Stephanie Woscheks Kurs gibt’s jetzt kostenlos auf Youtube.

Porträt

Corona: Sport aus dem Bügelzimmer

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Im Profil: Stephanie Woschek dreht während der Corona-Krise Fitness-Videos für MS-Kranke. In zwei Wochen hat sie es bereits auf 300 Abonnenten gebracht.

Noch vor zwei Wochen hätte ich ja nie gedacht, dass ich mal einen eigenen Youtube-Kanal haben würde“, sagt Stephanie Woschek lachend. Seit dem 19. März produziert die Sportwissenschaftlerin, die unter anderem für den Landesverband der Deutschen Multiple-Sklerose-Gesellschaft (DMSG) in Frankfurt arbeitet, im heimischen Bügelzimmer in Niedernhausen täglich ein 20- bis 30-minütiges Fitnessvideo speziell für MS-Kranke. „Ins Bügelzimmer kommen die beiden Kleinen nicht hinein“, erzählt sie.

Sie nutze zum Aufnehmen die Zeit, in der ihr jüngeres Kind seinen Mittagsschlaf mache, berichtet die 37-Jährige, die über Sport und Multiple Sklerose promoviert hat. Alle ihre für die nächsten Wochen geplanten Sportschulungen wurden abgesagt, Woschek wollte aber etwas tun. „Das ist meine Möglichkeit, andere Leute zu unterstützen.“ Inzwischen erhält sie selbst Unterstützung von einer ihrer ehemaligen Studentinnen. „Ziel ist, dass es jeden Tag ein Video gibt. Bisher hat das wunderbar funktioniert.“

Positive Reaktionen

Die Idee zu den kostenlos abrufbaren Filmen sei ziemlich spontan entstanden, etwas in dieser Art hatte Woschek zuvor noch nie gemacht. Im Vordergrund zeigt sie einfache Übungen, die wohl den meisten Menschen guttun dürften, im Hintergrund sieht man durchs Fenster ein Auto parken, Zweige bewegen sich im Wind, es wirkt wirklich sehr privat, handgemacht und sympathisch.

„Das Problem ist allerdings: Ich weiß nicht, wie gut die Menschen mit den angebotenen Übungen umgehen“, sagt die Sportwissenschaftlerin. In der Regel schulen wir die Leute, damit sie mit Videos arbeiten können. Aber es gibt andererseits so viele Pluspunkte, die mögliche Nachteile aufwiegen. Viele haben mir als Reaktion geschrieben, das Angebot komme genau zur richtigen Zeit.“ Inzwischen hat sie bereits mehr als 300 Abonnenten für ihren Youtube-Kanal.

Für MS-Betroffene kann Bewegung sehr hilfreich sein. „Das ist eine relativ neue Erkenntnis. Noch vor 20 Jahren haben viele Ärzte MS-Kranken den Sport untersagt“, berichtet Woschek. Inzwischen fallen die meisten therapeutischen Sportangebote wegen der Corona-Gefahr aus, nur noch wenige Physiotherapie-Praxen haben weiter geöffnet.

Woscheks Trainingsfilme sind aufgezeichnet und laufen nicht in einem Livestream wie etwa beim Frankfurter Sportverein TG Bornheim, der täglich zwei Stunden sendet. „Viele MS-Kranke haben einen ganz eigenen Rhythmus, sind morgens fit oder richtige Nachteulen und haben dazwischen vielleicht auch mal Zeiten großer Erschöpfung. Aber grundsätzlich denke ich schon darüber nach, ob das nicht künftig beim Funktionstraining, das die Krankenkassen verschreiben, klappen würde“, meint Woschek. „Je nachdem, wie lange unsere soziale Isolation fortbesteht, könnte ich mir das schon vorstellen.“ Man könne mit entsprechender Ausrüstung ja auch Sportübungen korrigieren und auf einzelne Patienten persönlich eingehen.

„Ich glaube, da muss man die Kommunikation ganz neu lernen“, sagt Woschek. „Vielleicht wäre das eine Chance für Menschen, die mobilitätseingeschränkt sind. Darüber hat man sich bisher noch keine Gedanken gemacht.“

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