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Im "großen Eck" mit Adventskalender ganz hinten: Regine Schuster, Hans-Peter Hoogen, Hans-Jürgen Heine, Peter Behrendt und Takis Sampsounis (von links).

Café Größenwahn in Frankfurt

Ein Ort für Leute mit offenem Kopf

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40 Jahre Café Größenwahn in Frankfurt ? am Samstagabend wird gefeiert.

Der Adventskalender im „großen Eck“ überstrahlt die Szenerie, es gibt was zu feiern. Nein, nicht Weihnachten – den Geburtstag dieser verrückten Kneipe. Das (jawohl, das) Größenwahn wird 40. Und alle sind am heutigen Samstagabend eingeladen. Wollen wir drüber sprechen? Mit den Gründern Hans-Jürgen Heine und Hans-Peter Hoogen, mit Geschäftsführer Peter Behrendt, mit Sewastos Sampsounis, genannt Takis, dem Vater des Größenwahn-Verlags, und im Beisein von Regine Schuster, seit 35 Jahren im Team? Gut. Ab hier: nur noch die Vornamen. Im Größenwahn ist der Rest überflüssig. 

40 Jahre – was fällt Euch eigentlich ein?
Peter: Es ist erstaunlich. Je weiter man zurückdenkt, desto unwahrscheinlicher war es, dass es so lang dauern würde. Als ich hier anfing, hätte ich nicht gedacht, dass ich fast 40 Jahre …

Warum nicht? Sollte das anfangs nur so ein Sponti-Ding sein, das bald wieder …
Hans-Jürgen: Muss er sagen (zeigt auf Hans-Peter). Er ist der eigentliche Gründer. 
Hans-Peter: Stimmt doch überhaupt nicht!

Dezember 1978. Karol Wojtyla ist Papst Johannes Paul II., Helmut Schmidt Bundeskanzler, Walter Wallmann OB, Otto Knefler Eintracht-Trainer, „YMCA“ hüpft auf Platz 1 der deutschen Charts. An der Ecke Nordend-/Lenaustraße eröffnet ein neues Lokal. Sowas gab’s hier noch nie. 

War Geld da? Wie konntet Ihr Euch das leisten?
HJ: Das war nicht mit heute zu vergleichen. Der Abstand hat 30.000 oder 40.000 Mark gekostet, und sonst haben wir sehr viel selbst gemacht. 
HP: Ich war abgebrochener Jura-Examensmensch, und Hans-Jürgen hat das zweite Jura-Staatsexamen bestanden. Wir kannten uns auch aus der Uni.
HJ: Wir waren schon seit 1972 befreundet.
HP: Ich habe die ganze Gegend abgegrast, wie so ein Pleitegeier, geguckt wo’s nicht mehr so lief: Ich hätte gehört, dass das verkauft werden soll, und wir hätten unter Umständen Interesse. 

In der Gegend gab es durchaus Kneipen. Etwa „Molly’s Pinte“, in der die Wirtin schon mal den Asbach auf ihren immensen Brüsten zum Gast jonglierte. Was es nicht gab, war ein Ort für alle, dick oder dünn, schwul, lesbisch, hetero, rechts, links … na gut, lieber links – aber: tolerant. 
P: Das war wie eine Fahne in den Mond gerammt. Es gab einen langfristigen Plan dahinter – eine offenere, tolerantere Gesellschaft hier schon mal zu praktizieren, das kleine gallische Dorf, das Menschen eine Heimat bietet, die damals an den Rand gedrängt wurden – ihnen die Chance zu geben, sich auch öffentlich zu zeigen, ja: zu präsentieren. 

Das Verrückte: Der Plan ging auf. Sofort standen die Leute in Dreierreihen vorm Tresen. 

