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Bis wieder etwas Leben einzieht auf dem Frankfurter Messegelände, kann es dauern.

Coronakrise

Interview - Messe Frankfurt: „Das erste Halbjahr müssen wir abschreiben“

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Gefährdet die Coronakrise die Messe als Geschäftsmodell? Darüber und über den Hoffnungsschimmer in China spricht der Chef der Messe Frankfurt, Wolfgang Marzin, im FR-Interview.

Herr Marzin, wie stark trifft die Coronakrise jetzt schon das Geschäft der Messe Frankfurt?

Sehr stark. Die Messe ist das Spiegelbild der Wirtschaft. Es fahren kaum noch Autos, es fliegen kaum noch Flugzeuge. Die Industrie liegt brach, in sehr vielen Firmen wird es Kurzarbeit geben. Sie können sich vorstellen, dass die Situation auch die Messe Frankfurt, die seit 800 Jahren Begegnungen organisiert, stark trifft. Zum Glück konnten wir das Geschäft in Frankfurt bis Mitte Februar aufrechterhalten, zum Beispiel auch die Ambiente noch ausrichten.

Wie viele Messen haben Sie inzwischen verschieben müssen, wie viele abgesagt?

Insgesamt haben wir 25 Messen verschoben, einige davon können 2020 nicht mehr stattfinden. In Frankfurt haben wir die Musikmesse und die Prolight + Sound absagen müssen, die Light + Building und die Texcare verschoben. Die Zahlen können sich aber jeden Tag aufgrund neuer Anordnungen ändern.

Rechnen Sie damit, in diesem Halbjahr in Frankfurt überhaupt noch Messen ausrichten zu können?

Das kann ich Ihnen seriös nicht beantworten. Das eine sind die Anordnungen zum Schutz vor der Ausbreitung des Coronavirus: Bis 19. April dürfen wir gar keine Messen oder Veranstaltungen in Frankfurt ausrichten. Die Frage wird sein, wann die Wirtschaft wieder hochfährt, wann wieder ungehinderter Warenverkehr möglich ist. Mein Gefühl ist: Das erste Halbjahr müssen wir abschreiben.

Es klingt, als wären Sie schon froh, wenn wenigstens die Automechanika im September stattfinden kann.

Das hoffen wir alle sehr.

Wolfgang Marzin ist Vorsitzender der Geschäftsführung Messe Frankfurt.

Zur Person

Wolfgang Marzin(56) ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe Frankfurt. Diese beschäftigt an 30 Standorten weltweit mehr als 2600 Mitarbeiter. 

Die Schutzmaßnahmen legen das öffentliche Leben und die Wirtschaft in fast allen wirtschaftlich wichtigen Ländern beinahe lahm. Geht das irgendwann zu weit?

Ich bin kein Virologe. Laut jetzigem Kenntnisstand sind die getroffenen Maßnahmen alternativlos. Wenn Weltunternehmen wie BMW und Daimler komplette Werke schließen, hat man dies zuvor durchdacht. Ob alles, was derzeit geschieht, wirklich angemessen war, wissen wir erst hinterher.

Menschen können nicht mehr reisen, kaum noch einkaufen. Die Krise sorgt für eine massive Verunsicherung. Messen leben davon, dass sich Hersteller und Händler aus aller Welt treffen, miteinander Geschäfte machen. Bedrohen die Krise und die nun folgende Abschottung grundsätzlich ihr Geschäftsmodell?

Das glaube ich nicht. Die Messe Frankfurt ist 800 Jahre alt. Sie hat Weltkriege, Pest, Cholera, die spanische Grippe überlebt. Mir fehlt die Fantasie, jetzt so schwarzzumalen, dass sich Leute nicht mehr treffen wollen. Der Mensch ist ein soziales Wesen und braucht die persönliche Begegnung. In der Vergangenheit ist es nach Großkrisen mal langsam, mal sogar ganz schnell wieder nach oben gegangen.

Was bedeutet die gegenwärtige Krise für die Beschäftigten der Messe Frankfurt? Gibt es schon Kurzarbeit?

Das gibt es noch nicht. Aber auch da gilt: Momentan kann sich die Situation sehr schnell ändern. Kurzarbeit kann auch für uns ein Thema werden, wenn die wirtschaftlichen Einschränkungen weiter anhalten. Trösten kann uns vielleicht ein Blick nach China. Dort hatten unsere Kollegen zwei Monate lang Ausgangssperre mit noch härteren Bedingungen als jetzt in Italien. Nun fangen sie wieder an zu arbeiten und Geld zu verdienen. In Frankfurt sind die meisten Mitarbeiter inzwischen zu Hause, bauen Überstunden ab oder arbeiten von dort aus. Denn wir bleiben für die Kunden und unsere Gesellschaft erreichbar.

Wie sind die Auswirkungen der Krise auf das große Investitionsprogramm? Werden Vorhaben verschoben?

Davon gehe ich nicht aus. Unsere letzte große Investition im Masterplan, den wir seit 20 Jahren abarbeiten, ist der Neubau der Halle 5. Die Verträge sind unterzeichnet, die bisherige Halle ist abgerissen. Das Management der Messe Frankfurt und unsere Gesellschafter glauben an den Bedarf für die Halle. Mittlerweile ist viel denkbar, sogar dass Bauarbeiten nicht mehr möglich sind. Doch wenn wir keine Zuversicht behalten, sondern jetzt auf alle Bremse träten, würden wir den bereits entstandenen Schaden noch potenzieren. Solange wir als Messe Frankfurt dazu beitragen können, dass das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben nicht vollkommen zum Erliegen kommt beziehungsweise irgendwann wieder startet, werden wir das nach Kräften tun.

Interview: Christoph Manus

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