Coronavirus

Corona-Lockdown in Frankfurt: Auf der Suche nach der offenen Kneipe

Erster Tag im „Lockdown light“ – Ungewissheit und die Sehnsucht nach Essen und Trinken in der City.

  • Der zweite Lockdown in diesem Jahr trifft besonders die Gastronomen.
  • Wie gehen die Menschen mit den Beschränkungen um?
  • Eine Spurensuche am Mittag in Frankfurt am Main.

Frankfurt - Von Menschentrauben in der Freßgass kann keine Rede sein. Unter der warmen Mittagssonne bilden sich kurze Schlangen, aber es ist nicht schwer, Abstand zu halten. Auf den Bänken sitzen die wenigen, die nicht mit abgepacktem Essen durch die Stadt hetzen. Auch sie sind kurz angebunden – ein Fleischkäsebrötchen, dann steht ein Anzugträger auf und hastet davon. Die Gemütlichkeit fehlt, genauso wie gemeinsam am Tisch zu sitzen. Vor einem Restaurant stapelt der Chef die Stühle. „Wir machen jetzt für die nächsten vier Wochen dicht“, sagt er. Für ihn sei es nicht sinnvoll, auf Lieferung und Abholung umzustellen.

Am ersten Tag des zweiten Lockdowns gibt es Essen nur zum Mitnehmen, wie hier in der Schillerstraße.

Lockdown in Frankfurt: Der Straßenverkauf darf weiter gehen

Dane Radovics farbenfrohe Blumen sieht man schon von weitem, dennoch finden an diesem Montagmittag nicht viele Leute zu dem Blumenhändler in der Liebfrauenstraße. Erst drei Kunden seien es heute gewesen, sagt der 70-Jährige, höchstens ein Drittel der sonstigen Kundschaft um diese Zeit. Ein schwarzes Absperrband trennt die vorbeikommenden Passanten von den Blumen. Tapfer hält er die Stellung: „Ich liebe die Blumen, ich bleibe erst mal da.“ Er sei froh, dass er seinen Straßenverkauf nicht wie im April, beim ersten Lockdown wegen Corona, schließen müsse.

Eine Frau, die ihren Namen nicht nennen will, nimmt einen Strauß mit: „Die sind für mich selbst.“ Sie wolle sich eine Freude machen, es gebe schon genug Trauriges jetzt, da kein Ende ihrer Kurzarbeit in Sicht sei.

Lockdown in Frankfurt: Warten auf Kundschaft

Ein paar Meter weiter steht Hans Petry am Eingang seines kleinen Koffer- und Gürtelschnallengeschäfts und wartet auf Kundschaft. Vier Leute passen in seinem Laden, doch schon vorige Woche seien weniger vorbeigekommen als üblich. Der 68-Jährige vermisst zwar den Trubel, gibt sich aber geduldig: „Das müssen wir jetzt durchstehen.“

Ähnlich stoisch, wenn auch pessismistischer, ist Tulan Bayram. Sein Café am Markt am Römerberg lebt vom Tourismus. Der bleibt jetzt aus, die säuberlich aufgereihten Süßspeisen verkauft Bayram nur noch zum Mitnehmen. „Wir hoffen, dass es nicht so wird wie im April“, sagt der 49-Jährige. Heute habe er noch gar keine Kunden gehabt. „Das werden nicht mehr als 50 Euro Umsatz am Tag.“ Wenn er bis Ende der Woche wenigstens 20 Prozent des gewohnten Umsatzes mache, werde er sein Café offenlassen, andernfalls sehe er sich gezwungen, zu schließen: „Ich muss meine Mitarbeiter ja auch bezahlen können.“

Lockdown trotz Hygienekonzept und Plexiglasscheiben

Nach wie vor von morgens bis abends arbeitet Jasmin Orth in einem Restaurant in der Töngesgasse, bedient die wenigen Gäste, die sich Speisen liefern lassen oder mitnehmen wollen. Die 21-Jährige versteht nicht, warum Restaurants trotz Hygienekonzept, Abstand und Plexiglasscheiben schließen müssen. „Aber jammern bringt ja auch nichts außer Kopfschmerzen und schlechter Laune.“

