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Ursula Busch und Mutter Hannelore Busch (Archiv).

Was die Basis denkt

„Die SPD darf ihre Werte nicht verlieren“

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Ein Gespräch mit der 87-jährigen Sozialdemokratin Hannelore Busch über die Lage der Partei

Beim Frankfurter Jahresparteitag der SPD im April war ihr Stuhl in der ersten Reihe zum ersten Mal seit Menschengedenken leergeblieben. Das kann sich Hannelore Busch bis heute nicht verzeihen. Obwohl die 87-jährige tatsächlich schwer erkrankt ist. Doch die gelernte Physiotherapeutin hat einen großen Teil ihres Lebens der Sozialdemokratie gewidmet. Oder besser gesagt: dem Kampf für die Menschen, die auf der Schattenseite der bürgerlichen Gesellschaft stehen.

Fast 40 Jahre lang führte sie den Stadtteilverband der Arbeiterwohlfahrt in Hausen. Kümmerte sich um Kranke, Alte, Arbeitslose, Abgehängte. Jetzt ist sie zurückgetreten, weil sie selbst einfach nicht mehr konnte.

Seit Jahrzehnten hat sie für die SPD Plakate aufgehängt, Flugblätter verteilt, an Infoständen gestanden. Und jetzt muss die Sozialdemokratin erleben, wie ihre Partei auf Bundesebene ins Bodenlose fällt. „Wenn sie ein Leben lang SPD-Politik mitgetragen haben, dann ist das sehr schmerzlich.“ Pause. Und dann sagt Hannelore Busch leise: „Das tut mir richtig körperlich weh.“ Als Kind hat sie noch die nationalsozialistische Terrorherrschaft erleben und erleiden müssen. Heute schaut sie mit Bitterkeit auf den Aufstieg der Rechtspopulisten in Deutschland: „Es ist wahnsinnig schmerzlich, dass die Menschen nichts lernen.“

Den Abstieg der Sozialdemokraten interpretiert die alte Genossin auch als eine Folge von Wohlstand und Übersättigung in der Gesellschaft. „Das Problem der SPD ist, dass sie zu viel für die Durchschnittsbürger erreicht hat.“ Niemand, sagt sie geradezu verwundert, wolle heute noch mit seinen Händen arbeiten.

Die Grünen profitierten direkt von dieser Entwicklung. „Ihre Erfolge sind unsere Misserfolge.“ Busch begegnet dem Aufwärtstrend der Grünen auf Bundesebene mit Misstrauen: „Sie versprechen viel, müssen aber im Bund nicht Farbe bekennen.“

Die Mutter von Ursula Busch, der SPD-Fraktionschefin im Römer, ist Realistin genug, die Fehler ihrer Partei zu sehen. „Die SPD hat das Thema Umwelt verpennt.“ Auch das Führungspersonal kritisiert sie. Als Andrea Nahles 2018 zur Bundesvorsitzenden gewählt wurde, freute sich Busch über die erste Frau an der Parteispitze. Heute sagt sie ernüchtert: „Ich nehme Nahles eines übel, das ist ihr Juso-Ton. ,Morgen kriegen sie eins in die Fresse‘: Das sagt man einfach nicht.“

Wird die SPD noch gebraucht? Diese Frage bejaht Busch vehement. „Die SPD darf ihre Werte nicht verlieren.“ Der wichtigste sei „die Solidarität mit den Schwächsten.“ Hier gebe es noch viel zu tun: die Situation in den Krankenhäusern verbessern, dafür sorgen, dass die Großkonzerne endlich Steuern zahlen.“

Die 87-jährige ist überzeugt: „Wenn die SPD ihren sozialen Kern ausbaut, kommt sie wieder auf die Beine.“

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