Psychologie

Soziale Isolation in der Corona-Krise: „Körperliche soziale und psychische Bedrohung“

  • Kathrin Rosendorff
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Seit März gibt es in Frankfurt das Corona-Krisentelefon. Ulrich Stangier, Professor für Klinischen Psychologie und Psychotherapie, spricht über die Sorgen und Ängste der Anrufer.

  • Die Corona-Krise bedeutet für viele Menschen auch soziale Isolation
  • In Frankfurt wurde ein Corona-Krisentelefon eingerichtet
  • Ein Interview mit dem Leiter der Klinischen Psychologie und Psychotherapie der Uni Frankfurt

Seit Ende März gibt es das Corona-Krisentelefon in Frankfurt. Ulrich Stangier (61), Abteilungsleiter der Klinischen Psychologie und Psychotherapie an der Frankfurter Goethe-Universität, erzählt im Interview von den Sorgen und Ängste der Anrufer.

Herr Stangier, stehen die Telefone dieser Tage nicht mehr still?

Das Corona-Krisentelefon wird gut angenommen. Aber wir sind kein Callcenter, das 24 Stunden besetzt ist. Ein Therapeut steht immer für ein gewisses Zeitfenster bereit, dann übernimmt eine Kollegin oder ein Kollege. Deswegen kommt es häufiger vor, dass Ratsuchende nicht durchkommen.

Wie kamen Sie darauf ein Corona-Krisentelefon einzurichten?

Die Idee zum Krisentelefon entstand in einer Phase, in der viele Therapien in unserem Zentrum für Psychotherapie vorübergehend unterbrochen werden mussten. Die Therapeuten hatten mehr Zeit und diese wollten wir mit sinnvoller Tätigkeit überbrücken. Die meisten unserer 70 Therapeuten erklärten sich bereit, an der kostenlosen Beratung im Homeoffice teilzunehmen. Mittlerweile haben wir die Therapien mit Videounterstützung wieder aufgenommen, das Corona-Krisentelefon läuft aber auch jetzt weiter.

Angst vor Corona ist nichts Schlimmes

Was löst die Corona-Pandemie auch bei ansonsten psychisch stabilen Menschen aus?

Corona ist zunächst einmal eine Bedrohung, und zwar eine, die sich auf verschiedene Aspekte bezieht. Das eine ist die reale, also die körperliche Bedrohung, infiziert und schwer krank zu werden. Das kann bei manchen Menschen, auch in Anbetracht dieser Allgegenwärtigkeit in den Medien, zu starken, übertriebenen Ängsten führen. Viele fangen dann an, sich zu beobachten, stellen sich vor, wie sie auf der Intensivstation liegen, oder entwickeln große Sorgen, ihre Angehörigen anzustecken. Ein Großteil unserer Anrufe dreht sich um dieses Thema. Angst ist an sich nichts Schlimmes. Gerade in Zeiten einer realen Bedrohung ist sie sehr sinnvoll und gesund. Aber sie kann sich in ungünstiger Weise weiterentwickeln, also hin zu Angststörungen und Depressionen.

Wer ruft an?

Das Durchschnittsalter liegt bei über 50, der älteste Anrufer war 84 Jahre. Jüngere Menschen rufen weniger an. Mehr als 80 Prozent der Anrufer sind Frauen.

Corona-Pandemie: Körperliche, soziale und psychische Bedrohung

Woran liegt das?

Zum einen können Frauen meistens besser über Emotionen sprechen und zugeben: „Das belastet mich“. Sie können auch eher einen Rat annehmen. Es ist für Frauen keine so selbstwertbedrohliche Angelegenheit wie für Männer, die sich in den meisten Fällen selbst oft unter Druck setzen: „Damit kann ich doch souverän umzugehen.“ Frauen haben also einerseits den Mut anzurufen, aber es ist auch bekannt, dass Angststörungen überwiegend Frauen betreffen. In der Regel sind Frauen leichter zu sensibilisieren für Ängste.

Sie sprachen von mehreren Bedrohungen durch die Corona-Pandemie …

Neben der körperlichen gibt es noch die soziale und die psychische Bedrohung. Die soziale Bedrohung ist die wirtschaftliche Krise, die vor allem bestimmte Berufsgruppen wie Selbstständige oder auch Menschen, die beispielsweise im Tourismus arbeiten, trifft. Sie müssen damit rechnen, dass sie erhebliche Verluste akzeptieren oder Angst um ihren Job haben müssen. Dann kommt noch die psychische Bedrohung dazu. Wir brauchen einen geregelten Tagesablauf mit einem ausreichendem Maß an sozialen Kontakten. Wenn das nicht passiert, spüren wir, dass unsere Stimmung schlechter wird. Die Ausgangsbeschränkung verbunden mit sozialer Isolation verursacht untergründig sehr viel Stress. Das ist in subtilem Ausmaß ein ähnlicher Effekt, wie er sehr viel drastischer bei Isolationshaft auftritt. Wir reagieren hochgradig sensibel darauf, wenn der Kontakt zur Außenwelt abgebrochen ist. Deshalb ist es aus psychologischer Sicht nicht sinnvoll, noch stärkere Einschränkungen in Form von sozialer Isolation vorzunehmen.

Ulrich Stangier (61) ist Abteilungsleiter der Klinischen Psychologie und Psychotherapie der Frankfurter Goethe-Universität.

