Christoph Dorner unterrichtet jetzt online.

Digitalisierung

Corona zwingt Flötenlehrer zum Abschied von digitaler Steinzeit

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Der Flötenlehrer Christoph Dorner muss wegen Corona neue Unterrichtsmethoden proben. Für ihn bedeutet die Corona-Krise einen Abschied aus dem vordigitalen Zeitalter.

Auf sein Telefon aus dem Jahr 1928 war der Musikpädagoge Christoph Dorner immer stolz. Das alte Ding, natürlich noch mit Wählscheibe, funktionierte doch auch im 21. Jahrhundert noch tadellos. Und auch das alte Handy, ein dicker Knochen, konnte er immer noch benutzen. WLAN? War bisher schlicht unnötig. Skype, Whatsapp und sonstige Kommunikationsprogramme? Das brauchte er bislang für seinen Unterricht nicht.

Und dann kam der Tag, an dem der 54-Jährige per knapper E-Mail mitgeteilt bekam, dass alle Schulen und damit auch seine Unterrichtsräume wegen der Corona-Gefahr ab sofort gesperrt seien, die meisten Eltern wollten keinen persönlichen Querflöten-Kurs mehr für ihre Kinder, und Konzerte waren ohnehin längst abgesagt. Für den freiberuflichen Musiker begannen hektische Tage.

Woher nimmt man die Ausstattung, wenn sämtliche Fachgeschäfte geschlossen bleiben? Wen fragt man, wie die einzelnen Computerprogramme zu bedienen sind? Und was besitzen die Schüler – ihr Alter reicht von acht Jahren bis Anfang 60 – an Ausrüstung? Das alles musste Dorner im Eiltempo klären, denn bei Freiberuflern bedroht ein Unterrichtsausfall schnell die Existenz.

Hektisches Nachfragen im Familien- und Freundeskreis brachte immerhin eine erstaunliche Menge an gebrauchten Utensilien zusammen, ein altes Smartphone hier, einen Laptop dort. „Ich bin dann zu meiner Mutter gerast, die Internet hat, um von dort aus Wlan zu beantragen“, berichtet er. „Das wollten offenbar viele. Nachts um 23.30 Uhr habe ich schließlich jemanden im Beratungszentrum der Telekom erreicht, der unglaublich nett und kompetent war. Er konnte das von seinem Schreibtisch aus freischalten und mir den Router per Paketboten zuschicken. So sehnsüchtig habe ich schon lange nicht mehr auf ein Päckchen gewartet. Allein in unser Haus brachte er dann zwölf Pakete.“

Die Installation ging erstaunlich unkompliziert, und seit einigen Tagen ist nun auch der Flötenlehrer online und erteilt Fernunterricht am Bildschirm. Vieles müsse er noch improvisieren, sagt er. „Ich habe grade nicht alle Notenblätter der jeweiligen Schüler, aber das fotografieren wir via Skype, und das klappt schon recht gut.“ Kompliziert war es, den neuen Stundenplan zu erstellen und den Schülern zu zeigen, wie sie zum Beispiel das Instrument halten sollen, damit er es auch sehen kann. „Das war ja auch für sie Neuland. Aber sie begreifen vieles schneller als ich. Und dann freuen sie sich, wenn sie mal mehr wissen als ihr Lehrer.“

Überhaupt sei die Lage für ihn inzwischen doch weit positiver als zu Anfang befürchtet: „Die Kinder sind sehr kooperativ und auch grade sehr aufnahmefähig, weil die Schule ausfällt. Das funktioniert viel besser und einfacher als gedacht. Gleichzeitig ist vieles auch anstrengender, weil es neu ist.“

Ein Duett zu spielen, sei beispielsweise deutlich komplizierter, weil die Übertragung per Bildschirm leicht zeitversetzt sei. Auch die Tonqualität lasse zu wünschen übrig. Ein großer Vorteil für ihn sei, dass er seine Schüler schon gut kenne und wisse, wie sie live klingen.

Inzwischen sieht Dorner auch einiges Positive an der neuen Situation. „Ich musste immer mal wieder wegen eines auswärtigen Orchesterprojekts den Unterricht absagen. Künftig könnte ich das auch online unterrichten. Und grade eben ist ein langjähriger Schüler von mir nach Hamburg gezogen. Als er jetzt hörte, dass ich online unterrichten kann, war er sehr begeistert und will weitermachen.“

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