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Das Fichtenmannifest

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Von: Stefan Behr

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Weihnachtsbaum Manni hat schon einiges erlebt, aber lesen Sie nur selbst … rolf oeser
Weihnachtsbaum Manni hat schon einiges erlebt, aber lesen Sie nur selbst … rolf oeser © Rolf Oeser

Am Römer steht ein Tannenbaum, der dem Schweigen des Waldes mit Wortgewalt begegnet.

Über allen Wipfeln ist endlich Ruh’. Zumindest im Main-Kinzig-Kreis, seit Manni, die Fichte, vor wenigen Tagen aus dem Spessart zum Frankfurter Römer … „Wissen Sie, dass ich früher von diesem Ort geträumt habe? Und zwar schlecht. ,Immer brav Osmose machen‘, hat mein Baumpate mir jeden Abend vorgewispert, ,sonst holt dich der Förster und schleppt dich als Weihnachtsbaum zum Frankfurter Römer, wo du von den Menschen als ,Krüppelkiefer‘, ,Pannenbaum‘, ,Bonsaitanne‘ und ,Offenbacher‘ verspottet wirst.‘ Boomerblödsinn! Ich hab’ hier jedenfalls noch kein Tree-Shaming erlebt. So was gibt es, keine Frage, das ist ja auch innerdendrologisch ein Riesenproblem. Mein Baumpate etwa ist ein Fichtenchauvi und Laubbaumhasser und beginnt jeden zweiten Satz mit ,Ich habe ja nichts gegen Laubbäume, einige meiner besten Freunde sind Laubbäume, aber …‘ und ich dann ,Aber du kennst doch gar keine Laubbäume, welke Wutfichte!‘ und er ,Weil das hier ein Nadelwald ist und auch bleiben soll!‘ und ich ,Du hängst ganz schön an der Nadel, Forstfascho!‘ und er ,Geh doch in den Odenwald, wenn’s dir hier nicht passt, naseweises Rotfrontahorn‘ und ich … aber ist ja auch mulch …, was wollte ich sagen?“

Frankfurter Römer … „Sag’ ich doch. Also in der Tannenhölle, wie die Alten sungen. Die singen viel, wenn der Tag lang ist. Verstehen Sie mich nicht falsch. Die Altbäume sind schon ganz in Ordnung, machen ja auch gute Sachen, vegane Ernährung, Gewaltverzicht, Schatten spenden, Blitz ableiten und so. Aber die sind halt auch tief verwurzelt in ihrem Heimathumus und ideologisch hartholzig. Bei der Klimakatastrophe etwa sind die alle auf dem Holzweg. ,Panikmache‘, sagt mein Baumpate immer, ’immer schön Osmose machen, dann kann nichts passieren, Klima ist nur für Menschen schädlich, und je weniger, desto besser‘, und ich ,Speziesistischer Schwachsinn, man muss die Menschen warnen, mit ihnen reden!‘, und er ,Kannste ja versuchen, hier kommt nur alle Jubeljahre der Förster vorbei, und der ist eh in der SPD‘, und ich ,Dann gehe ich eben dahin, wo mehr Menschen zuhören, und wenn’s der Weihnachtsmarkt am Römer ist!‘, und er … ach, was soll’s…, wo war ich stehengeblieben?“

Auf dem Weihnachtsmarkt am Römer … „Ach so, ja, das war dann aber doch eher Zufall. Oder Schicksal? Wie auch immer: Ich natürlich im Spessart die Osmose verweigert, um die Alten zu ärgern. Die haben gesagt, das sei die Pubertät, weil 50 bis 60 Jahre für eine Fichte schlimmstes Alter, immer schon so gewesen. Jedenfalls ein Aufbäumen! Und eines Tages kam dann wirklich einer, der hieß aber nicht Förster, sondern Feda, und in der SPD war der auch nicht, hab’ ich ihn gefragt. Netter Typ eigentlich, ein Franke, die sind lustig. Ist aber vielleicht auch ein Vorurteil. Der guckt mich mit so einem Funkeln an und sagt ,Du bist ja ein Prachtbursche!‘ und ich ,Prächtig ganz gewiss, Bursche nur vielleicht!‘ und er ,Häh?‘ und ich ,Wir Fichten sind monözisch, also einhäusig getrenntgeschlechtig, alle Bäume haben weibliche und männliche Blütenorgane, manchmal sogar zweigeschlechtige. Während die weiblichen Blütenzapfen meist aus endständigen Knospen …‘, aber da hat der schon Kopfhörer auf und Motorsäge an. Fand ich dann doch etwas übergriffig. Allerdings muss man sagen, dass der Mensch auf Gewalt gegen Bäume kein Monopol hat, ich kenne da ein paar Bieber, nix gegen Bieber, einige meiner besten Bieber …, aber ich schweife ab …, jedenfalls der sägt, und ich dann Filmriss und als ich wieder zu mir komme bin ich hier, und …“