Was würde passieren?

Die Wahrnehmung verändert sich, das Gefühl für den Tagesrhythmus verändert sich. Emotionen, die unverständlich sind, wie Angst, Depression und Aggression tauchen auf. Wenn wir darüber hinaus viel Zeit haben über die Situation nachzudenken, dann kommt noch das Grübeln hinzu. Es entsteht eine Spirale aus schlechter Stimmung, Grübeln, Einsamkeitsgefühlen, die sich verdichten kann. Und das ist neben der Angst, sich oder andere anzustecken, ebenfalls ein häufiges Problem bei Anrufen. Bei manchen Anrufern haben sich die Belastungen auch so gesteigert, dass Suizidgedanken aufgetreten sind. In einem Fall waren diese sehr konkret.

Corona: Diskussionen über die Aufhebung der Ausgangsbeschränkung

Was war passiert?

Diese Person war durch den Freitod des hessischen Finanzministers Thomas Schäfer ermutigt, sich ebenfalls das Leben zu nehmen. Sie war sogar schon zu Bahngleisen gegangen, ist jedoch wieder zurückgegangen und hat sich entschlossen, bei uns anzurufen. Wir konnten die Person in therapeutische Einrichtungen weitervermitteln, wo sie sicher ist. Öffentlich gemachte Suizide habe oft leider eine Ermutigungsfunktion. Sie denken: „Wenn diese Person diese Hemmung überwindet, sich das Leben zu nehmen, dann habe ich auch das Recht, das zu tun.“

Rufen eigentlich mehr Singles oder Leute, die in Familien leben, bei Ihnen an?

Das Interessante ist, dass fast 40 Prozent der Anrufer in Familien leben. Dann folgen mit Abstand die, die in einer Partnerschaft leben, und dann die Menschen, die alleine leben. Das zeigt, dass die Belastungen auch in Familien groß sind, beispielsweise die Sorge, die eigenen Kinder anzustecken. Eine andere Quelle von Stress in den Familien ist die übermäßige Nähe: Man ist gezwungen, innerhalb der Wohnung zusammenzubleiben, kann sich weniger aus dem Weg gehen. Spannungen, die vielleicht schon vorher bestanden, verstärken sich. Allerdings spielten Familienkonflikte bei unseren Anrufern bislang weniger eine Rolle.

Corona-Krise verschärft Suchttendenzen

Viele Menschen quält auch diese Ungewissheit. Also nicht zu wissen, wie lange wir so eingeschränkt leben müssen …

Gerade für Menschen, die Gewissheit und Vorhersehbarkeit brauchen, ist diese Unklarheit in der zeitlichen Limitierung der Krise noch zusätzlicher psychischer Stress. Es gibt ja derzeit immer wieder Diskussionen über die Auflockerung der Ausgangsbeschränkung. Das hat auch die positive Wirkung, dass es uns ins Gedächtnis ruft: „Das ist eine vorübergehende Phase“. Diese Hoffnung lässt uns diese Belastungen ertragen.

Was raten Sie, um in der Krise positiv zu bleiben?

Das Allerwichtigste ist die Tagesstruktur. Also, dass man morgens eben nicht im Bett liegen bleibt, sondern aktiv bleibt. Sehr wichtig ist es auch, seine sozialen Kontakte aufrechtzuerhalten. Es gibt viele, die sich jetzt vorschnell zurückziehen und die Möglichkeiten zum Austausch nicht nutzen: telefonieren, soziale Medien, Videochats. Man sollte sich sogar regelmäßiger anrufen als es sonst der Fall wäre. Wenn das Wetter schön ist, sollte man rausgehen, spazierengehen oder Sport treiben. Man kann Hobbys wieder aufleben lassen. Dinge, die im Alltagsstress wegfallen, können jetzt mehr zelebriert werden: ein ausgiebiges Frühstück, Körperpflege. Alternativen sind wichtig.

Warum?

Neben Depressionen verstärken sich in diesen Zeiten auch die Suchttendenzen bei Menschen, die dazu neigen. Sie trinken mehr Alkohol, rauchen mehr oder essen, um sich zu entspannen. Wichtig ist es auch, bewusst die innere Ruhe zu stärken. Wem das liegt, der kann Meditation erlernen. Oder man kann ein gutes Buch lesen oder gute Filme ansehen, anstatt rund um die Uhr die Corona-Berichterstattung zu verfolgen.

Interview: Kathrin Rosendorff

Das Corona-Krisentelefon

Betroffene können unter der Telefonnummer 069-798 46666 mit Therapeutinnen und Therapeuten über ihre Ängste und Möglichkeiten zur Überwindung von Belastungen reden. Montag bis Freitag jeweils 9-21 Uhr; Samstag und Sonntag jeweils 16-20 Uhr. Speziell für Kinder, Jugendliche und Eltern wird eine Beratung unter der gleichen Telefonnummer 069-798 46666 zu folgenden Uhrzeiten angeboten: Montag-Freitag, 9-14 Uhr. Die Beratung ist kostenlos.

Am Institut für Psychologie der Goethe-Universität wird derzeit auch eine Online-Befragung zu den emotionalen Folgen der Corona-Infektion durchgeführt. Informationen finden Sie hier.

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Rubriklistenbild: © Sebastian Gollnow/dpa

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