Das Desaster der Bäume

Frankfurt trocknet in der Dürre aus – Tausenden Bäumen droht die Fällung

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Die Stadt Frankfurt trocknet aus. Die Mitarbeiter des Grünflächenamts Frankfurt kämpfen bis zur Verzweiflung ums Grün, aber der Klimawandel liegt schier uneinholbar in Führung.

  • Die Bäume in Frankfurt leiden das dritte Jahr in Folge unter dem trockenen Sommer
  • 4000 Bäume werden im Stadtgebiet Frankfurt gefällt werden müssen
  • Mehr Patenschaften für Bäume könnten helfen

Frankfurt - Es sengt. Als Brathuhn in der Sonne wäre man jetzt gar, als Fischfilet vermutlich schon verkohlt. Als Rasen am Frankfurter Mainufer ist man noch grün, wenn man das Glück hat, zwischen Friedens- und Alter Brücke zu wachsen, wo zeitweise Berieselungsanlagen mit Flusswasser arbeiten. Als Rasen außerhalb dieser Zone ist man braune Steppe geworden. Es sei denn, man hat einen Baum, der einen beschattet. Ach, Bäume. Ein trauriges Thema.

„Vor so einem Desaster haben wir noch nie gestanden“, sagt Heike Appel, die Leiterin des Grünflächenamts in Frankfurt. 4000 Bäume, rechnet sie hoch, werden in diesem Jahr wieder gefällt werden müssen, so viele wie im vorigen Jahr – und das nur auf den öffentlichen Flächen in der Stadt. Da ist der Wald noch nicht eingerechnet, der zu 97 Prozent krank ist. Krank von der Trockenheit. Anfällig für Pilze und Schädlinge. Im Taunus an der Hohemark, deren Forst teilweise zum Frankfurter Stadtwald gehört, mussten hektarweise Fichten gerodet werden.

Frankfurt: Grünflächen und Bäume leiden unter mangelndem Regen

Und allein im Stadtgebiet: 4000 Bäume. „Es ist geradezu gewaltig“, sagt Appel. Dabei dachten die Grünhüter, nachdem die siechen Stämme von 2019 entfernt waren, könne es in diesem Jahr nicht mehr schlimmer werden.

Im Frankfurter Norden sieht es eigentlich noch recht grün aus auf den Wiesen. Stellenweise. Ganz besonders im Eschersheimer Schwimmbad, wo sich am Freitag viele Menschen tummeln, erstaunlich viele für Corona-Zeiten, drinnen und in der Warteschlange. So viele, dass die Zufahrtsstraße vollgeparkt ist und Familien mit Lastenrädern nicht mehr wissen, wohin. Vor ihnen steckengebliebene Autos, neben ihnen ein unüberwindlich hoher Bürgersteig.

Es brät. Aber was schlimmer ist als die Hitze: Es regnet einfach nicht mehr. Die Niederschläge im Winter und im Frühjahr waren gut, sagt Amtsleiterin Appel, aber ihr Effekt ist längst aufgebraucht. „In der Bodenschicht, die den Bäumen jetzt helfen würde, um Wasser und Nährstoffe aufzunehmen, bis 60 Zentimeter etwa, ist alles weg.“

Wasser aus dem Main soll jungen Bäumen in Frankfurt helfen

Die Frankfurter Stadtbäume sind auf Regen angewiesen, von unten aus dem Grundwasser können sie nichts erwarten – zu weit entfernt. Deshalb sind die Leute vom Grünflächenamt jetzt wieder einmal am Wässern, was das Zeug hält. Und am Fällen der sturzgefährdeten Bäume, Stichwort Verkehrssicherungspflicht. Zu anderen Aufgaben kommen sie fast gar nicht mehr. Sträucher schneiden, Wege ausbessern, dies, das, später, später. Aber später, ab September, geht es erst richtig los mit dem Tote-Bäume-Fällen. Wenn das Wässern der hoffentlich Überlebenden vorbei ist.

In der neuen Altstadt ist es schön schattig. Die engen Gassen sind dafür günstig. Aber arm an Grün. Auch auf der Zeil benutzen die Leute die Schattenseite, oder sie haben einen Schirm dabei und sind asiatische Touristen. Freßgass, Alte Oper, die Bäume geben sich noch grün – wie lange halten sie das durch? Der August wird ihnen noch viel abverlangen.

