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Verhandlungsauftakt zur Neckermann-Pleite mit dem früheren Unternehmenschef Henning Koopmann (zweiter von links).

Prozess um Neckermann-Insolvenz

Dämpfer für  Insolvenzverwalter von Neckermann

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Der Insolvenzverwalter von Neckermann hat im Prozess um die Neckermann-Pleite einen deutlichen Dämpfer erhalten.

Die Insolvenz des einst sehr erfolgreichen Frankfurter Versandhändlers Neckermann, die im Jahr 2012 mehr als 2000 Menschen ihren Job kostete, hat ein juristisches Nachspiel. Die 21. Zivilkammer des Frankfurter Landgerichts befasst sich seit Dienstag mit der Frage, ob das Unternehmen statt am 18. Juli schon am 23. Mai hätte Insolvenz anmelden müssen. Davon geht der Insolvenzverwalter von Neckermann aus – und fordert von den vier damals tätigen Geschäftsführern des traditionsreichen Unternehmens und den zwölf damaligen Aufsichtsratsmitgliedern, darunter auch Arbeitnehmervertretern, zusammen rund 19,8 Millionen Euro.

Bei diesem Betrag handelt es sich um einen Teil des Geldes, den Neckermann noch nach dem 23. Mai an Dritte überwies, also um eine Summe, die das Unternehmen nach Ansicht der Kläger hätte behalten können.

Richter zweifelt an geforderter Summe

Zum Auftakt der Verhandlung war das Medieninteresse riesig. Das Gericht hatte den Termin extra in einen deutlich größeren Raum verlegt. Mehrere Kamerateams filmten, wie der frühere Neckermann-Chef Henning Koopmann in den Gerichtssaal kam und Platz nahm. Der Versuch, den 1950 von Josef Neckermann gegründeten, lange erfolgsverwöhnten Versandhändler zu retten, und dann das letztendliche Aus hatten im Jahr 2012 monatelang die Frankfurter Politik und Öffentlichkeit beschäftigt. Seit 2014 gehört das Gelände der türkischen Sinpas Holding. Auf dem zwischenzeitlich auch als Flüchtlingsunterkunft genutzten Areal haben sich unter anderem der Logistiker DB-Schenker und das Computerspieleunternehmen Crytek angesiedelt.

Der Vorsitzende Richter der 21. Zivilkammer, Lars Iffländer, machte früh deutlich, dass er die Erfolgsaussichten der Klage für gering hält. Es sehe bei dieser erhebliche Schwierigkeiten formeller und inhaltlicher Art, sagte er. Er bemängelte etwa die Begründung der geforderten Summe und hinterfragte, wieso die Insolvenz ausgerechnet am 23. Mai und nicht an einem anderen Tag hätte erkennbar sein müssen.

Die Kläger argumentieren, dass an diesem Tag Verhandlungen mit dem US-Investor Sun Capital über eine Finanzspritze von 25 Millionen Euro gescheitert seien. Die Zahlung dieses Betrags, der die Liquidität von Neckermann sichern sollte, hatte der Investor, wie Iffländer vortrug, an fünf Bedingungen geknüpft. Eine war ein „Null-Sozialplan“, nach dem rund 1400 Beschäftigte keine Abfindung erhalten hätten. Diese Forderung lehnte der Betriebsrat von Neckermann ab. Auch andere der fünf Bedingungen seien sehr schwer zu erfüllen gewesen, sagte ein Anwalt der Klägerseite. Der Versuch, die Insolvenz abzuwenden, habe einer „Mission: Impossible“ geglichen.

Richter Iffländer wandte dagegen ein, man solle sich nicht zu sehr auf die Rolle des Betriebsrats fokussieren. Nicht dieser, sondern der US-Investor habe schließlich entschieden, ob die 25 Millionen Euro fließen würden oder nicht. Zudem seien vier der fünf Punkte bis zu Ende verhandelt worden. Noch Mitte Juli sei eine Einigung möglich gewesen. Erst am 18. Juli, 10 Uhr, sei dann per E-Mail von Sun Capital die „kalte Dusche“ gekommen. Man sehe doch keine wirtschaftliche Tragfähigkeit der unterbreiteten Vorschläge, hieß es darin.

Auch zu den Forderungen gegen den Aufsichtsrat äußerte sich das Gericht kritisch. Die Frage sei, was dieser habe unternehmen können. Er habe schließlich nicht das Recht, selbst Insolvenz zu beantragen. Anwälte der Beklagten sagten, die Prognosen seien am 23. Mai noch positiv, Lösungen zum Greifen nah gewesen. Sie halten zudem alle Ansprüche gegen die Beteiligten für verjährt. Das Gericht regte erneut einen Vergleich an. Kläger und Beklagte wollen das prüfen. Eine Entscheidung soll am 3. September verkündet werden.

Der Frankfurter Versandhändler Neckermann

Das Versandhaus wird am 1. April 1950 von Josef Neckermann gegründet. Der erste Katalog hat nur elf Seiten. In den 1950er und 60er Jahren expandiert das Unternehmen stark. 1960 bezieht Neckermann das Gebäude an der Hanauer Landstraße.

Große Schwierigkeiten bekommt Neckermann in den 1970er Jahren. 1976 wird das Unternehmen an Karstadt verkauft. Karstadt fusioniert später mit Quelle zu Arcandor. 2007 übernimmt US-Investor Sun Capital 51 der Anteile. Nach der Arcandor-Pleite 2010 gehören ihm alle Anteile.

2012 geht die Neckermann-Geschichte zu Ende. Am 27. April wird der Katalog eingestellt, am 18. Juli meldet das Unternehmen Insolvenz an. Am 28. September wird der Betrieb stillgelegt. 

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