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Linke Demonstranten warnten vor rechten Verschwörungstheorien.

Corona-Proteste

Corona-Krise: „Kein Zurück in einen beschissenen Normalzustand“

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Linke Gruppen versuchen in Frankfurt, Kundgebungen von rechten Gegnern der Corona-Auflagen zu verhindern. Die Situation droht immer wieder, zu eskalieren.

An der Hauptwache ist es so voll wie noch nie seit der Corona-Krise. Etwa 500, mehrheitlich junge Menschen sind am Samstag gegen 14 Uhr dem Aufruf der neuen Initiative „Aufklärung gegen Verschwörungstheorien“ gefolgt, stellen sich Gegnern der Corona-Auflagen und rechten Aktivisten entgegen, die vor einer Woche gemeinsam durch die Stadt gezogen sind – und auch für diesen Samstag ihre Anhänger mobilisiert haben.

„Gegen Kapitalismus und Aluhut“ ist auf einem Banner in Nähe der Katharinenkirche zu lesen. Eine Rednerin warnt vor „menschenverachtendem Schwachsinn“. Sie wirft den Gegnern der Corona-Auflagen vor, Seite an Seite mit Antisemiten und Nazis zu stehen. Ein Redner wirbt in der Krise für echte Solidarität, die nicht nur geheuchelt sei und nicht an den Landesgrenzen haltmache. Er fordert, die Vergesellschaftung des Gesundheitssystems und die Enteignung der Immobilienkonzerne. „Es darf nach Corona kein Zurück in einen beschissenen Normalzustand geben“, sagt er.

Anders als noch am Samstag vor einer Woche sind linke Demonstranten klar in der Mehrheit in der Frankfurter Innenstadt. Schon am frühen Mittag hatten Aktivisten am Opernplatz vor rechten Verschwörungstheorien gewarnt. Redner riefen dort später zu „Solidarität statt Hetze“ auf, warnten davor, gemeinsame Sache mit Rechten zu machen. „Schutzschirm für Menschen, nicht für Profite“ war auf einem Banner zu lesen, das die Frankfurter Linke entrollt hatte.

Linke warnten an der Hauptwache vor rechten Verschwörungstheorien.

Vereinzelt versuchen sich Gegner der Corona-Auflagen später unter die Demonstranten an der Hauptwache zu mischen. Die Polizei schickt eine Frau, die sich als Impfgegnerin bezeichnet, aus der Menge. Immer wieder mahnen die Veranstalter: „Haltet Abstand, tragt Masken!“ Bei den Demonstranten brauchen sie nicht viel Überzeugungsarbeit leisten. Die versuchen trotz der Enge, die Regeln einzuhalten. Weil sich ständig Passanten, die in die wiedereröffneten Cafés wollen oder einkaufen, durch die Menge schieben, ist das allerdings nicht eben einfach.

Weniger eng mit den Schutzmaßnahmen sehen das die Menschen, die an die Alte Oper gekommen sind, um vor einer Einschränkung von Grundrechten und einer angeblich drohenden Impfpflicht gegen das Coronavirus zu warnen. Unter ihnen ist, wie vor einer Woche, der rechte Youtuber Henryk Stöckl. „Ich rede nur mit Menschen ohne Maske“, lässt eine Frau einen Gegendemonstranten wissen. Menschen, die unter dem Motto „Gib Gates keine Chance“ vor einer weltweiten Verschwörung warnen, und Menschen, die das für gefährlichen rechten Quatsch halten, stehen sich dicht gegenüber, teils fast Nase an Nase. Es ist laut, hektisch, unübersichtlich. Immer wieder droht die Situation zu eskalieren. Letztlich bleibt es aber fast überall bei Wortgefechten.

Polizisten führen einen Demonstranten ab, der versucht haben soll, die Kundgebung am Roßmarkt zu stören.

Die Polizei, die sich schon früh auf den zentralen Plätzen der Frankfurter Innenstadt postiert und sogar einen Wasserwerfer vorgehalten hatte, verhält sich defensiv. Auch die Antifa-Aktivisten, die „Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda“ brüllen, wenn jemand auf der Gegenseite zu einer Rede ansetzt, scheinen an diesem Samstagnachmittag kein Interesse an einer weiteren Zuspitzung des Geschehens zu haben.

Währenddessen spricht auf dem Roßmarkt der frühere Occupy-Aktivist Hajo Köhn vor vielleicht 200 Leuten der Anti-Corona-Fraktion. Zu sehen ist etwa die islamfeindliche Aktivistin Heidi Mund. Köhn sagt, auch er halte wenig von Verschwörungstheorien. Da gebe es viel dummes Zeug. Er interessiere sich für die „Verschwörungspraktiker“, die im Hintergrund wirkten. Dass das Coronavirus gefährlich sei und ob es wirklich eine Pandemie gebe, darüber müsse erst mal diskutiert werden, sagt er. Da müsse endlich ein „klares Bild“ her. Auch er kommt auf Bill Gates zu sprechen. Der habe zu viel Einfluss auf die Gesundheitspolitik, heißt es.

„Korrupte Regierung muss weg“ ist auf einem Schild zu lesen. Eine Rednerin spricht von Zensur in der Wissenschaft und davon, dass die Gefahren von Impfschäden und Mobilfunk kleingeredet würden. Ein Mann behauptet, die Gegendemonstranten, die nun in großer Zahl Richtung Roßmarkt drängen, seien „für 45 Euro am Tag“ hier, würden für ihren Protest also bezahlt. Später nimmt die Polizei einen Mann fest, der den Hitlergruß gezeigt haben soll.

Gegendemonstranten versuchen immer wieder, die Kundgebung zu stören, skandieren „Nazis raus“, rufen „Pfui“ und „Haut ab“. Eine Rednerin aus Stuttgart behauptet, die Antifa sei die „neue SA“. Kurz darauf beendet Köhn die Kundgebung. Er kündigt an, wiederzukommen und beim nächsten Mal auch Betroffene der Krise zu Wort kommen zu lassen – dann aber auf einem größeren Platz, zur Not außerhalb der Innenstadt. mit han

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