre Stadt.

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