Martina Schaffner ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und Akupunktur.
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Martina Schaffner ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und Akupunktur.

Interview

Hausärztin fürchtet den Herbst: „Ist das Corona, Influenza, oder ein Schnupfen?“

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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Die Hausärztin Martina Schaffner aus Frankfurt spricht in der Corona-Krise im FR-Interview über Probleme der vergangenen Wochen und einen Blick auf den Herbst.

Martina Schaffner hat die Leserinnen und Leser der Frankfurter Rundschau durch die Höhepunkte der Corona-Pandemie begleitet. In ihrer wöchentlichen Kolumne bot die Hausärztin aus Frankfurt einen Einblick in die Situation an der Basis der Patientenversorgung. Jetzt macht sie erst einmal Pause.

Frau Schaffner, wie geht es Ihnen?
Momentan eigentlich ganz gut. Es ist mehr Normalität eingekehrt, wir haben wieder mit anderen Krankheiten zu tun als Corona. Das tut gut.

Können Sie sich noch an unser erstes Gespräch erinnern?
Ja, sehr gut. Der Hilferuf. (lacht) Ich dachte, es kann doch nicht sein, dass nur ich ohne Schutzkleidung dastehe. Im Vergleich zu jetzt war das eine andere Welt. Heute sind wir sehr gut mit Schutzkleidung versorgt, wir dürfen seitens der KV (Kassenärztlichen Vereinigung, die Red.) immer Nachschub bestellen. Sie hat uns sogar darauf hingewiesen, Schutzkleidung auf Lager zu halten für den Fall, dass eine zweite Welle kommt.

Da hat sich ja wirklich was getan. Bei unserem ersten Gespräch Ende Februar sagten Sie: „Wir fühlen uns völlig alleingelassen.“
Ja, es ist unbegreiflich, wenn ich zurückdenke. Es war Wahnsinn. Was mich damals so schockiert hat, war, dass da ein Bundesgesundheitsminister steht und sagt, wir Hausärzte seien bestens vorbereitet. Ich dachte, ich bin im falschen Film. Ich bin ganz allein. Warum sagt keiner etwas, außer mir? Aber das hat sich Gott sei Dank verbessert, wir sind gut aufgestellt. Wir haben ausreichend Schutzmaterial und momentan auch keine neuen Corona-Fälle.

Es gab auch große Verunsicherung in der Bevölkerung. Das Virus kam über uns, keiner wusste, was das bedeutet und weiß es eigentlich bis heute nicht .
Rückblickend entstand die Verunsicherung wohl vor allem durch die unterschiedlichen Aussagen. Fachleute, Virologen, unser Bundesgesundheitsminister Spahn – alle sagten: Das ist alles nicht so schlimm. Ich erinnere mich noch an die Worte des Leiters des Gesundheitsamts, Professor Gottschalk, dass ihm die Influenza im Moment mehr Sorgen mache als Corona. Das haben wir damals tatsächlich alle unterschätzt. Auch ich. Dass sich Corona so entwickelt, konnte kein Mensch ahnen.

Bei der Grippewelle 2017/2018 starben nach RKI-Schätzungen mehr als 25 000 Patienten unmittelbar durch Influenzaviren. Aktuell sind es etwas mehr als 9000 Todesfälle in Zusammenhang mit Covid-19.
Ja, das waren damals sehr viele. Der Unterschied ist, dass sich bei Corona nicht einschätzen lässt, bei wem es einen schweren Verlauf nimmt und bei wem nicht. Bei der Influenza wissen wir, dass hauptsächlich Schwerstkranke, Alte, chronisch kranke Patienten die Risikogruppe sind. Bei Corona haben wir ja teilweise bei jungen Menschen schwere Verläufe gehabt. Es sind ja auch vereinzelt kleine Kinder und Säuglinge gestorben. Das hat es so bedrohlich gemacht für die Bevölkerung.

Wie geht es Ihren Patienten, die eine Corona-Infektion durchgemacht haben?
Ich sehe Patienten, die eine Erkrankung ohne schwere Verläufe durchgemacht haben, die aber nun eine symptomlose Veränderung am Herzmuskel haben. Sie waren beim Kardiologen, und der hat Auffälligkeiten festgestellt. Das ist ein Grund zur Sorge. Wir wissen einfach nichts über die Langzeitschäden. Coronaviren könnten ja auch im Zweifelsfall mutieren, sich im Körper einnisten und verstecken. Wir wissen nicht, was in der Zukunft passiert, ob es immer wieder ausbricht wie etwa die klassische Gürtelrose oder der Herpes. Aber ich möchte niemandem Angst machen …

Im Moment sieht es ja gut aus. Viele Corona-Beschränkungen sind aufgehoben. Es ist ziemlich locker. Wie empfinden Sie das?
Es muss sein, wir müssen wieder Kontakte mit anderen pflegen. Aber manchmal ist es mir zu locker. Was mich sehr, sehr stört ist, dass es seitens der Landesregierung keine klaren Schutzansagen für Arztpraxen gibt. Es gibt nicht die Regelung, wie zum Beispiel im Supermarkt, eine Maske zu tragen. Wir Ärzte müssen unsere Patienten dazu auffordern. Dabei brauchen wir die Masken gerade hier.

