Schauspiel-Intendant Anselm Weber denkt auch über Ersatz für Kussszenen nach.
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Schauspiel-Intendant Anselm Weber denkt auch über Ersatz für Kussszenen nach.

Theater-Szene Frankfurt im Wandel

Frankfurt in der Corona-Krise: Anselm Weber über die Zukunft des Theaters

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Schauspielhaus-Intendant Anselm Weber über Theater während der Corona-Krise und die Zukunft der Städtischen Bühnen in Frankfurt.

  • Theater-Szene in der Corona-Krise
  • Schauspielhaus-Intendant über die Zukunft des Theaters in Frankfurt
  • Theater-Neubau soll aufgrund von Corona verschoben werden
Herr Weber, lassen Sie uns über Masken sprechen. Masken haben im Theater schon im griechischen Altertum eine Rolle gespielt, später im 15. Jahrhundert in der Commedia dell’Arte. Meist wurden die Masken allerdings auf der Bühne getragen und nicht im Zuschauerraum. Das könnte sich jetzt ändern.

Wir hoffen ja, Mitte September mit der neuen Saison beginnen zu können. Ich kann jetzt einfach noch keine Aussagen dazu treffen, welche Schutzmaßnahmen wegen Corona dann nötig wären. Aber wir sind vorbereitet. Unter den gegenwärtig geltenden Abstandsregeln könnten wir vor 150 statt sonst 700 Menschen im Großen Haus spielen und vor 30 statt 200 Menschen in den Kammerspielen.

Corona sorgt für Wandel in der Theater-Szene Frankfurt

Aber ist es wirklich denkbar, dass Menschen mit Mund-Nasen-Bedeckung in großem Abstand voneinander drei Stunden im Theater ausharren?

Grundsätzlich fände ich es gut, wenn alle Aufführungen weniger als zwei Stunden dauern würden. Wir werden uns die Formate unter diesem Gesichtspunkt anschauen.

Das Theater verändert sich dann massiv.

Theater verändert sich immer. Ich finde diese Herausforderung sehr spannend. Es gibt jedenfalls im Ensemble eine große Offenheit dafür.

Kreativ gegen Corona: Theater-Szene in Frankfurt sucht nach Lösungen

Wie werden denn Liebes- und Kampfszenen auf der Bühne künftig aussehen?

Wir werden uns bei den Liebesszenen etwas einfallen lassen. Das ist eine Frage der Kreativität. Es muss ja nicht immer ein Kuss sein. Wir wollen am 18. Mai mit den Proben für „Wie es Euch gefällt“ von William Shakespeare in der Regie von David Bösch beginnen. Diese Premiere übernehmen wir aus der jetzigen abgebrochenen in die neue Spielzeit. Da werden die Szenen mit zwei, maximal drei Schauspielern gestaltet. Es wird Doppelbesetzungen geben, und das Bühnenbild ist sehr einfach gehalten.

Es kommt Ihnen zugute, dass das Schauspiel Frankfurt eine der größten Schauspielbühnen Europas besitzt.

Das ist richtig, mit einer Breite von 24 Metern und einer Tiefe von 20 Metern. Das werden wir natürlich ausnutzen. Das haben wir aber immer schon getan.

Spielzeit-Abbruch wegen Corona - Diese Theater-Premieren in Frankfurt fallen aus

Was bedeutet der Abbruch der Spielzeit jetzt? Welche Premieren bleiben auf der Strecke?

Zur Person

Anselm Weber,  geboren 1963 in München, ist Intendant am Schauspiel Frankfurt. Weber studierte zunächst Fotografie, dann Germanistik, Philosophie und Anglistik. Er begann an den Münchener Kammerspielen Regie zu führen und inszenierte ab 1999 auch Opern. Bevor er in der Spielzeit 2017/2018 als Nachfolger von Oliver Reese nach Frankfurt kam, war er Intendant des Schauspielhauses Bochum.

Wir mussten auf die Oper „Inferno“ im Bockenheimer Depot verzichten, aber auch auf „Früchte des Zorns“ in der Regie von Roger Vontobel. Das werden wir versuchen nachzuholen. Der größte Verlust ist aber unser Projekt „All Our Futures“, in dem 220 Kinder und Jugendliche aus Frankfurter Schulen und Stadtteilen über ihre Welt berichten. Das sollte nach drei Jahren abgeschlossen werden im Juni. Dafür müssen wir ein ganz neues Ersatzformat finden.

Corona beeinflusst Theater-Szene Frankfurt: Saison Abbruch "schmerzt sehr"

Was macht das mit Ihnen emotional, wenn Sie eine Saison abbrechen müssen?

Als Geschäftsführer der Bühnen GmbH und als Intendant des Schauspiels muss ich natürlich weiter funktionieren. Ich fühlte mich ein wenig wie Sisyphos. Wobei der wenigstens weiß, welchen Stein er am nächsten Tag wieder den Berg hinaufrollen muss. Ich aber wusste es nicht. Dass wir unser Jugendprojekt „All Our Futures“ nicht abschließen können, schmerzt mich schon sehr. Es hilft mir wahrscheinlich meine protestantische Erziehung durch meine Mutter. Die Krise funktioniert wie eine Lupe, sie vergrößert alles. Die menschlichen Eigenschaften werden vergrößert. Egomanen werden noch egoistischer, Verrückte noch verrückter.

Wenn Sie von protestantischer Erziehung sprechen, heißt das Selbstdisziplin.

Ja, das ist das Protestantische.

Frankfurter OB zu Theater-Neubau: In Zeiten von Corona "nicht mehr so dringlich"

Hilft Ihnen das jetzt auch, wenn Kommunalpolitiker wie der Frankfurter Oberbürgermeister ankündigen, der Neubau der Städtischen Bühnen sei nicht mehr so dringlich?

Nun, ich weiß jedenfalls von Kulturdezernentin Ina Hartwig, dass die städtische Stabsstelle zur Zukunft der Bühnen mit Hochdruck an den Vorbereitungen des Neubaus arbeitet. Es gibt ja gegenwärtig eine Unterschriftensammlung für den Erhalt der Theaterdoppelanlage. Ich sage da sehr deutlich: Bei allem Respekt vor der Diskussion über den Wert des Gebäudes sollte man den Fokus auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bühnen richten. Jeder hier wünscht sich den Neubau!

Wegen Corona: Theater-Neubau in Frankfurt soll weiter verschoben werden

Aber die Tendenz bei den Kommunalpolitikern ist erkennbar, wegen der Corona-Pandemie das Projekt weiter zu verschieben.

Ich wünsche mir, dass der Neubau noch vor der Kommunalwahl 2021 angegangen wird. Spätestens nach der Kommunalwahl aber braucht es eine Entscheidung.

Ihr Fünfjahresvertrag als Schauspielintendant läuft bald aus. Würden Sie gerne eine zweite Fünfjahresperiode folgen lassen?

Ich versuche, in die Zukunft zu denken. Ich arbeite sehr gerne in diesem Theater, und ich sehe keinen Grund, das zu verändern.

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