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„Das Fehlen der Überlebenden schmerzt“

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Von: Hanning Voigts

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Nadine Docktor (39) ist Lehrerin für Geschichte und Deutsch und ist seit dem Schuljahr 2019/2020 an das Fritz-Bauer-Institut abgeordnet. Dort berät sie Lehrkräfte und andere Multiplikator:innen bei der Vermittlung der Geschichte des Nationalsozialismus. Außerdem entwickelt sie Unterrichtsmaterial und Bildungsangebote wie Workshops oder Führungen.
Nadine Docktor (39) ist Lehrerin für Geschichte und Deutsch und ist seit dem Schuljahr 2019/2020 an das Fritz-Bauer-Institut abgeordnet. Dort berät sie Lehrkräfte und andere Multiplikator:innen bei der Vermittlung der Geschichte des Nationalsozialismus. Außerdem entwickelt sie Unterrichtsmaterial und Bildungsangebote wie Workshops oder Führungen. © Privat

Nadine Docktor vom Fritz-Bauer-Institut über den Tod vieler Zeitzeuginnen des Holocaust.

Frau Docktor, in den vergangenen Jahren sind einige sehr bekannte Auschwitz-Überlebende gestorben, die auch viel als Zeitzeuginnen aktiv waren, etwa Ruth Klüger, Esther Bejarano und Trude Simonsohn. Was ändert sich dadurch, dass diese Menschen von uns gehen?

Die von Ihnen genannten Zeitzeuginnen haben das Gedenken an den Nationalsozialismus durch ihre Gespräche und ihre Persönlichkeiten besonders geprägt. Ihr Fehlen schmerzt menschlich, aber auch deshalb, weil sie durch ihre Präsenz und mit ihrer Geschichte eine sehr authentische Verbindung zwischen dem Heute und der Geschichte, dem Nationalsozialismus und der Verfolgung, ermöglicht haben. Für viele Jugendliche ist diese Geschichte weit weg, aber durch die Begegnung mit Zeitzeuginnen kam sie ihnen näher. Das fehlt jetzt leider.

Die Überlebenden konnten auch davon berichten, wie Verfolgung beginnen kann …

Auf jeden Fall. Sie konnten das Bewusstsein vermitteln, dass Demokratie und Rechtsstaatlichkeit nicht natürlich gegeben sind. Auch deshalb ist der Verlust so groß. Viele Jugendliche in Deutschland kennen ja glücklicherweise nur das Leben in Freiheit, die NS-Diktatur sehen sie als Geschichte an, die weit von ihnen entfernt ist. Das Schicksal von Menschen, die sich für demokratische Werte engagiert haben und dafür Verfolgung in Kauf nahmen, hat nicht nur einen Vorbildcharakter, sondern sensibilisiert auch eindringlich dafür, dass Demokratie Engagement braucht.

Wieso sind gerade persönlichen Gespräche mit Zeugzeug:innen pädagogisch so wertvoll?

Menschen interessieren sich für Menschen. Wer ein Zeitzeugengespräch besucht, bekommt einen mehrdimensionalen, authentischen Zugang zu einem historischen Thema. Auch schriftliche Zeugnisse oder Orte sind authentisch, aber sie bieten keinen persönlichen Austausch

Es gibt Hunderte Interviews mit Überlebenden auf Film, sehr viele Autobiografien. In Zukunft wird pädagogische Arbeit zum Holocaust sich darauf stützen müssen, oder?

Ja, es gibt sehr viele gute schriftliche und filmische Quellen. Viele der Menschen, über die wir schon gesprochen haben, haben ihre Erfahrungen verschriftlicht. Diese Autobiografien kann man in der pädagogischen Arbeit sehr gut einsetzen, auch in Auszügen. Und da wir diese Vielfalt an Erinnerungen und Zeugnissen haben, können wir auch den verschiedenen Interessen der Jugendlichen Rechnung tragen. Zusammen mit Interviews und vielen weiteren, auch digitalen Formaten haben wir sehr viele Quellen, die auch über den Tod hinaus die Botschaft, die die Zeitzeug:innen vermittelt haben, erfahrbar machen.

Die vom US-Regisseur Steven Spielberg begründete USC Shoah Foundation, die Tausende von Interviews mit Holocaustüberlebenden gefilmt hat, hat eine Technik entwickelt, Überlebende als Hologramm in den Raum zu werfen. Man kann ihnen dann wie in einem Gespräch Fragen stellen. Funktioniert das?

Ich finde den Versuch, die Erfahrung einer persönlichen Begegnung mit Zeitzeugen unsterblich zu machen, sehr nachvollziehbar. Das ist ein Wunsch, den auch viele Zeitzeugen formulieren. Auch die „Einsicht“, das Bulletin des Fritz-Bauer-Instituts, hat sich 2019 intensiv damit auseinandergesetzt. Ich persönlich bin etwas skeptisch, weil suggeriert wird, dass man in einem echten Gespräch ist, obwohl das nicht der Fall ist. Wenn Schüler Fragen stellen, generiert die Technik eine passende Antwort des Hologramms. Für bestimmte Fragen kann das funktionieren, aber gerade individuellere Fragen können so nicht wirklich beantwortet werden. Ich würde daher eher auf gefilmte Interviews setzen.

Überlebende haben oft auch bei Gedenkveranstaltungen immer eine zentrale Rolle gespielt. Wie wird sich die Erinnerungskultur verändern, wenn es keine Zeitzeug:innen mehr gibt?

Es sollte bei Gedenkveranstaltungen auch weiter um Menschen und ihre Schicksale gehen, auch wenn sie selbst nicht mehr sprechen können. Wir können ja ihre Botschaften, wir können Zitate von ihnen vermitteln. Vielleicht sollte das Gedenken auch partizipativer werden, die Gesellschaft als Ganze sollte sich immer fragen: Was erinnern wir? Und warum?

In Frankfurt wurde zuletzt versucht, die Erinnerung lokal zu verankern, etwa durch die Gedenkstätte an der alten Großmarkthalle oder auch in der Diskussion um einen Gedenkort für das KZ-Außenlager in den Adlerwerken im Gallus. Ist es wichtig, das zu tun?

Ich halte das für sehr wichtig. Orte haben immer eine große Rolle für das Erinnern, aber auch für die Pädagogik gespielt. Lokale Erinnerungsorte holen im Hier und Jetzt ab und schaffen so eine tragende Verbindung zur Geschichte. Sie können als steinerne Zeugen Interesse wecken und die historische Auseinandersetzung stärken – manchmal vielleicht nachhaltiger als ein Besuch in einer weit entfernten KZ-Gedenkstätte. Sie zeigen, dass Auschwitz nicht in Auschwitz begonnen hat, sondern vor Ort.

Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, sich weiter mit der Geschichte des Nationalsozialismus zu befassen?

Dazu kommt mir als Erstes Theodor Adorno in den Sinn, „dass Auschwitz nicht noch einmal sei“. Das mag abgegriffen klingen, ist aber weiterhin eine zentrale Aufgabe für uns alle. Wir müssen darauf achten, dass Antisemitismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit sich nie mehr ausweiten können, und wir müssen dafür sorgen, dass die Opfer nicht vergessen werden. Wir sind den Ermordeten und Verfolgten zumindest die Erinnerung schuldig.

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