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FR-Online schwört Ulli Stein und Uwe Bein, dass niemals eine andere Altherrenequipe hier abgebildet werden wird.
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FR-Online schwört Ulli Stein und Uwe Bein, dass niemals eine andere Altherrenequipe hier abgebildet werden wird.

Ostpark Turnier

"Die D-Jugend vom FC Hauptfriedhof"

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Frankfurts originale Sponti-Elf kommt noch ein letztes Mal zusammen und zerpflügt den Rasen des Ostparks - altersbedingt gemessenen Schrittes. Eine Legende ist nun endgültig Legende. Künftig gibt's nur noch Veteranentreffs mit Fernet-Branca.

Er kommt als erster, am frühen Nachmittag, als die Sonne noch auf den Sportplatz an der Wilhelm-Epstein-Straße fällt. Streift die Trainingsjacke ab und steht da im blauen Trikot von Socrates, dem legendären Kapitän der brasilianischen Nationalmannschaft, den er so verehrt. „Ist seit drei Jahren tot“, knurrt Daniel Cohn-Bendit, tritt vorsichtig gegen den Ball und stöhnt: „Es ist hart.“

Seit vier Jahren mindestens hat Cohn-Bendit, der Rebell der Studentenbewegung, nicht mehr auf dem Platz gestanden. Der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europaparlament ist mittlerweile 67 Jahre alt, hat eine Hüftoperation hinter sich. Wenige Meter entfernt wärmt sich Franz Zlunka auf, der große Frankfurter Gastronom, Jahrzehnte Wirt im alten Literaturhaus. Er ist 62 und lacht über sich selbst: „Sehr ungewohnte Bewegungen!“

Aber an diesem Tag gilt es. Es gibt keine Ausrede. Die Ostpark-Mannschaft der Frankfurter Spontis trifft sich zum letzten Mal. Seit 42 Jahren spielten sie, möglichst jeden Samstag. Jetzt ist Schluss. Es geht nicht mehr. „Ich bin operiert worden.“ „Ich auch.“ Das ist die klassische Begrüßung der älteren Männer, die sich liebevoll umarmen, auf den Rücken klopfen, knuffen, schubsen. Kernige Männersprüche.

Kicken nach der Demo

„Heute geht das letzte organisierte Projekt des Spontaneismus zu Ende“, sagt leise Gerd Fürst, der von Anfang an dabei war. Der frühere stellvertretende Leiter des Frankfurter Drogenreferates, ehemals Referent der Gesundheitsdezernentin Margarethe Nimsch (Grüne), hat sich das Kicken niemals nehmen lassen. „Nach den Demonstrationen sind wir Fußball spielen gegangen“, erinnert er sich, „die Liebe zum Fußball hat uns alle geeint.“ Und alle, alle kommen noch einmal, zum Teil von weit her. Physik-Professor Alois Loidl aus Wien, einer der frühen Aktivisten der Anti-AKW-Bewegung. Der Volker aus Freiburg, „zum ersten Mal seit 15 Jahren wieder dabei“. Hans Fer Wolbeek, einst in der Karl-Marx-Buchhandlung, reißt sich die Jacke vom voluminösen Leib und rennt auf den Platz.

Kein Gelaber jetzt mehr. Es muss endlich gespielt werden. „Schwarz-Weiß gegen Bunt!“, befiehlt Dany wie in den besten Zeiten. Und geht sofort in die Spitze. Wartet auf den steilen Ball. „So war er immer“, sagt Gerd Finger, heute Ortsbeirat der Grünen. Er hockt als eine Art Betreuer am Spielfeldrand, traurig, weil die Knie nicht mehr mitmachen.

Es ging los 1968 im Grüneburgpark, noch barfuß. Von dort in den Ostpark. Seit fünf Jahren sind sie jetzt hier im Schatten der Deutschen Bundesbank. Ausgerechnet hier. „Trainer waren verpönt bei uns und Abseits gab es auch nie“, so Finger. Über Fouls wurde leidenschaftlich diskutiert. Und noch eine Regel galt: „Keine Frauen! Das war strikt verboten.“

Solidarität mit den Adlern

Auf dem Platz Schreie, Jubel. Torwart Franz Zlunka ist mit einer sehenswerten Bogenlampe überlistet worden, von Hennes Wagenbach. „Wir waren antiautoritär, Teil der Studentenbewegung – aber wir wollten unsere Liebe zum Fußball nicht unterdrücken“, sagt Gerd Fürst.

Plötzlich großes Hallo. Der frühere Bundesaußenminister steht am Spielfeldrand, die Hände tief in den Taschen seines Parka vergraben. Guckt grimmig. „Die D-Jugend vom FC Hauptfriedhof!“ ruft Joschka Fischer liebevoll. Er war von Anfang an dabei. Heute kann und will der 64-Jährige nicht mehr: die Leibesfülle. „Ich lauf noch zwei-, dreimal die Woche, aber langsam.“ Das muss reichen.

Fischer, damals als Verteidiger „hinten rechts“, verbirgt seine Wehmut hinter markigen Sprüchen. „Als junge Männer haben wir alles gewonnen, was zu gewinnen war im Rhein-Main-Gebiet.“ Die jungen Revolutionäre verfolgten die Bundesliga sehr genau. Gerade hat Fischer im Autoradio noch gehört, wie die Eintracht auf Schalke einen Elfmeter nicht bekam. „Die werden wieder verarscht.“ Dann erzählt er die Geschichte, „wie Dany ein neues Profil bekam“, als ihm nämlich der hünenhafte Wolfgang Feuerbach gegen seine Nase trat.

Vorbei, alles vorbei. Nach der Pause geht Dany raus, „ich kann nicht mehr“. Zum Tor hat es nicht mehr gereicht. Die Dämmerung fällt über den Platz.

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