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Corona sei Dank

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Von: Stefan Behr

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Doppelter Michael, doppelt lustig: Michael Quast (l.) und Michi Herl mit ihren Stoltze-Preisen.
Doppelter Michael, doppelt lustig: Michael Quast (l.) und Michi Herl mit ihren Stoltze-Preisen. Rolf Oeser © Rolf Oeser

Michael Quast bekommt seinen Stoltze-Preis mit zweijähriger Verspätung, Michi Herl pünktlich und beide zusammen

Corona sei Dank: zwei Stoltze-Preisträger zum Preis von einem! Nicht, dass die Verleihung des Friedrich-Stoltze-Preises sonst kostenpflichtig wäre. Aber der Preis, den das Publikum zahlen muss, ist jedes Mal das Lauschen der grußwortverliebten Vorredner. Aus Seuchengründen war die Verleihung an Michael Quast, Preisträger 2020, ausgefallen und auf den gestrigen Montag verlegt worden, zusammen mit der Ehrung des aktuellen Preisträgers Michael aka „Michi“ Herl.

Jetzt ist es auch viel sicherer. Nicht wegen der Seuche, die ist noch da. Aber seit Peter Feldmann nicht mehr aktiv ist, haben die Geehrten weit bessere Chancen, ihre Trophäe - eine acht Zentimeter hohe Stoltze-Figur aus Massivsilber auf Granitsockel - unangetastet aus dem Römer in die heimische Nippesvitrine zu tragen. Das Preisgeld in Höhe von 5000 Euro müssen die beiden sich auch nicht teilen und bleiben also Freunde, die als solche die Laudatio jeweils für den anderen halten.

„Quast, hör zu!“, beginnt Herl seine Rede und fährt fort: „Dank Corona habe ich die Ehre, die Laudatio für einen ganz besonderen Kollegen zu halten“, der zweifellos „ein würdiger Preisträger“ sei und in Frankfurt auch keiner Vorstellung bedürfe. „Herl, hör zu!“, beginnt Quast seine Rede und fährt fort: „Dank Corona habe ich die Ehre, die Laudatio für einen ganz besonderen Kollegen zu halten“, der zweifellos „ein würdiger Preisträger“ sei und in Frankfurt auch keiner Vorstellung bedürfe. Aufmerksamen Zuhörer:innen entgeht nicht, dass beide Reden identisch sind. Bis auf eine Ausnahme: Quast outet Herl als gebürtigen Pirmasenser, der als solcher eine besondere Beziehung zu Friedrich Stoltze habe. Es folgt eine Begebenheit aus dem Leben Stoltzes, die mit Pirmasens nicht das Geringste zu tun hat. Das hätte dem gebürtigen Frankfurter Stoltze, der weder mit Pirmasens noch mit Quasts Geburtsort Heidelberg viel am Hut hatte und gestern 206 Jahre alt geworden wäre, sicher gefallen.

Ach ja, falls jemand aus Pirmasens oder Heidelberg das lesen sollte: Quast ist Chef der Fliegenden Volksbühne Frankfurt Rhein-Main und Mitbegründer des Molière-Sommerfestivals Barock am Main. Herl schmeißt das Stalburg-Theater und das Stoffel-Festival im Günthersburgpark. Friedrich Stoltze (1816 - 1891) war Frankfurts zweitgrößter Dichter.

Es ist nicht das erste Mal, dass der Stoltze-Preis, der alle zwei Jahre vom Verein der Freunde Frankfurts vergeben wird, an zwei Träger geht. Schon bei der Premiere 1978 ging er an das Duo Liesel Christ und Richard Klein, zwei Jahre darauf an Waldemar Kramer und Wolfgang Klötzer.

Unbestreitbarer rhetorischer Höhepunkt der Preisverleihungen war bislang die Dankesrede Robert Gernhardts, der es 2002 bei seiner Rede schaffte, mit einem kurzen Gedicht die Zuhörerschaft aus ihrem grußwortbedingten Schlummer zu wecken und ins Hellwache zu begeistern: „Lieber Goethe, lieber Stoltze, sind wir nicht vom gleichen Holze? Lieber Stoltze, lieber Goethe, spielen wir nicht auf gleicher Flöte? Ich sei, gewährt mir die Bitte, in Eurem Bunde der Dritte.“ In diesem Sinne muss man wohl sagen: Lieber Quast, lieber Herl, Stoltze war ein feiner Kerl, lieber Herl, lieber Quast, zu dem ihr vorzüglich passt.

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