+
Cafés an der Freßgass sind deutlich schlechter besucht als sonst.

Geschlossene Läden

Coronavirus in Frankfurt: Fast eine Geisterstadt

  • schließen
  • Georg Leppert
    Georg Leppert
    schließen

Schon einen Tag vor der offiziellen Schließung vieler Läden wegen des Coronavirus ist in Frankfurt alles verlangsamt und teils verwaist.

  • Innenstadt in Frankfurt schon einen Tag vor Ladenschließungen wie ausgestorben
  • Menschen in Frankfurt fühlen sich unwohl in der leeren Innenstadt
  • Schließungen wegen Coronavirus „wie in einem Hollywoodthriller“

Frankfurt - Es herrscht an diesem Dienstag (17.03.2020) eine Atmosphäre zwischen ruhiger Sonntagsstimmung und gruseliger Geisterstadt. Vor dem Kaufhaus Zara unweit der Freßgass ist das Gitter schon einen Tag vor der vom Land angeordneten Regelung vieler Ladenschließungen halb heruntergelassen. 

Zwei Verkäuferinnen und ein Verkäufer kommen raus. Der Verkäufer sagt zu zwei Kundinnen, die vor dem Laden stehen, weil sie etwas umtauschen wollten: „Wir sind auf unbestimmte Zeit wegen der Pandemie geschlossen. Den Satz wollte ich immer schon mal sagen.“ Er lacht.

Coronavirus in Frankfurt: Läden schließen vorzeitig

Aynur Demir, eine der beiden Kundinnen, sagt: „Es fühlt sich an, als wäre ich plötzlich ein Teil eines Hollywoodthrillers. Ich fühle mich nicht wohl bei dem Gedanken, dass ich ab morgen nicht mehr in die Geschäfte kann, um einzukaufen.“ Hamsterkäufe hat die Realschullehrerin aber nicht erledigt. „Ich war gestern in drei Läden da war schon alles ausverkauft. Erst im vierten Laden habe ich Klopapier bekommen.“

Überhaupt haben schon einige Läden in der Frankfurter Innenstadt bereits am Dienstag zu. Im Apple Store auf der Freßgass, an normalen Tagen voll, sitzt ein einsamer Mitarbeiter. An der Glastür hängt ein Schild: „Unsere Apple Stores haben bis zum 27. März geschlossen.“

Coronavirus in Frankfurt: Ladenschließungen „völlig überzogen“

Auch einige Klamottenläden auf der Zeil in Frankfurt sind schon dicht. Bei Bershka in My Zeil hängt ein Mitarbeiter das Schild auf: „Liebe Kunden, die Aufmerksamkeit gilt in der aktuellen Situation der Gesundheit und Sicherheit unserer Mitarbeiter und Kunden, daher haben wir entschieden, unsere Filialen ab sofort deutschlandweit zu schließen.“

Weil auch die Kaufhäuser schließen, gibt es die Osterhasen jetzt schon mit Rabatt.

Im My Zeil ist auch Brunhilde Loosen mit ihrer 23-jährigen Tochter unterwegs, die am Freitag Geburtstag hat. Sie soll sich Klamotten aussuchen. Beide sind aus Bingen nach Frankfurt angereist. Loosen ist überhaupt nicht damit einverstanden, dass wegen des Coronavirus die Läden geschlossen werden. „Ich fühle mich fremdbestimmt und in meiner Freiheit begrenzt. Ich habe mich auch mit Corona beschäftigt, ich finde es völlig überzogen, die Läden und Kneipen zu schließen.“ Sie selbst ist Friseurmeisterin und sagt: „Ich habe noch keine Absagen bekommen. Meine Kunden sind so positiv eingestellt wie ich.“

Coronavirus in Frankfurt: Auch in Buchhandlungen weniger los

Auf der Zeil sieht man immer wieder Leute, auch einige sehr junge darunter, mit Mundschutz. Ein junger Mann hat über seine Atemschutzmaske extra noch einen Schal gezogen. Manche achten auch darauf, stylish auszusehen: Eine junge Frau hat einen pinken Mundschutz, eine andere hat die passende mintgrüne Hose zur Atemschutzmaske gewählt.

Auch bei Hugendubel in Frankfurt ist deutlich weniger los als an normalen Tagen. „Morgen machen wir zu. Wann wir wieder öffnen, wissen wir nicht“, sagt eine Mitarbeiterin zu einem Kunden, der ein Buch bestellen will. „Wir können Ihnen das aber in drei Tagen direkt nach Hause schicken.“ Eine 70-jährige Frankfurterin hält drei Krimibücher in der Hand, die sie kaufen will. „Ein Krimi spielt in der Provence, der andere in Italien, aber ich habe auch noch zehn ungelesene Bücher zu Hause, falls wir wie in Italien das Haus nicht mehr verlassen dürfen.“ 

Keine Angst vor dem Coronavirus in Frankfurt

Angst vor Corona habe sie nicht. „Ich sehe das ziemlich gelassen, finde es aber gut, dass jetzt die Läden und Museen schließen, um den Coronavirus* einzudämmen. Blauäugig darf man auch nicht sein.“ Trotzdem sei es natürlich ungewohnt, dass ihr Französischkurs nicht stattfinde und sie nicht wie sonst in Kunstgalerien oder ins Kino gehen könne. Auch wenn sie keine Familie und wenig Freunde habe, fürchte sie nicht die Einsamkeit. „Ich bin eine große Individualistin. Ich komme gut klar“, sagt sie und lacht.

