Home Office wäre in der Produktion schwierig. Foto: Renate Hoyer
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Home Office wäre in der Produktion schwierig. 

Interview

Corona-Krise: „Die Gesundheit der Beschäftigten muss Priorität haben“

  • Christoph Manus
    vonChristoph Manus
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Michael Erhardt von der IG Metall Frankfurt kritisiert im Gespräch mit der FR mangelnden Schutz von Mitarbeitern in der Produktion. Überwiegend werde dort wie vor der Corona-Krise gearbeitet.

Herr Erhardt, wie schwer trifft die Corona-Krise jetzt schon die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie?

Die Lage ist dramatisch, auch wenn die großen Produktionsausfälle erst noch kommen werden.

In welchem Umfang gibt es schon Kurzarbeit? Gibt es vielleicht sogar schon Entlassungen?

In einzelnen Firmen, in denen es wegen des Abreißens der Lieferkette bereits zu Produktionsausfällen kommt, haben wir jetzt schon in erheblichem Umfang Kurzarbeit. Das wird nächste Woche noch zunehmen, weil sich die Lager leeren. Entlassungen gibt es im Moment noch nicht in größerem Umfang.

Ist das Hauptproblem, dass keine Teile mehr nach Deutschland kommen, die für die Produktion benötigt werden?

Selbstverständlich stockt zurzeit die Zulieferung. Das größere Problem ist aber, dass die Kunden keine Ware mehr abnehmen.

Wie verhalten sich die Arbeitgeber in dieser Krise? Handeln sie mehrheitlich verantwortungsvoll?

Leider nicht alle. Es gibt etliche Arbeitgeber, die nur die Beschäftigten, die im Büro arbeiten, ins Homeoffice geschickt haben, aber von denjenigen, die in der Produktion arbeiten, verlangen, dass sie weiterhin kommen. Zum Teil wird getan, als wenn gar nichts wäre. Die Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit sind teilweise völlig unzureichend.

Es gibt Firmen, die in dieser Situation die Gesundheit ihrer Beschäftigten in der Produktion gefährden?

Ja. Wo Beschäftigte weiterhin dicht an dicht arbeiten müssen, also die Mindestabstände nicht eingehalten werden, gibt es massiven Handlungsbedarf. Zum Teil wird wie vor der Krise gearbeitet. Wir sagen: Die Gesundheit der Beschäftigten muss oberste Priorität haben!

Müsste der Staat handeln, wo die Gesundheit der Menschen am Arbeitsplatz in Gefahr ist, die Produktionsstätten stilllegen?

Der Staat hat ja gehandelt. Die entsprechenden Vorschriften müssen aber auch in allen Betrieben umgesetzt werden. Das ist die Verantwortung der Arbeitgeber, und der müssen sie nachkommen. Das fordern die IG Metall und ihre Betriebsräte.

Wenn noch mehr Unternehmen ihre Produktion stilllegen, wächst die Gefahr, dass noch mehr die Krise nicht überleben.

Michael Erhardt ist seit dem Jahr 2008 Erster Bevollmächtigter der IG Metall Frankfurt. Zuvor hatte er in Frankfurt eine Unternehmensberatung aufgebaut. cm

Die Politik muss sicherstellen, dass die Unternehmen durch diese Zeit kommen. Es gibt schon umfangreiche staatliche Unterstützungsangebote für Unternehmen. Wichtig ist dabei, dass etwa die Liquiditätshilfen sehr einfach beantragt werden können. Die Firmen brauchen dabei Unterstützung vor Ort, Guides, die ihnen helfen, durch den Antragsweg zu kommen. Der Staat muss aber auch die Einkommenseinbußen der Beschäftigten abfedern. Kurzarbeitergeld alleine reicht nicht aus.

Was muss geschehen?

Wir wünschen uns verpflichtende Aufstockungsregeln für Kurzarbeitergeld. Da muss der Bund nachsteuern. Im Moment müssen wir von Betrieb zu Betrieb klären, wie die Einkommensverluste einigermaßen in Grenzen gehalten werden können.

Sie fordern also die Unternehmen auf, das Kurzarbeitergeld aufzustocken?

Genau. Einzelne Unternehmen verhalten sich auch bereits sehr sehr positiv. Wir haben die ersten Vereinbarungen über solche Aufstockungsregelungen vereinbart. An diesen Unternehmen sollten sich alle ein Beispiel nehmen.

Wie hat sich die Krise auf die Tarifverhandlungen ausgewirkt?

Die Tarifverhandlungen für den Bezirk Mitte haben wir gerade abgeschlossen. Es wird, wie das schon für Nordrhein-Westfalen vereinbart wurde, in jedem Unternehmen ein Budget von 350 Euro pro Beschäftigten geben, das zur Milderung von großen Einkommenseinbußen von Beschäftigten eingesetzt werden kann. Weihnachts- und Urlaubsgeld können auf die Monate verteilt werden, und es gibt zusätzliche freie Tage für Beschäftigte mit Kindern. Unsere Stärke heißt Solidarität! Gerade jetzt!

Interview: Christoph Manus

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