„Ironisch, das trifft es“, sagt Yelda Orcin über den „Lockdown light“. Sie glaubt, dass das Schließen der Gastronomie wenig bringen werde. „Es ist ja immer noch recht voll hier“, sagt sie mit Blick auf die belebte Zeil, auf der sie ihre Mittagspause verbringt. Sie und ihre Kollegin Evin Bograzli essen normalerweise in einem der Restaurants der Innenstadt zu Mittag. Nun liegen eine Box mit Pastasalat und ein Avocado-Sandwich aus einem nahegelegenen Bistro vor ihnen. Bograzli stimmt ihrer Kollegin zu. Es arbeiteten immer noch viele Menschen in der Stadt statt im Homeoffice. „Deswegen weiß man nicht, was morgen sein wird.“

Frankfurt, Hauptwache: Die Maske wird getragen

Fast alle tragen hier an der Hauptwache eine Maske, wenn auch nicht immer korrekt: Eine Mutter läuft mit ihrem Kind an der Hand vorbei, ihre Maske hat sie zum Telefonieren unter die Nase gezogen. Ein Polizist sagt im Vorbeigehen, er habe bis jetzt nur zwei bis drei Personen ermahnen müssen, die meisten hielten sich an die Regelungen. Dann schließt er sich wieder dem Trupp patrouillierender Kolleginnen und Kollegen an. Die vielen Uniformen fallen auf in der Fußgängerzone, fast alle paar Meter stößt man auf den nächsten Polizeiwagen.

Fast alle halten sich an die Maskenpflicht.

Ungewohnt ist das Maskentragen an der frischen Luft für Bianca und Diana Böhme. In ihrer Heimat, der bayerischen und thüringischen Provinz, sei „der Umgang etwas lockerer.“ Dieser Tage seien sie in Frankfurt für ein Seminar im Friseursalon. „Wir sind froh, dass wir nach wie vor unseren Job ausüben können.“ Nun ist Mittagspause vom Haareschneiden, und die beiden sitzen auf der Zeil und essen Fischbrötchen; normalerweise wären sie wahrscheinlich in ein Restaurant gegangen. Mindestens eine Viertelstunde hätten sie suchen müssen, um etwas Essbares zu finden.

Lockdown auf der Zeil: Alles fast wie immer

Auf der und um die Zeil herum ist es so belebt wie immer, auch Straßenmusikanten lassen sich vom Lockdown nicht einschüchtern. Und vorm Burgerladen am Paulsplatz hat sich eine kleine Gruppe Hungriger versammelt, obwohl das Restaurant erst seit ein paar Minuten offen hat. Betriebsleiter Borisa Bilcar stimmt das optimistisch, aber er schimpft trotzdem: „Sagen Sie der Bundesregierung, wie viel wir investiert haben. War das jetzt das letzte Mal Lockdown oder einer von vielen? Wenn das so weitergeht, können wir alle dichtmachen.“

Gerade zugemacht und ziemlich verwaist dastehend sieht man dagegen die Kosmetik- und Massageläden quer durch die Innenstadt. Ein Klingeln bei der Kosmetikerin bleibt unbeantwortet. Andere öffnen zwar die Tür, aber das wahrscheinlich auch nur bis zur nächsten Kontrolle.

Aber nicht alles ist schlecht. „Ich habe Glück, dass ich Apfelwein verkaufe,“ stellt Martin Schitto fest. Er betreibt eine Galerie an der Kleinmarkthalle, verkauft aber gleichzeitig Getränke – das fällt unter Apfelweinhandel und Kunsthandel, und deshalb kann er seine Gemälde weiter ausstellen, während andere Ausstellungen schließen müssen.

Die Kunden hätten Interesse an den Bildern. Und dass der Andrang nicht so groß sei, sehe er durchweg positiv, sagt Schitto. „Dann habe ich mehr Zeit, um mich mit den Leuten zu unterhalten.“ (Isabel Knippel und Kilian Beck)

Keine Zuschauer in Frankfurt trotz schlüssigem und erfolgreichem Hygienekonzept. Eintracht Frankfurts Vorstand Axel Hellmann: „Da geht man auf die Falschen los“

Rubriklistenbild: © christoph boeckheler*

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