Und wie blicken Sie auf den Herbst?
Mir macht es etwas Angst. Im September werde ich wieder vor der Frage stehen: Ist das nun Corona, Influenza, oder hat der Patient einfach nur einen Schnupfen? Ich kann im Winter auch nicht so arbeiten wie im Moment. Bei Dauerregen und Kälte kann ich Patienten nicht bitten, draußen zu warten. Das heißt, wir müssen wieder neue Regelungen finden, wie wir das organisieren.

Die Kassenärztliche Vereinigung hat Corona-Schwerpunktpraxen eingerichtet. Ist das keine Lösung?
Corona-Schwerpunktpraxen eignen sich bei einem gesicherten Corona-Fall. Aber selbst dann: Man hat ja auch eine feste Patientenbindung über die Jahre. Ich würde jetzt nicht meine ältere Dame mit einer einfachen Coronavirus-Infektion in die Schwerpunktpraxis nach Bockenheim schicken. Da muss es auch Lösungen für mich geben. Schutzmaterial habe ich. Aber ich kann den infektiösen Patienten ja nicht in die Praxis lassen. Er geht durch das Treppenhaus, die Anmeldung, nutzt womöglich auch das Badezimmer. Dafür sind meine Räumlichkeiten nicht ausgelegt.

Sie sind Mitglied eines Ärztenetzwerks in Ihrem Stadtteil Griesheim. Diskutieren Sie da solche Probleme oder macht jeder Kollege sein eigenes Ding?
Das ist sehr unterschiedlich. Mit einigen Kollegen sind wir super im Austausch, andere geben weniger Rückmeldung. Aber fast alle organisieren sich im Moment so wie wir: Arbeiten über Fenster, der Patient muss klingeln, um eingelassen zu werden. Das klappt ganz gut. Wir haben auch bei Engpässen sehr kollegial die Schutzmaterialien untereinander ausgetauscht. Aber grundsätzlich muss die Lösung individuell zur jeweiligen Praxis passen. Die Räumlichkeiten sind ja sehr unterschiedlich, auch die Schwerpunkte.

Es gab Arztpraxen, die beklagten, dass die Patienten wegblieben. Wie war das bei Ihnen?
Bei mir war es auch so. Ich habe ungefähr einen Honorareinbruch von 15 bis 20 Prozent. Das liegt vor allem daran, dass wir die extrabudgetären Leistungen, von denen wir leben, nicht durchgeführt haben: Gesundheitsvorsorgen, Impfungen, Hautkrebsscreening, Akupunktur. Ich bin Akupunktur-Schwerpunktpraxis. Das sind normalerweise Leistungen, die eine Praxis finanziell aufrechterhalten. Das ist ein Riesenproblem, und ich kann mir vorstellen, dass es bei manchen Kollegen zu einem existenziellen geworden ist. Alleine von der Hausarztmedizin kann man nur schwer leben.

Sie hatten auch die Sorge, dass Sie die Corona-Tests nicht bezahlt bekommen. Ob dem so ist, werden Sie ja auch erst in vielen Monaten wissen, wenn die KV die Abrechnung schickt.
Genau. Im Moment ist nicht klar, was passiert, wenn wir bei der Abrechnung die von der KV kommunizierte Corona-Ziffer eingegeben haben. Das soll ein Extrabudget sein, nicht in unser gedeckeltes Laborbudget fallen. Für die Ziffer soll es auch eine zusätzliche Vergütung für den hohen Aufwand geben – den zeitlichen, logistischen, das Verkleiden. Aber niemand kann sagen, wie hoch diese ausfällt. Erfahrungsgemäß verläuft so etwas meist im Sand. Die Krankenkassen jammern ja jetzt schon, obwohl sie Milliardenüberschüsse haben. Angeblich haben die Corona-Tests so viel Geld gekostet, dass auch für die aktuellen Verhandlungen um die lange überfällige Erhöhung unserer Honorare kein Geld mehr da ist. Das ist schade.

Corona hat aber nicht nur finanzielle Einbußen zur Folge, sondern auch die Nerven stark strapaziert, oder?
Definitiv ja. Das war purer Stress. Die Honorareinbußen kann ich derzeit noch nicht überblicken. Aber das Virus hat auch mir existenzielle Sorgen bereitet. Ich bin definitiv urlaubsreif.

Ihre Urlaubsreise führt nach Italien. Die Italiener, sagen Sie, sind viel vorsichtiger. Inwiefern?
Dort gehen die Menschen mit viel mehr Respekt miteinander um. Das mag auch an der Erfahrung mit der richtig schweren Welle liegen. Jeder erinnert sich an die Bilder aus Bergamo mit den Leichentransporten. Die Menschen gehen wirklich auf Abstand, viele tragen auch im Freien Masken. Und im Supermarkt erlebt man nicht, dass ein anderer Kunde einem über die Schulter ins Regal greift. Ein solches Verhalten kriegt man hier in die Köpfe nicht rein. Wir sind mit dem blauen Auge davon gekommen und wissen es manchmal nicht richtig zu schätzen. Ja, der Urlaub ist überfällig.

Aber wir bleiben in Kontakt, denn das Virus ist ja nicht verschwunden. Nicht wahr?
Ja, ich bin sehr gespannt wie es weitergeht. Das kann ja keiner sagen. Wir wissen nicht, in welche Richtung es sich entwickelt. Eine solche Situation hätte sich zuvor keiner vorstellen können.

Interview: Jutta Rippegather

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