Und … „Niemand meckert. Die Frankfurter lieben mich, und die Frankfurterinnen erst, aber hallo! Sie lesen mich als schön. Eigentlich will ich mich nicht über mein Äußeres definiert oder als Objekt gesehen werden – aber wenn’s der Wahrheitsfindung dient. Ein paar Hater mäkeln mitunter, dass ich mit 26 Metern ein wenig klein gewachsen sei. Aber denen sage ich: ,Was stört’s die stolze Fichte, wenn sich ein Giftzwerg an ihr reibt?‘ Der ist von meinem Baumpaten, einer seiner wenigen guten. Aber es kommt auch gar nicht auf die Länge an, sondern auf die Technik. Und die ist bei mir klimarevolutionär: 4000 statt wie sonst 6000 Lichter, später an, früher aus, 70 Prozent weniger Brenndauer. Das ist die Botschaft. Ich bleibe, bis die den Menschen einleuchtet.“

Das kann dauern … „Mich kriegt hier keiner weg. Hab’ mich festgeklebt. Keine Sorge, ist Harz, absolut bio, aber klebt wie Wildsau. Bis vor kurzem kam auch jeden Abend so ein Mensch zu mir, netter Typ, aber grusliges Grinsen, ein Rapper glaub’ ich, wegen der heavy Halskette, der wohnte da in dem großen Haus da mit dem Mordsbalkon. Der hat immer gesagt, er brauche Harz für seinen Stuhl. Hab’ ich nicht kapiert. Ich hab’ eh das meiste, was der erzählt hat, nicht kapiert, und vor ein paar Tagen kommt er wieder, hat aber nicht so gegrinst wie sonst, und sagt, das Harz habe versagt und er müsse jetzt harzen, und ich ,Häh?‘ und er ,Alle haben mich verraten, selbst meine eigene Partei!‘ und fällt mir weinend um den Stamm, ohne zu fragen, fand ich übergriffig, aber man ist ja nicht aus Stein, ich jedenfalls: ,Ich kenne keine Partei, Bro, aber ich kenne einen Förster, der ist in der SPD‘, so als Trostversuch, aber da hat der nur noch schlimmer geheult und ist dann weg. Kam auch nicht wieder. Manche Menschen … Aber jetzt hab’ ich irgendwie die Nadel verloren …“

Den Faden, man sagt, man verliert den … „Die einen sagen so, die anderen so. Wo waren wir? Ach ja, die Standortfrage. Die Antwort lautet: Hier stehe ich, ich kann nicht anders! Und trotze Blitz und Borkenkäfer! So lange, bis die Welt nicht mehr untergeht!“

Und danach … „Besuche ich vielleicht mal das Klapperfeld. Bin eingeladen.“

Ins Klapperfeld ein … „Ja, lustige Geschichte. Ich hatte mal einen Besetzer, so ein One-Night-Stand. Hatte sich im Forst geirrt, wollte eigentlich zum Dannenröder, ich sag ,Schlaf doch hier, ist eh schon spät‘ und er ,Wenn das OK für dich ist‘ und ich ,Na dann gute Nacht!‘ und dann mein Baumpate ,Schlaf bloß nicht mit dem, die haben alle Zecken!‘ und ich ,Dreimal geimpft nimmt Zecken den Schrecken!‘ und er ,Impfschäden sind Waldsterbensursache Nummer Eins!‘ und ich ,Lalala‘ gesungen und Äste in die Ohren, um ihn zu ärgern, und er dann ,Der Wald am Rhein‘, um mich zu ärgern, und ich dann ,Bella Ciao‘ und hin und her, die ganze Nacht, ich singe gern, und am frühen Morgen ist der Besetzer dann abgehauen. Vorher hat er noch gesagt, wenn ich mal in Frankfurt sei, sollte ich ihn im Klapperfeld besuchen, er halte mir einen warmen Platz am Lagerfeuer frei. Netter Typ. Hab’ auch ein Lied für ihn gemacht. Wollen Sie mal hören? Ich singe gern. Goethe hat mal gesagt: ,Wenn der Wald singt, leg’ dich nieder, Bäume kennen oft die schönsten Lieder.‘“

Das hat Goethe so nie … (singt) „You may say I’m a tree, ma, but I’m not the only one, I hope someday you’ll join us, and the wood will be as one …“

Schwieriger Baum, dieser Manni. Aber schmuck, das muss man ihm lassen.

Was stört’s die stolze Fichte, wenn ein Giftzwerg …

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