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Darauf eine Marzipanrolle

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Auch Michael Quast liest fleißig seinen Abschaffel.
Auch Michael Quast liest fleißig seinen Abschaffel. © Andreas Arnold

Startschuss in der Nationalbibliothek für die zweite Auflage von "Frankfurt liest ein Buch" – mit Genazinos Abschaffel.

Von Anita Strecker

Er raucht im Büro, zwirbelt dabei selbstvergessen an den Augenbrauen und legt ausgerissene Haare einzeln an den Rand des Aschenbechers. Abschaffel, gelangweilter Angestellter, Anti-Held, der an seinem ereignislosen Alltag verzweifelt, sich wie ein Don Quichotte der Großstadt mit Streifzügen durch selbige dagegen stemmt – und doch scheitert. Natürlich geht es um Abschaffel, Wilhelm Genazinos Frankfurter Romanheld von 1977, um den sich ab heute ganz Frankfurt dreht.

Die Stadt liest Abschaffel: Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU) hat die zweite Runde des stadtweiten Lesefestes am Montag Abend in der Deutschen Nationalbibliothek eröffnet. „Es ist nicht selbstverständlich, dass sich eine Stadt so einlässt auf ein Buch“, und doch sei er überzeugt, so Semmelroth, dass Genazinos Frühwerk Abschaffel an die Euphorie der ersten Runde mit Sengers Kaiserhofstraße anknüpfen kann. „Es ist keine Literatur für alle, aber Literatur, auf die einzulassen, für alle ein Gewinn ist.“

Schon wegen des Witzes, des Tagträumers, der statt Griesheim Griesgram liest, und dem gleich die wildesten Assoziationen einfallen. Für den „glücklichen Verleger“ Michael Krüger vom Münchener Hanser Verlag ist es dennoch kein heiteres Buch, sondern die die genaue Betrachtung eines einzelnen Menschen in der Menge, der nicht mehr zurechtkommt in der Stadt, mit seinem Alltag.

Bernd Loebe als Vorleser

Der Autor Wilhelm Genazino indes hält sich mit Interpretationen zurück, ist kurz vor Beginn der Eröffnung des zweiwöchigen Lesefests einfach nur glücklich über die späte Ehrung seines Anti-Helden, der anfangs in den 70ern bei allen nur aneckte, wie er sagt. Bei den Feministinnen wegen Abschaffels verqueren Beziehungen zu Frauen und seinen sexuellen Vorlieben: „Sie beschimpften Abschaffel als frauenfeindlich.“ Die Gewerkschafter waren sauer über die Figur, die sich nicht gegen die Arbeitsbedingungen auflehnte und bei den linken Studenten fiel er durch, weil er zu wenig revolutionär – schlimmer noch: reaktionär war.

Und doch wurde Abschaffel auf wundersame Weise ein Erfolg, sagt Genazino, der eigentlich nur einen Band, keine Trilogie schreiben wollte. „Aber der Verlag musste gleich zweimal nachdrucken, dass die Idee entstand.“ Abschaffel, ein stiller Außenseiter in jeder Hinsicht, den Genazino im Nachhinein betrachtet, „doch ganz aktuell und repräsentativ“ findet.

Ein Spiegelbild, über das man dennoch genüsslich schmunzeln darf, wie acht prominente Gäste, darunter Opernintendant Bernd Loebe, Eva Demski und Michael Best, als Vorleser mit ersten Kostproben belegten – und schon mal einen Vorgeschmack auf das gaben, was bis 15. Mai mit mehr als 50 Veranstaltungen stadtweit Lese- und Gesprächsstoff liefert.

Insgeheim wurde dem Autor oft unterstellt, er habe sich mit Abschaffel selbst beschrieben und verewigt. Einschlägige Indizien sprächen dafür: Romanheld und Autor sind beide in Mannheim geboren und beide leben mit Wonne in Frankfurt. Alles Quatsch und Gerede und Abschaffel einfach nur reine Kunst, hält Genazino wacker dagegen. Bei letzterem dürfte niemand dem 68 Jahre alten Büchnerpreisträger widersprechen.

Und über alles andere kann der Wahl-Frankfurter ausgiebig in Werkstattgesprächen, bei Vorträgen und Schulbesuchen diskutieren, zu denen er in den nächsten beiden Wochen kreuz und quer durch Frankfurt fährt.

Ach, könnte Abschaffel den ganzen Rummel um seine Geschichte doch tatsächlich erleben. Vermutlich wäre er völlig außer sich, wüsste erst mal nicht wohin mit seiner Aufregung. Aber vielleicht würde er ja zu dem probaten Mittel aus dem zweiten Band „Vernichtung der Sorgen“greifen: „Abschaffel beschloss, zur Feier der Harmlosigkeit des Geschehens in einer Bäckerei eine Marzipanrolle zu kaufen und sie auf der Stelle aufzuessen.“ Nicht die schlechteste Idee.

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