Mainwasser soll den Jungbäumen stärker als bisher helfen. Die Stadt arbeitet an einem System dafür. Aber Umweltschutzorganisationen fordern umfassende Veränderungen. Gerade hat der WWF Sofortmaßnahmen gegen die Dürre verlangt. Das betrifft vor allem Fließgewässer wie die Nidda, die streckenweise zäh wie Gel und flach wie eine Pfütze vor sich hinsickert, es betrifft die Landwirtschaft und den Wald, weniger die Innenstädte. Aber längst hat die Wissenschaft erkannt, dass wir nicht umhinkommen, grundsätzlich neu zu denken, wenn wir den Trend zum Vertrocknen stoppen wollen.

Bäume in Frankfurt sind von Grund auf geschädigt

Und in der Stadt? „Nach drei so schweren Jahren in Folge gibt es eigentlich nicht viel Hoffnung, dass es besser wird“, sagt Heike Appel. Die Bäume seien jetzt von Grund auf geschädigt. „Wir bräuchten in den nächsten Jahren nasse, richtig nasse Sommer.“ Aber der Unterschied zwischen den Sommern 2018, 2019, 2020 und einem richtig nassen Sommer sei so groß, dass daran kaum jemand glaube. „Der Klimawandel verspricht etwas anderes.“

Fakten. Noch vor acht Jahren galt in Frankfurt die Regel, neugepflanzte Bäume zwei Jahre lang zu wässern. Heute werden sie fünf Jahre lang gewässert, und die Männer und Frauen in der grünen Arbeitskleidung stellen fest: Auch das reicht nicht mehr.

Förster konnten immer davon ausgehen, ihren Nachfolgern nach 30 Jahren einen gut bestellten Wald zu übergeben. Das sei vorbei, sagt Appel. „Für die Leute ist das eine persönliche Tragödie. Es ist sehr deprimierend.“ Und sie lobt ihre Belegschaft, ob im Wald oder in der Stadt: „Es ist schon eine Leistung, morgens aufzustehen und weiterzumachen – unter diesen Bedingungen.“

Mehr Patenschaften für Bäume in Frankfurt

Welche Perspektiven gibt es? Etwas Positives? Immerhin: 200 neue Anwärter auf Baumpatenschaften haben sich nach dem Aufruf der Stadt gemeldet. Damit würde sich die Zahl der Paten auf einen Schlag verdoppeln. Da, wo sie schon am Werk sind, fällt den Fachleuten der gute Zustand der Bäume im Vergleich zu anderen Gegenden auf. Und ja: Bürgerinnen und Bürger sind weiter aufgerufen, dem Baum vor ihrer Tür Wasser zu geben, einmal die Woche zehn Eimer. Am besten wäre: Wasser aus der Zisterne. Aber die Zisternen sind leer.

In der Hufnagelstraße im Gallus haben die Bäume jetzt mehr Platz. Ihre Beete wurden vergrößert. Dafür fielen ein paar Parkplätze weg, aber unterm Asphalt kam das Wasser nicht an die feinen Wurzelausläufer. Und natürlich experimentiert die Stadt weiter auf der Suche nach dem klimastabilen Baum der Zukunft. „Wir sind seit zehn Jahren am Umbau der Vegetation dran“, sagt Bernd Roser, im Amt zuständig für die Grünflächenunterhaltung. „Das sind sehr langwierige Versuche. Aber es ist allen klar, dass Veränderungen bei den Straßenbaumarten sein müssen.“

Wie wichtig diese Forschung ist, war selten so intensiv zu erleben wie gerade jetzt. Ob ein Baum zum Unterstellen vorhanden ist oder nicht – bei 35 Grad ist der Unterschied immens. Daran zu denken und an den eigenen CO2- Ausstoß, empfiehlt sich in allen Lebenslagen. Nicht nur bei Hitze. (Thomas Stillbauer)

Auch Online-Handel trägt seinen Teil zum Klimawandel bei, sagt Hessens Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) im FR-Interview.

Rubriklistenbild: © Rolf Oeser

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