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Frankfurt: Die Straße ist zum Tanzen da

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Von: Thomas Stillbauer

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Da ist Musike drin. Textorstraße in Sachsenhausen.
Da ist Musike drin. Textorstraße in Sachsenhausen. © Oeser

In den Stadtteilen locken viele „Sommerstraßen“ die Leute aus den Häusern und verbannen die Autos für einen Tag.

Es wäre unfair zu sagen, das Angenehmste an der Kiesstraße sei, dass sie an diesem Spätnachmittag komplett im Schatten liegt, von der Jordan- bis zur Robert-Mayer-Straße. Aber es tut so unfassbar gut, wenn man den halben Tag hin- und herradelnd in den Frankfurter Tropentemperaturen verbracht hat, und dann ist da diese „Sommerstraße“, ohne Autoverkehr, mit Schatten – und mit vielen fröhlichen und entspannten Menschen.

Das zeichnet die sogenannten Sommerstraßen nämlich aus: Da fährt an diesem Samstagnachmittag kein Auto, da parkt möglichst auch keins, und die Menschen machen da ihr Ding. Läuft es gut in der Kiesstraße? „Was haben Sie für einen Eindruck?“, fragt Nina Waibel-Rohde von der Initiative „Bockenheim außer Haus“ zurück. Der Eindruck ist: Sieht aus, als liefe das ziemlich gut.

Und es läuft fast überall in Frankfurt an diesem Nachmittag. Es läuft in Rödelheim und Unterliederbach, im Dornbusch, im Nordend, in der City West – rund zehn Initiativen sind dem Aufruf aus Bockenheim gefolgt und feiern auf der Straße das Leben.

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Es läuft in Sachsenhausen. „Wir sind für eine klimagerechte Stadt, weniger Autos und eine aktive Nachbarschaft“, sagt Grit Bredemann mitten auf der Textorstraße. Sie ist unter anderem bei den „Architects for Future“ organisiert. „Wir wollen heute zeigen, was ohne Autos möglich ist.“

Das Feinkostgeschäft „Bubbles & Pickles“ hat einen Lautsprecher aufs Fensterbrett gestellt und beschallt den Abschnitt zwischen Diesterweg- und Schweizer Straße moderat mit cooler Musik, der ADFC hat einen Fahrradparcours angelegt. Es gibt einen langen Tisch, viele Zimmerpflanzen dürfen heute mal nach draußen. Bunte Fähnchen dekorieren die Straße. Die Leute vom Klimaentscheid und von der Verkehrswende sind mit dabei. „Raum für Machen“ steht auf Schildern.

Mitorganisatorin Eva Sydow hatte zunächst die Seehofstraße als Sommerstraße im Auge. Da ließ es sich nicht so einfach an. „Zu viele Autos“, sagt sie. In der Textorstraße lief es besser. Die Aktiven sprachen die Nachbarschaft und die Gewerbetreibenden an, verteilten Flugblätter, ein Café sponsert Kuchen – „es stärkt schon jetzt die Nachbarschaft“, freuen sie sich. Am 17. September wollen sie das Ganze gern wiederholen und dafür einen Zuschuss beim Ortsbeirat beantragen.

Ein Wermutstropfen: Vier Autos parken noch am Textorstraßenrand, eins aus Kassel, eins aus München, zwei aus Frankfurt, den Kennzeichen nach. Die stören natürlich. „Aber es gab auch Verwirrung mit den Schildern“, sagt Grit Bredemann. Weil am kommenden Wochenende Schweizer Straßenfest ist, stehen neben den Haltverbotsschildern für den 2. Juli auch solche für den 8. Juli. Da haben wohl nicht alle durchgeblickt.

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Auf der Koselstraße im Nordend hat das besser geklappt. Der rechte Straßenrand, von der Eckenheimer Landstraße betrachtet, ist frei, links steht nur noch ein Auto. „Wir haben damit ja auch schon zehn Jahre Erfahrung“, sagt Joachim Müller mit einem Lächeln. Sogar mit einer eigenen Internetseite (koselweber.de) haben die Straßenfestprofis aus dem Nordend diesmal für die Sommerstraße rund um die Kreuzung der Kosel- mit der Weberstraße mobilisiert. Die Atmosphäre ist schon am frühen Nachmittag gelöst, die Tische im Strandcafé sowieso alle besetzt. Später wird ein DJ auflegen, die Straße ist zum Tanzen da.

