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Soumeya Gouichiche, Ahmed Bettou und Töchterchen Akila.
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Soumeya Gouichiche, Ahmed Bettou und Töchterchen Akila.

Warten auf die Heimreise

Gestrandet wegen Corona: Familie aus Algerien sitzt seit Monaten in Frankfurt fest

  • Stefan Simon
    vonStefan Simon
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Eine Familie aus Algerien sitzt seit März in Frankfurt fest - wegen Corona. Neun Monate bleiben die Grenzen für die Familie dicht. Doch nun gibt es Hoffnung.

  • Ein Paar aus Algerien wollte im Frühjahr Urlaub in Deutschland machen.
  • Wegen der Corona-Pandemie machte Algerien während des Urlaubs die Grenzen dicht.
  • Das Paar und die mittlerweile geborene Tochter sitzen seit Monaten in Frankfurt fest.

Frankfurt - Ahmed Bettou ist ein freundlicher Mann. Immer wieder lächelt er seine Ehefrau und seine Tochter an. Auch Soumeya Gouichiche, mit Töchterchen Akila im Arm, lächelt oft, aber etwas verlegen. Sie sehen glücklich aus. Doch im Leben des jungen Ehepaars ist nichts mehr so, wie es einmal war, bevor es sich entschloss, für sieben Tage in den Urlaub nach Deutschland zu fliegen. Seit Mitte März sitzt es buchstäblich in Frankfurt fest. In ihrem Heimatland sind wegen der Corona-Pandemie seit Mitte März die Grenzen geschlossen.

Die junge Familie sitzt an einem trüben Dezembertag in einem schnöden Raum im Untergeschoss des Kinderschutzbunds. Seit der Geburt von Tochter Akila im Mai begleitet Nicola Küpelikilinc die Familie. Sie ist stellvertretende Geschäftsführerin des Kinderschutzbunds und Leiterin von Babylotse und übersetzt während des Gesprächs.

Gestrandet: Familie aus Algerien sitzt wegen Corona seit Monaten in Frankfurt fest

Ahmed Bettou hat vieles versucht, um eine Rückkehr seiner Familie zu ermöglichen. Der 32-Jährige kontaktiert regelmäßig das algerische Generalkonsulat in Frankfurt, fragt immer wieder nach, wann wieder Flüge nach Algerien starten, wann das Konsulat einen algerischen Pass für seine Tochter Akila ausstellt und bittet um eine Sonderreisegenehmigung. Über die sozialen Medien versuchte er, auf ihre verzweifelte Lage aufmerksam zu machen, die Stadt Frankfurt schaltete sich ein und nahm ebenfalls Kontakt zum algerischen Konsulat auf. „Das Konsulat sieht sich nicht in der Pflicht der Familie zu helfen“, urteilt Küpelikilinc. Die Situation sei „verrückt“.

Doch der Reihe nach. Wie konnte es überhaupt so weit kommen?

Ahmed Bettou und Soumeya Gouichiche haben ein ungutes Gefühl, trotzdem treten sie ihre Reise nach Deutschland an. Es ist der 12. März. Das Coronavirus wütet bereits auf dem ganzen Erdball, ein Land nach dem anderen schließt seine Grenzen. Bettou informiert sich drei Tage nach der Einreise beim Reisebüro über die Lage im Heimatland. „Sie sagten, dass die Grenzen erst am 19. März geschlossen werden.“ Bettou und Gouichiche sind beruhigt. Ihren Rückflug haben sie für den 18. März gebucht, kein Grund zur Sorge also. Doch dann erreicht sie eine Hiobsbotschaft: Am frühen Morgen des 17. März erfahren sie, dass die Grenzen bereits dicht sind.

