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Wohnungslose Menschen sind dem Coronavirus schutzlos ausgeliefert.

Coronakrise

Obdachlosenhilfe in Frankfurt stößt durch Coronavirus an Belastungsgrenzen

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    Stefan Simon
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Wegen des Coronavirus sind die Straßen leer, Obdachlose haben kaum Möglichkeiten zu betteln oder Pfandflaschen zu sammeln. Forscher und Initiativen fordern kostenlose Unterkünfte.

  • Die Coronavirus-Pandemie belastet auch Obdachlose enorm
  • Der Umgang mit Obdachlosen bei einer Ausgangssperre könnte schwierig werden
  • Hilfseinrichtungen haben weiterhin geöffnet

Frankfurt - Die Corona-Pandemie wird auch für die Einrichtungen der Obdachlosenhilfe in Frankfurt zunehmend zu einer Belastungsprobe. „Wir haben eine ordentliche Problemlage“, sagt Christiane Heinrichs vom stadtnahen Verein für soziale Heimstätten. „Wir passen uns von Tag zu Tag und von Stunde zu Stunde an.“

In der Notübernachtung für obdachlose Menschen am Eschenheimer Tor sorge man derzeit für mehr Abstand zwischen den einzelnen Schlafgästen und habe die sowieso hohen Hygienestandards weiter erhöht. In der Nacht auf Freitag hätten 92 Menschen in der B-Ebene des U-Bahnhofs Eschenheimer Tor übernachtet.

Coronavirus und Obdachlose: „Eine große Herausforderung“

Auch die Notunterkunft am Ostpark stelle sich auf die neue Situation ein. „Es ist für alle eine große Herausforderung“, sagt Heinrichs. Grundsätzlich treffe die aktuelle Lage obdachlose Menschen besonders hart, so Heinrichs. Viele seien sowieso geschwächt und erkrankt, zudem sei es ihnen momentan kaum möglich, Pfandflaschen zu sammeln oder zu betteln. „Es gibt ja gar kein Publikum mehr auf der Zeil“, sagt Heinrichs. 

Bei psychisch erkrankten Obdachlosen stelle sich zudem die Frage, ob es etwa im Fall einer Ausgangssperre möglich sei, sie überhaupt von ihren angestammten Schlafplätzen wegzubekommen. Man stelle sich bereits darauf ein, die Menschen dann auf der Straße versorgen zu müssen.

Corona-infizierte Obdachlose: Möglicherweise separate Einrichtung

Manuela Skotnik, die Sprecherin von Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU), sagt der FR, man arbeite mit Hochdruck an Lösungen für obdachlose Menschen. „Wir versuchen, Dinge zu klären“, sagt Skotnik. „Aber wir haben bisher nur bedingt Lösungen.“ 

Derzeit werde etwa in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt überlegt, ob man für Obdachlose, die entweder mit dem Coronavirus infiziert oder bereits an der Lungenkrankheit Covid-19 erkrankt seien, eine neue Einrichtung schaffen könnte. Bisher sei aber offen, wer die Menschen dort versorgen würde.

In der Bahnhofsmission wird bei allen Besuchern Fieber gemessen.

Coronavirus: Einrichtungen für Obdachlose sollen so lange wie möglich geöffnet bleiben

Bereits jetzt hätten viele Einrichtungen der Obdachlosenhilfe Schwierigkeiten, ihre Hilfe wie etwa Essensausgaben in gewohntem Maß anzubieten. Bisher gebe es die Linie, dass die Hilfseinrichtungen so lange wie möglich geöffnet bleiben sollten, sagt Skotnik.

Sollte das nicht geschehen, fordert Michael Wies, Leiter des Franziskustreffs, Soforthilfen für obdachlose Menschen. „Wo sollen die Leute denn sonst hingehen, sich unter dem Schlafsack verstecken?“ Die Obdachlosen würden die Maßnahmen spüren, sie könnten nicht mehr zu Behörden, hätten Schwierigkeiten, an Essen und Getränke zu kommen. „Man muss es ganz klar so formulieren, es geht für diese Leute ums Überleben.“

Coronavirus: Einrichtungen messen bei Obdachlosen Fieber

In den Franziskustreff können Bedürftige von 7.45 bis 11.15 Uhr kommen. Am Eingang steht eine Waschstation mit desinfizierender Seife bereit. Im Treff selbst dürfen nur maximal zwölf Gäste für 15 Minuten verweilen.