Normal ist das nicht. Im Gegenteil. „Für viele ist es völlig normal, dass hier dieser ständige Durchgangsverkehr herrscht“, sagt Müller. „Die Straße ist total befahren – sehr ungünstig, weil hier so viel Gastronomie ist.“ Einige Kinder aus der Nachbarschaft erleben zum ersten Mal, dass alle auf die Fahrbahn gehen. Alle dürfen sich frei bewegen. Alle kommen zusammen, bringen Tische und Stühle mit, Essen und Getränke. Programm? Da braucht es nicht viel. Müller und Mitorganisator Felix Nowak schütteln die Köpfe. „Einfach auf der Straße sein. Einfach: sein.“

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Eine Sommerstraße kann ein richtiger Kulturschock sein. Wer beispielsweise 13 Jahre lang zur Heinrich-Seliger-, zur Wöhlerschule und zur evangelischen Dornbuschgemeinde gefahren ist, wer da sein Fahrrad, später sein Moped und ganz zum Schluss auch kurz sein Auto abgestellt hat, der ist erst mal völlig überfordert, wenn er sieht: Die Mierendorffstraße, zwischen Gymnasium und Kirche – die ist ja ein richtig toller Platz! Wenn da keine Autos stehen. Außer den zwei, deren Besitzer offenbar auch hier nichts von der Sommerstraße mitbekommen haben.

„Unser großer Wunsch im Dornbusch ist ein urbaner Platz, aber nicht vorne an der U-Bahn“, sagt Katja Böhne vom „Projekt Dornbusch – wir machen Platz“. Da war die Sommerstraßeninitiative eine gute Gelegenheit. Die Kirche hat zeitgleich Gemeindefest, es gibt Kinderspiele, Riesenmikado und Trubel allenthalben. Aber die Sache ist auch ernst. „Diese Straße schmilzt im Sommer, es ist viel zu heiß, man kann hier nichts machen“, sagt Böhne. Viel mehr Bäume hätte die Initiative gern dort. Und Straßenmöblierung.

Die gesperrte Mierendorffstraße ist eine Premiere. „Wir sind ganz aufgeregt“, kichern die Leute vom Projekt. Wer einst in der großen Pause auf der Mauer vor der Schule stand, konnte sich das auch nicht vorstellen. Die Straße ohne Verkehr – dann wäre ja auch gar nicht der Lieferwagen vorbeigefahren, dem der Mitschüler einen Schneeball durchs offene Fenster warf, worauf der Lieferwagenfahrer ausstieg und der Mitschüler die Jacke auszog und …

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Zurück auf der herrlich schattigen Kiesstraße. Die Polizei, wird allenthalben auf den Sommerstraßen gelobt, habe enorm bei der Vorbereitung geholfen. Sogar Autohalterinnen und -halter angerufen, lobt Nina Waibel-Rohde in Bockenheim. Dort ist die Straße schon zum dritten Mal ganz für die Menschen und gar nicht für die Autos da. Von dort hat „Bockenheim außer Haus“ die Ideen gestreut und die anderen Stadtteile zum Mitmachen animiert.

„So eine temporäre Sperrung zeigt das Potenzial“, sagt Waibel-Rohde. „Es gibt einen Mehrwert für alle, wenn die Straße uns allen gehört.“ Der lässt sich sehen. Überall ist was los, da steht ein Schenkregal, dort wirbt ein gemeinschaftliches Wohnprojekt für seine Ziele, dort sägt jemand auf der Straße ein Brett zurecht. Die Warteschlange am Zuckerwattestand (ja, es gibt Zuckerwatte!) reicht bis mitten auf die Fahrbahn. Ein speziell gekennzeichneter Bereich macht die Rechnung auf: Ein Parkplatz kostet im Anwohnerparken ganze 16 Cent pro Quadratmeter im Monat, ein Kinderzimmer 15 Euro pro m3.

Eine prima Jazzband spielt auf der Kiesstraße, Gitarre, Kontrabass, Akkordeon. Wie heißt sie? „Wir haben noch gar keinen Namen“, sagt der Bassist, „wir wohnen in der Jordanstraße und treten zum ersten Mal öffentlich auf.“ Für was so eine Sommerstraße doch alles gut ist.

Und wenn das jetzt so bliebe? Ohne Autos? „Als Aktivistin hätte ich das natürlich gern“, sagt Nina Waibel-Rohde, „aber man kennt ja die Autolobby.“ Eine Sommerstraße, erklärt sie, sei erst mal dazu da, dieses spezielle, ungewohnte Erlebnis zu ermöglichen. Und wer weiß, irgendwann findet die Mehrzahl der Leute vielleicht, dass es viel schöner ist, wenn die Straße für die Menschen da ist und nicht für die Autos.

Endlich Platz für die Gang.
Endlich Platz für die Gang. © ROLF OESER
Stadt für alle. Nicht nur für Autos. Mierendorffstraße.
Stadt für alle. Nicht nur für Autos. Mierendorffstraße. © ROLF OESER
Nordendleben. So schmeckt der Sommer auf der Koselstraße
Nordendleben. So schmeckt der Sommer auf der Koselstraße © Oeser

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