Frankfurt: Familie aus Algerien steckt wegen Corona im Deutschland-Urlaub fest

Am Tag der geplanten Abreise versuchen sie am Flughafen Frankfurt, wo zu dem Zeitpunkt Hunderte gestrandete Touristen verweilen, ihren Flug zu nehmen. Doch ohne eine Einreisegenehmigung lassen die Fluggesellschaften keine Passagiere an Bord. Offiziell sei das algerische Innenministerium für die Einreisegenehmigung zuständig, sagt Küpelikilinc. Doch die Ministerien schieben sich die Verantwortung offenbar gegenseitig zu. Nur der algerische Präsident Abdelmadjid Tebboune genehmigt laut Bettou eine Einreise. Aber nicht für seine Ehefrau und ihn. Seitdem versucht das Ehepaar alles in seiner Macht stehende, sich in eines der Flugzeuge zu setzen und nach Hause zu kommen.

Gestrandet

Am Anfang der weltweiten Corona-Pandemie steckten Mitte März täglich Hunderte Passagiere allein am Flughafen Frankfurt im Transitbereich fest. Ob Urlauber, Durchreisende oder Geschäftsleute. Der internationale Flugverkehr kam weltweit zum Erliegen, ein Land nach dem anderen machte die Grenzen dicht. Doch peu à peu konnten die Menschen weiterreisen oder zurück in ihre Heimatländer fliegen. Das galt aber nicht für alle Gestrandeten. Etlichen erging es wie dem algerischen Ehepaar Ahmed Bettou und Soumeya Gouichiche.

Wie viele Menschen noch in Frankfurt und Hessen festsitzen, ist nicht bekannt. Weder die Ausländerbehörde noch das Innenministerium führen dazu Statistiken. Die Besuchsvisa von Gestrandeten verlängerte das Bundesinnenministerium automatisch bis zum 30. September. Dies galt für alle, die sich zum 17. März in Deutschland aufhielten, teilt ein Sprecher der Ausländerbehörde der FR mit. Bei der Behörde vorzusprechen war dadurch nicht mehr nötig.

Eine erneute Verlängerung der Visa erfolgte jedoch nicht, da Rückreisen in die Heimatländer wieder möglich waren und die überwiegende Zahl der Betroffenen auch ausgereist war, heißt es weiter.

Bisher konnten laut algerischem Konsulat mehr als 30.000 algerische Staatsangehörige aus verschiedenen Ländern per Rückholaktion in ihre Heimat geflogen werden. (stn)

Denn Flugzeuge starten nach Algier, in die Hauptstadt Algeriens. Doch nicht alle algerischen Staatsbürger:innen ergattern einen Platz. Zu den Auserwählten zählen ältere Menschen, Kranke, in Algerien eingeschulte Kinder und Verstorbene, teilt das Generalkonsulat der FR mit. Darüber hinaus bestehe die Möglichkeit für Firmen, die in Algerien tätig seien, ihre Mitarbeiter per Sondergenehmigung ins Land zu holen. Doch Bettou ist selbstständig, Gouichiche ist Hausfrau.

Ahmed Bettou ist enttäuscht. „Das eigene Land lässt uns im Stich“, sagt er. Aber stets bleibt seine Tonart gemäßigt. Er versucht, in allem auch etwas Gutes zu sehen: „So kann ich rund um die Uhr bei meiner Frau und meinem Kind sein.“ Als wäre es nicht schon schwer genug, in einem fremden Land mit einer fremden Kultur, ohne Familie und Freunde festzusitzen, durchlebt das junge Paar nervenaufreibende Wochen.

Gestrandete Familie aus Algerien hat in Frankfurt inzwischen Nachwuchs bekommen

Zurück im Mai. Zwei Monate sind sie nun in Frankfurt, leben auf eigenen Kosten in einem Hotel. Die Familie in Algerien unterstützt das junge Paar finanziell. Gouichiche muss in die Uniklinik. Sie ist hochschwanger. Es gibt Komplikationen. Die Geburt ihres Kindes muss eingeleitet werden, allerdings mehrere Wochen zu früh. Am 25. Mai erblickt Akila das Licht der Welt. Sie wiegt nur 950 Gramm und wird bleibende Hirnschäden davontragen.

Drei Monate muss Akila im Krankenhaus bleiben, vier Wochen wird sie in einem Brutkasten künstlich beatmet. Eine Tortur für das junge Paar. „Wir durften nur abwechselnd einzeln zu ihr“, sagt Bettou. Vor allem die 25-jährige Gouichiche leidet. Es ist ihr erstes Kind, und auch wenn ihr Ehemann sie immer wieder aufbaut, braucht sie die Nähe ihrer Mutter, ihrer Schwestern. Ausgerechnet in diesem Zeitraum schafft es das Konsulat, einen Flug zu organisieren. Doch die Ärzte geben für das Neugeborene kein grünes Licht. „Niemand dachte zu dem Zeitpunkt, dass es bis heute die letzte Chance war, in ein Flugzeug einzusteigen“, sagt Kinderschutzbund-Mitarbeiterin Nicola Küpelikilinc .

Unfreiwillig langer Urlaub: Familie aus Algerien wohnt wegen Corona in Frankfurt

Seitdem sind mehrere Monate vergangen. Die Familie wohnt in Frankfurt-Niederrad, wo sie über eine algerische Bekannte eine Wohnung gefunden hat. Zumindest die deutschen Behörden lassen die Familie nicht im Stich. Das Besuchervisum des Ehepaars, das für gestrandete Ausländer vom Bundesinnenministerium bis zum 30. September verlängert wurde, ist abgelaufen. Die Ausländerbehörde hat nun eine Grenzübertrittsbescheinigung bis zum 31. Januar 2021 ausgestellt. So lange darf die Familie legal in Deutschland bleiben.

Das Sozialamt zahlte Ende Juni die Krankenhauskosten. Außerdem erhält die Familie Sozialhilfe. Diese wird laut Sozialamt normalerweise für einen Zeitraum von maximal vier Wochen gezahlt, um den Zeitraum bis zur Ausreise zu überbrücken. Die Leistungen laufen nun aber schon deutlich länger als vier Wochen. „Dementsprechend leistet die Stadt Frankfurt im Rahmen ihres Ermessens umfangreiche Hilfen an die Familie, die mit hohen Kosten verbunden sind“, heißt es in einem Schreiben an das algerische Konsulat. Darin bittet die Stadt, „der Familie mit der Gewährung einer Rückkehrhilfe nach Algerien entgegenzukommen“. Auf eine Antwort wartet sie bis heute.

Grenzen von Algerien wegen Corona dicht: In Frankfurt gestrandete Familie kann nicht zurück

Aus dem hessischen Innenministerium heißt es, dass „Ausländer, die sich in Deutschland aufhalten und in ihre Heimat zurückkehren wollen, dies in der Regel auch tun können“. Grundsätzlich könne ein Staat seinen eigenen Staatsbürgern die Einreise nicht verwehren, wohl aber angesichts der Pandemie beispielsweise eine Quarantäne verordnen. Für Bettou, Gouichiche und Akila gilt das offenbar nicht.

Auf Unverständnis des Ehepaars, von Küpelikilinc und der Stadt Frankfurt stößt weiter, dass das algerische Konsulat Akila erst einen algerischen Pass ausstellen will, sobald das Datum für die Heimreise feststeht. Das bestätigt Generalkonsul Abdelkrim Yamani der FR auf Anfrage.

In Frankfurt gestrandete Familie: Rückreise nach Algerien vielleicht am 30. Dezember möglich

Bettou blickt trotz allem optimistisch in die Zukunft. Er sagt: „Ich träume oft nachts davon, dass Akila schon älter ist und wir draußen spielen und sie mich fragt, warum auf ihrem Pass Frankfurt als Geburtsort steht. Dann lachen wir gemeinsam darüber.“

Seit dem Gespräch in den Räumlichkeiten beim Kinderschutzbund vergehen ein paar Wochen. Nun, kurz vor Weihnachten, gibt es wohl doch noch Hoffnung für die junge Familie. Die Regierung in Algerien organisiert wohl Rückholflüge. Am 30. Dezember soll die Familie nach Algier fliegen können. Flugpreis: 836 Euro.

Bettou bleibt skeptisch. Er hat Angst, dass der Flug nach Hause wegen der Ereignisse in England doch nicht stattfinden kann. Doch dann sagt der 32-Jährige mit einem Lächeln im Gesicht: „Der Flug nach Hause wäre wie ein Flug in den Himmel.“ (Stefan Simon)

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