Soner (23) hat noch ein Buch für seinen Bruder gesucht. Er selbst habe kein Problem damit, in den nächsten Tagen nicht ins Gym zu können und „weggesperrt mit meiner Familie zu sein“. Er sagt: „Ich habe einen älteren und einen jüngeren Bruder und lebe noch zu Hause bei meinen Eltern. Aber wir verstehen uns gut. Vielleicht rückt uns Corona noch ein bisschen mehr zusammen. “ Und solange er Netflix habe, sei alles gut.

Zara an der Konstablerwache hat bereits am Dienstag geschlossen.

Coronavirus in Frankfurt: Schlange stehen für reduzierte Süßwaren

Die Kundinnen und Kunden an einer Hand abzählen kann man fast bei Kaufhof an der Hauptwache in Frankfurt. „Schon gestern waren kaum noch Kunden hier“, seufzt eine Mitarbeiterin der Kosmetikabteilung im Erdgeschoss. 

Unten in der Süßwarenabteilung bildet sich eine kleine Schlange an der Kasse. Denn es gibt auf alle Ostersüßwaren 50 Prozent. „Bei dem Angebot musste ich zuschlagen“, sagt eine Frau. Der Herr an der Kasse sagt: „Ab morgen ist nur noch die Lebensmittelabteilung gegenüber geöffnet. Die Süßwarenabteilung bleibt geschlossen. Denn Süßigkeiten sind auch nicht lebensnotwendig“, sagt er und lacht.

Freie Fahrt statt Staus wegen Coronavirus in Frankfurt

Draußen in den Cafés und Restaurants in der Innenstadt sitzen Leute, aber deutlich weniger als sonst bei schönem Sonnenschein. Selbst am Brunnen an der Alten Oper ist weniger los.

Es ist Dienstag. Dienstag, nicht Sonntag. Das muss man sich zumindest in den Stadtteilen am Vormittag immer wieder klar machen. Die Straßen in Bornheim, im Ostend, in Fechenheim wirken verwaist. Wo sich sonst lange Staus bilden, hat man freie Fahrt. Erst gegen Mittag kommt etwas Leben in die Viertel.

Frankfurt-Bockenheim: Coronavirus sorgt für leere Straßen

Auch in Bockenheim fehlt das trubelige Leben. Beim koreanischen Restaurant Misho auf der Adalbertstraße kleben an der Scheibe Zettel mit Fotos der Gerichte. Und in roter Schrift steht: „Nur zum Mitnehmen!!“. Die Bedienung sagt: „Seit Tagen will keiner mehr bei uns sitzen. Es kommen sehr wenig Leute. Das ist schlimm für uns. Und wenn, dann wollen sie alles nur mitnehmen.“

Zur morgendlichen Hauptverkehrszeit sind viele U-Bahnen leer.

In der Lohrberg-Apotheke in Frankfurt-Seckbach gelten neue Regeln. „Einzeln eintreten“, heißt es auf einem Schild am Eingang. Vor der Tür stehen die Menschen geduldig in der Schlange. Viele husten in die Armbeuge, alle versuchen, irgendwie Abstand zu halten. Die Apothekerinnen tragen Handschuhe und sind so freundlich, wie es die Lage eben zulässt. Doch die Stimmung ist gedrückt.

Coronavirus in Frankfurt: Kindergärten desinfizieren frei werdende Schränke

Ein Kindergarten im Osten Frankfurts: Bis mindestens Mitte April werden hier nur noch die Kinder betreut, deren Eltern beide in systemrelevanten Berufen arbeiten, die also Ärzte oder Polizisten sind. Alle anderen Mütter und Väter sind aufgefordert, die Wechselwäsche ihrer Kinder abzuholen, damit die Schränke desinfiziert werden können. 

Klingt einfach, in der Realität klingelt man erst einmal. Eine Erzieherin öffnet die Tür einen Spalt weit: „Sie dürfen leider nicht in den Kindergarten“, sagt sie. Kurze Zeit später kommt sie wieder und überreicht dem Vater eine Plastiktüte mit Regenhose und Gummistiefel seines Kindes. Wann die Sachen im Kindergarten wieder benötigt werden? Das weiß derzeit niemand.

Coronavirus in Frankfurt: „Bleiben Sie gesund“

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Am „Bornheimer Dorfstadl“, einer Kneipe auf der Partymeile Obere Berger Straße, hängt ein Schild: „Absolutes Maskenverbot – hier stirbt man als Held mit dem Bierkrug in der Hand!“ Allerdings ist die Information ohnehin obsolet. In allen Apotheken heißt es: Masken sind ausverkauft.

Und egal, wo man hingeht. Alle Leute verabschieden sich mit dem neuen Wort für Tschüss: „Bleiben Sie gesund!“

Die Restaurants in Frankfurt haben trotz Coronavirus noch geöffnet – aber warten fast vergeblich auf Gäste.

Unterdessen bereiten sich die Kliniken in Hessen auf den Coronavirus-Ernstfall vor. Das führt zu OP-Absagen.

Ein YouTube-Video zeigt beeindruckend denEinfluss der Corona-Pandemie auf das öffentliche Leben in Frankfurt. Es sind Bilder einer Geisterstadt.

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare