Am frühen Morgen ist es noch leer  am Lohrberg.
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Am frühen Morgen ist es noch leer  am Lohrberg.

Corona-Pandemie in Frankfurt

Corona-Party in Frankfurt: Geheimrat von Goethe und Assistent Wagner unterwegs

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Spaziergänge sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Das bekommt selbst Geheimrat von Goethe zu spüren. Erheiterung in Zeiten der Corona-Pandemie.

Ostersamstag. Goethe und sein Assistent Wagner wandeln über den Lohrberg. Goethe ist schlechter Stimmung, weil das MainÄppelHaus geschlossen war und ihm nach einem Schmalzbrot hungert. Außer Wagner ist niemand da, an dem er sie auslassen kann. Den beiden folgt ein Pudel.

Goethe: „Wagner, notieren Sie!

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche / Durch des Frühlings holden, belebenden Blick; Im Tale grünet Hoffnungsglück; / Der alte Winter, in seiner Schwäche ...“

Wagner: „Das kann man laut sagen mit dem schwachen Winter. Nicht mal auf dem Lohrberg hat es für eine anständige Schlittenpartie gereicht.“

Goethe: „Wagner, es ist das Vorrecht der Jugend, das Klima zu kritisieren, aber Eure ständige Nörgelei verdirbt mir die Dichtlust. Schweigen Sie! Und notieren Sie: Aus dem hohlen, finstern Tor / Dringt ein buntes Gewimmel hervor. / Jeder sonnt sich heute so gern ...

Wagner: „Bei allem Respekt, Herr Geheimrat, das ist doch Unsinn. Schauen Sie sich doch um. Keine Menschenseele weit und breit. Nur dieser dämliche Pudel, der uns seit der Hauptwache hinterherläuft.“

Goethe: „In der Tat, es ist merkwürdig, fast schon gespenstisch. Aber hier geht es um Dichtung, Wagner, nicht um Wahrheit. Notieren Sie: Ich höre schon des Dorfs Getümmel, / Hier ist des Volkes wahrer Himmel, / Zufrieden jauchzet groß und klein ...“

Wagner: „Gottlob ist hier und heut’ kein Schwein.“

Goethe: (wird laut)„So kann ich nicht dichten! Vielleicht wollen Sie ja dichten, Wagner, vielleicht können Sie’s ja besser, vielleicht irrt sich ja die ganze Menschheit, und das Universalgenie, der Dichterfürst, der Menschensohn heißt gar nicht Goethe, vielleicht heißt er ja Wagner, und in hundert Jahren noch werden die Menschen singen: ,Wagner war gut, Mann, der konnte reimen!‘, und es wird Wagner-Festspiele geben, und die Weiber werden stöhnen: ,Einmal Wagner, immer Wagner, und ...‘“

Wagner: „Ist ja gut, ist ja schon gut, Herr Geheimrat, ich ...“

Goethe: (noch lauter)„Gar nichts ist gut! Dichten Sie, Wagner! Schauen Sie sich um, atmen sie das Leben ein, schmelzen sie es im Glutofen Ihrer Phantasie und gießen Sie es in Zeilen. Ich warte, Wagner!“

Was sieht der Pudel gern?  

Wagner: (schaut sich kurz um) „Über allen Gipfeln / Ist Ruh’, / In allen Wipfeln / Spürest Du / Kaum einen Hauch; / Die Vögelein schweigen im Walde. / Warte nur! Balde / Ruhest du auch.“

Goethe: (dreht sich um, damit Wagner nicht die Tränen in seinen Augen sieht – und dass er sich auf der Hand Notizen macht)„Schwach, Wagner, ganz schwach. Reimt sich nicht. Versmaß holprig, Botschaft fragwürdig, Thema ,Osterspaziergang‘ glatt verfehlt, setzen, Sechs! Das hätte selbst Schillers Fritze nach fünf Tokajern besser hinbekommen, und der hat eine Sextanerleber.“

Wagner: „Mit Euch, Herr Geheimrat, zu spazieren, kann mitunter etwas anstrengend sein.“

Goethe: „Schweigt still, Wagner! Hört Ihr das? Musik liegt in der Luft! Dort, unter der Linde, singen gute Menschen, denn böse Menschen haben ja wohl keine Lieder, da zieht’s mich hin, dort will ich sein!“

Wagner: (folgt ihm grummelnd)„Mir ist’s ein gar verhasster Klang. Sie toben, wie vom bösen Geist getrieben, und nennen’s Freude, nennen’s Gesang.“

Drei Bauern: (sitzen zechend unter einer Linde und singen) „Er konnte feiern ohne Schlaf: Jan Pillemann Otze Otze Arsch.“

Goethe: „Grüß Euch Gott, Gevattern. Zuerst im stillsten Raum entsprungen, / Das Lied erklingt von Ort zu Ort: / Wie es in Seel und Geist erklungen, / So hallt’s nach allen Zeiten fort.“ (zu Wagner)„Notieren Sie das!“

Erster Bauer: „Was bistn du für einer?“

Zweiter Bauer: „Haste was zu rauchen?“

Dritter Bauer: „Netten Hund haste da. Warum stinktn der so?“

Goethe: „Ihre Fragen will ich beantworten. Das ist nicht mein Hund, und die Ursache seines Schwefelodeurs ist mir daher unbekannt.“

Wagner: „Der läuft uns schon seit der Hauptwache hinterher.“

Goethe: „Und Rauchen macht dumm, es macht unfähig zum Denken und Dichten. Aber es liegt auch im Rauchen eine arge Unhöflichkeit, eine impertinente Ungeselligkeit. Die Raucher verpesten die Luft weit und breit und ersticken jeden honetten Menschen, der nicht zu seiner Verteidigung zu rauchen vermag.“

Drei Bauern: (glotzen offenen Maules)

Goethe: „Und was mich betrifft: Ich bin Goethe. Ich bin Dichter.“

Erster Bauer: (reicht Goethe die Buddel)„Wir doch auch, Kollege!“

Zweiter Bauer: „Auf jeden Fall dichter wie vor zehn Minuten.“

Dritter Bauer: „Viel dichter.“

Goethe: „Ich bin der Goethe. Ich bin der Dichter. Zum Sehen geboren, zum Hören bestellt. Lehrt mich Eure Lieder, ich will Euch die meinen lehren.“

Erster Bauer: „Eins hamwa noch.“ (alle drei singen) „Ich will zehn nackte Friseusen, zehn nackte Friseusen, mit richtig feuchten Haaren.“

Wagner: (flüsternd zu Goethe)„Aber das reimt sich jetzt, oder was?“

Goethe: „Schweig stille, Wagner. Davon verstehst du nichts. Ich ahne, wovon sie singen.“

Zweiter Bauer: (zu Goethe)„Und jetzt du.“

Goethe: (magna cum voce) „Hier sind wir versammelt zu löblichem Tun, drum Brüderchen, ergo bibamus...“

Drei Bauern: (rennen davon, als jage sie der Teufel)

Goethe: (ruft ihnen nach)„Banausen! Ikonoklasten! Troglodyten! Von Gesang so viel Ahnung wie der Spitzweg von Anatomie ...“

Wagner: „Herr Geheimrat, die hat nicht Euer Gesang in die Flucht geschlagen.“

Zwei Polizisten: (haben sich in Goethes Rücken lautlos genähert)„Na, feiern wir hier etwa eine kleine Corona-Party?“

Goethe: „Guten Tag, die Herren. Eigentlich gingen wir nur so vor uns hin, und nichts zu suchen, das war unser Sinn, als wir unvermutet im Schatten der Linde ...“

Erster Polizist: „Versammlungen von mehr als drei Personen sind verboten.“

Zweiter Polizist: „Hab sie einen systemrelevanten Beruf?“

Goethe: „Ich bin Geheimrat.“

Erster Polizist: „Ist das ein Ausbildungsberuf?“

Goethe: „Ich darf wohl in aller Bescheidenheit kundtun, dass ich Philosophie, Juristerei – und leider auch Theologie – durchaus studiert ...“

Erster Polizist: „Geschwätzwissenschaftler also. Nicht systemrelevant. Wir erteilen Ihnen hiermit einen Platzverweis.“