Der Name „Größenwahn“ deutet schon etwas Allumfassendes an. 
HP: Der Begriff war ja erst mal negativ belegt durch die Nationalsozialisten. Wir haben ihn neu interpretiert. 
HJ: Er hat ja auch eine selbstironische Komponente. Die Vorgängerkneipen hatten das als Witznamen verpasst bekommen, weil der Volksmund gesagt hat: Die spinnen da alle, die bauen da Wolkenkuckucksheime. 
HJ: Es ging uns um die Schwulen und Lesben. Dass sie sich mit uns öffentlich in der Gesellschaft zeigen können – dafür haben wir auch die Bleiglasfensterscheiben rausgenommen, die hier drin waren, dass sie nicht sozusagen in der Subkultur leben müssen.
HP: Wir wollten kein Schwulenlokal. Wir wollten alle zusammen, mitten in der Gesellschaft – schwul, lesbisch – und Frauen! Das war auch nicht selbstverständlich, dass die sich frei explizieren konnten. 
P: Das war auch lange Zeit ein großer Pluspunkt bei uns: Frauen konnten hier allein herkommen. Das war nicht häufig.

Frau ging damals noch in Begleitung ihres Tischherren aus?
HJ: So ungefähr.
HP: Hier war’s freier als woanders.
HJ: Es gab einen schwulen Mittwoch …
HP: … und was war? Die Schwulen kamen anfangs gar nicht. Aber es war knallvoll an dem Mittwoch – denn alle wollten Schwule sehen. 

Bald darauf kamen sie dann auch. Vielleicht wollten sie Leute sehen, die extra in eine Kneipe gehen, um Schwule zu sehen. Die ersten zwei, drei Jahre beschreiben die Wirte als historische Situation, die es so nie wieder gegeben habe. Die Mischung der Leute: aus der Studentenbewegung, politische Szene, Nachtschwärmer, Homosexuelle, Abendschüler, Drogenabhängige, Zocker, als der Flipper noch stand. 

HJ: Diese Riesenöffnung, das war schon einmalig. 
HP: Die Grünen haben eine Rolle gespielt, und wir haben eine Rolle für die Grünen gespielt. Die Ostpark-Fußballer kamen, Daniel Cohn-Bendit war regelmäßig dabei, Joschka auch. Zur Landtagswahl Anfang der 80er haben wir diesen Spruch erfunden: „Hessen soll wärmer und weiblicher werden.“ Ohne die Frauen wäre nichts zu machen gewesen. Auch als Aids aufkam. Da war die Messe erst mal gesungen mit der Freiheit. Wer hat uns geholfen? Zuallererst die Frauen. 
HJ: Das war für uns auch ein ganz wichtiger Punkt: Aidskranke sind bei uns willkommen, das haben wir sofort gesagt. 

Und? Ist die Welt wärmer und weiblicher geworden? 
HJ: Die Welt nicht. Deutschland schon, Teile Europas … aber wenn man nach Arabien schaut, oder nach Polen …
P: Es gibt auch Rückschritte, siehe die USA unter Trump. 

Die Gruppe schaut aus dem Fenster des „kleinen Ecks“. Da gähnt die monumentale Baugrube des ehemaligen Marienkrankenhauses. Nun kommen Wohnungen. 

HJ: Das Nordend war ein ganz anderes Viertel. Das ist ja wirklich extrem gentrifiziert. Die Wohnungen kosten jetzt 10.000 bis 12.000 Euro pro Quadratmeter. 
HP: Wir kamen ja aus der Hausbesetzerbewegung. Wir waren sozusagen der linke, revolutionäre Teil der ganzen Angelegenheit, und es gab das bürgerliche Engagement der Aktionsgemeinschaft Westend. Damals hat sich schon herauskristallisiert, dass das weiterkriecht, hierher ins Nordend. 

Wer in den 80er und 90er Jahren ausging, landete oft im Größenwahn hinter den Rollläden, die ungefähr um 1.30 Uhr heruntergelassen wurden, um ungestört weiterzufeiern. Es galt eine Sperrstunde, heute nicht mehr, aber trotzdem gibt es weniger lange Nächte. Es hat nichts Geheimes mehr. Eine Zäsur kam mit dem Rauchverbot 2007, aber auch unabhängig davon ein schwebender Übergang hin zum Speiserestaurant. Noch immer wird am Tresen palavert, die Welt erklärt und verändert, aber die formidable Küche hat auch das Flair des Lokals gewandelt. 