Auch die Bahnhofsmission hat wie gewohnt für Obdachlose geöffnet. Täglich kämen bis zu 300 Menschen, sagt Carsten Baumann, Leiter der Bahnhofsmission. In den zwei abgetrennten Räumen sei jeweils Platz für zwölf Personen. „An beiden Eingängen zum Hauptbahnhof und zur Mannheimer Straße messen wir bei jedem Gast Fieber, und alle zwei Stunden desinfizieren wir die Flächen“, sagt er. 

All das stellt die Bahnhofsmission jedoch vor Herausforderungen. Baumann rief daher über den Nachrichtendienst Twitter zur Solidarität auf: „Wer kann uns mit Sterillium und Flächendesinfektion unterstützen? Derzeit werden wir noch von circa 300 Menschen besucht. Um das Angebot aufrechtzuerhalten, brauchen wir ausreichend Desinfektionsmittel.“

Hilfe trotz Coronavirus: Obdachlose äußern Dankbarkeit und Sorgen

Auch in der Bahnhofsmission äußern die wohnungslosen Menschen sehr viel Dankbarkeit gegenüber den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, aber eben auch viele Sorgen: „Sie fragen uns, wie sie sich selbst schützen können. Natürlich haben sie Angst“, sagt Baumann. Und sie würden sich um eine mögliche Ausgangssperre sorgen. Baumann formuliert es ähnlich wie Wies vom Franziskustreff: „Was wäre für sie denn die Alternative?“

Joachim Brenner vom Förderverein Roma fordert unterdessen von der Stadt, jetzt noch auf der Straße lebende Menschen unverzüglich unterzubringen. Diese Notwendigkeit ergebe sich „natürlich auch unter der Maßgabe des Infektionsschutzes“, sagt Brenner. Obdachlose Menschen hätten momentan „ein ganz großes Problem“, sie seien „geschwächt in jeder Hinsicht und insbesondere gegenüber diesem Virus schutzlos“.

Trotz Coronavirus: Obdachlose nicht vergessen

Der Förderverein organisiere seine Sozialberatung derzeit neu und lasse nur noch wenige Menschen gleichzeitig in die Beratungsräume, sagt Brenner. Das führe zu großem Stress, weil der Beratungsbedarf besonders groß sei. Viele Roma-Familien, die etwa aus Rumänien stammten, machten sich Sorgen um ihre Angehörigen in der Heimat, es sei aber nicht leicht, Rückreisen zu organisieren.

Auch Nikolaus Meyer, Professor für Soziale Arbeit an der privaten IUBH, der Internationalen Hochschule in Frankfurt, ruft dazu auf, obdachlose Menschen bei der Debatte um die Corona-Pandemie nicht zu vergessen. „Menschen, die ganz ohne Unterkunft auf der Straße oder in Gemeinschaftseinrichtungen der Wohnungslosenhilfe leben, sind häufig mehrfach erkrankt“, sagt Meyer, der zu Wohnungs- und Obdachlosigkeit forscht. „Viele wohnungslose Menschen gehören also zur Risikogruppe, haben aber keine Chance, soziale Kontakte zu reduzieren und Schutz durch den Rückzug in die eigene Wohnung zu finden.“

Coronavirus: Leerstehende Gebäude für obdachlose Infizierte öffnen

Gerade für infizierte Wohnungslose müssten Unterkünfte zur Verfügung stehen, außerdem sollten keine Zwangsräumungen von Wohnungen mehr vorgenommen werden, fordert Meyer. Man müsse außerdem darüber nachdenken, leerstehende Gebäude oder Gewerbeimmobilien für wohnungslose Menschen zu öffnen, gerade im Falle einer Ausgangssperre. Diese dürfte „nicht zu einer Bestrafung von wohnungslosen oder obdachlosen Menschen führen“.

Auch das Netzwerk „Solidarisch trotz Corona“ fordert die Stadt auf, geeignete Gewerbeflächen und leerstehenden Wohnraum Obdachlosen kostenlos bereitzustellen. Außerdem müsse eine gute Gesundheitsversorgung sichergestellt werden. „Zum Schutz der Menschen, aber auch, um eine weitere Verbreitung zu verlangsamen“, sagt Zara Quany, Mitgründerin des Netzwerks.

Von Stefan Simon und Hanning Voigts

 

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