Zweiter Polizist: „Aber vorher entfernen Sie noch den Haufen, den ihr Hund da gesetzt hat. Wie kann ein so kleiner Pinscher überhaupt so einen Riesenhaufen setzen? Und wieso stinkt der so höllisch nach Schwefel. Hat der Würmer?“

Goethe: „Das ist nicht mein Hund.“

Wagner: „Der läuft uns schon seit der Hauptwache hinterher.“

Zweiter Polizist: „Und will vermutlich nur spielen. Ein Scheiß-Spiel. Und jetzt schön weg mit dem Haufen.“

Goethe: (leicht irritiert)„Sie erwarten von mir, dass ich mich um die Notdurft eines Köters kümmere? Eines mir völlig fremden, notabene?“

Erster Polizist: „Erst ist Ihnen der Hund völlig fremd, dann kennen Sie auf einmal seinen Namen. Sehr verdächtig. Aber egal ob Hasso, Lassie, Rantanplan oder Notabene: Sie machen jetzt den Dreck weg!“

Goethe: „Sie wissen wohl nicht, wer ich bin?“

Erster Polizist: „Der Hundehaufenwegmacher.“

Goethe: „Ich bin Goethe! Der Goethe! Unwillig, wie sich Feuer gegen Wasser im Kampfe wehrt und glischend seinen Feind zu tilgen sucht, so wehret sich der Zorn in meinem Busen gegen Eure Worte!“

Zweiter Polizist: (zu erstem Polizist)„Obacht! Der Alte wird gefährlich.“

Goethe: (braust auf)„Gefährlich! Was gefährlich? Gefährlich sind solche Bestien, wie Ihr seid, die alles ringsum mit Fäulnis anstecken, die alles Schöne und Gute begeifern und bescheißen und dann die Welt glauben machen, es sei alles nicht besser als ihr eigener Kot.“

Erster Polizist: „Es handelt sich genauer gesagt um den Kot Ihres Hundes.“

Goethe: (rast)„DAS! IST! NICHT! MEIN! HUND!“

Wagner: „Der läuft uns ...“

Goethe: „Maul halten, Wagner, und notieren: Vor der Obrigkeit hatte ich stets schuldigen Respekt. Ihro zweye aber könnt mich im Arsch lecken!“

Erster Polizist: (lockert den Gummiknüppel)„Na, dann woll’n wir mal ...“

Aus dem Polizeibericht

Aus dem Polizeibericht: Zwei Polizeibeamte sind am Ostersonntag beim Auflösen einer Corona-Party auf dem Lohrberg verletzt worden. Gegen 16.40 Uhr wurde die Streife auf fünf Personen und einen Hund aufmerksam, die trotz Kontaktverbot gemeinsam Alkohol konsumierten und Lieder sangen. Drei jugendlich wirkende Täter flohen beim Anblick der uniformierten Beamten. Die Beamten hielten einem verbliebenen Senior und seinem 34 Jahre alten Begleiter eine Gefährderansprache und erteilten einen Platzverweis. Der Senior begann daraufhin, die Beamten massiv zu beleidigen und zu bedrohen. Als die Beamten ihn in Gewahrsam nehmen wollten, hetzte der Senior seinen Kampfhund auf sie und attackierte die Polizisten. Ein Polizist erlitt einen ausgerenkten Daumen und Hämatome am Schienbein, sein Kollege zwei Bisse in die Wade. Anschließend flüchtete der Senior. Sein Begleiter wurde nach Abschluss der polizeilichen Maßnahmen wieder auf freien Fuß gesetzt. Der Hund wurde eingeschläfert.

Der Flüchtige wird wie folgt beschrieben: etwa 1,80 Meter groß, 60 bis 70 Jahre alt, weißer Haarkranz, hohe Stirn, nordeuropäischer Typ, sehr gepflegte Erscheinung, redet etwas geschwollen. Es ist möglich, dass der Mann sich mittlerweile im Großraum Weimar aufhält. Ihn erwarten Verfahren wegen Körperverletzung, Beleidigung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Tierquälerei.

von Stefan Behr

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