Zur 30-Jahre-Feier 2008 gründete Takis, bis dahin Kellner im Team, den Größenwahn-Verlag, der inzwischen 100 Bücher verlegt hat. 

Takis: Wenn dieses Café nicht gewesen wäre und mir eine Heimat gegeben hätte, dann hätte ich hier auch insgesamt keine Heimat gefunden. Für mich ist das hier schon der Beginn der Heimat. So wie man ist, wurde man hier aufgenommen. Ein Ort für Leute mit offenem Kopf. 
HJ: Diese Liberalität, diese Offenheit war bei uns von Anfang an da. Wir mussten aber manchmal ein bisschen eingreifen. Auch für die Schlipsträger, denen man gleich an den Kragen wollte, nur weil sie einen Schlips anhatten. Aber die grundsätzliche Toleranz, die ist bis heute geblieben, die ist ein Prädikat. 

Hat die berühmte Frankfurter Weltoffenheit also in Wirklichkeit ihren Anfang im Größenwahn genommen? „Neeeeiiiiiin …“, wehren alle ab. Aber ein klein wenig kokettierend klingt das schon. 

P: Wir sind mit unserer Toleranz auch nicht immer auf Gegenliebe gestoßen. Kam schon vor, dass wir mit vereinten Kräften Leute hinauskomplimentieren mussten. Einmal haben Gäste einen anderen als Schwuchtel tituliert und wollten damit auch nicht aufhören. Ich habe ihnen gesagt: Ihr geht jetzt, ihr zahlt nichts, ihr habt hier nichts verloren. Worauf ein rauschender Applaus der Gäste folgte.
HJ: Ja, dir ist so was gelungen … (lacht)
HP: … aber Hans-Jürgen und ich, wir waren ja Nullen … (lacht mit)
HJ: … wir hatten Situationen, jeder von uns hing an einem Arm, aber wir konnten den Typen nicht wegbewegen (alle lachen lauter). Das war schon manchmal ein bisschen schwierig. 
HP: Wir neigen nicht zu körperlichen Auseinandersetzungen.

Was ja auch ausgesprochen sympathisch ist. Heißt es übrigens „das“ oder „der“ Größenwahn?
P: Geschmackssache. „Das“, würde ich sagen. Ist einfach mal geschlechtsneutral. 
T: Genderfrei. 
HJ: Ich bin bei „das“.
HP: Ich auch. Café Größenwahn. Ich geh „ins“ Größenwahn. 

Und heute Abend? 
P: Heute Abend feiern wir, und zwar so unverkrampft wie möglich. Das ist ein Geschenk an die Gäste für 40 Jahre Treue und Liebe. Aber auch ein Geschenk an die Mitarbeiter. Deshalb haben wir keine normalen Arbeitsstrukturen, jeder im Team legt Hand an, so wie er mag. So was leicht Anarchistisches, ohne feste Struktur, ohne Tischreservierung, ohne Speisekarte – es gibt einfach das, was es gibt. Alles frei. 

Wie seid Ihr bloß all die Jahre so gut miteinander ausgekommen? 
HJ: Hans-Peter und ich sind ein Kopp und ein Arsch, aber es ist wichtig, dass man den Respekt über so eine lange Zeit bewahrt. Wir haben zu zweit angefangen und sind inzwischen zu acht. Acht Teilhaber.
HP: Bei uns ist alles ein bisschen anders. 
T: Jeder ist zuständig für das, was er am besten kann, und deswegen funktioniert es.
HJ: Wir sind ein Dinosaurier der Studentenbewegung. Aus der Zeit gefallen. So was gibt’s nicht mehr in diesem Erhaltungszustand. Jedes andere Kollektiv hätte es auseinandergeschleudert. Außergewöhnlich – das sind wir. Es ist ein kleines Wunder. Das ist nicht normal. Und auf 40 Jahre schon mal gar nicht.

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