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Verónica Romanowski, Jugendsekretärin bei der IG Metall in Frankfurt.
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Verónica Romanowski, Jugendsekretärin bei der IG Metall in Frankfurt.

Frankfurt

„Corona kostet Arbeitsplätze“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Verónica Romanowski, die Jugendsekretärin der IG Metall in Frankfurt, kämpft gegen Arbeitsplatzabbau als Folge von Corona und für gendergerechte Sprache.

Im kalten Nieselregen zieht eine kleine Demonstration am Hochhaus der Industriegewerkschaft Metall vorbei. Die selbst gebastelten Schilder sind im grauen Mittagslicht schwer zu entziffern. In ihrem nassglänzenden Parka ist Verónica Romanowski vor wenigen Minuten noch mit dabei gewesen. Ein IT-Dienstleister, berichtet sie sachlich, „baut gerade zehn Prozent seines Personals ab“. Die Jugendsekretärin der IG Metall, zuständig für viele Auszubildende im Rhein-Main-Gebiet, macht sich nichts vor. „Corona kostet Arbeitsplätze.“ Die Pandemie beschleunige einen „Umbruch“, der in der Metallindustrie ohnehin im Gange sei. Die Gewerkschafterin versucht, dagegenzuhalten und für die Menschen etwas zu erreichen.

Und schon stecken wir gleichsam übergangslos mitten im fordernden Alltag der 36-Jährigen. Sie vereint viele Erfahrungen. Die der Migrantin, die von alltäglicher Diskriminierung weiß. Die der berufstätigen Mutter, die sich mit ihrem Ehemann um die kleine Tochter kümmern muss. Die gebürtige Argentinierin sagt in den nächsten Stunden Sätze, die im Gedächtnis nachwirken. In ihrem Geburtsland wütet die Pandemie gerade. Aus ihrer Familie und ihrem Freundeskreis sind bereits zehn Menschen an den Folgen von Corona gestorben. Wir eilen im Regen über das weitläufige Gelände der Gewerkschaftszentrale. Und finden einen trockenen Unterschlupf im Jugendclub, dessen kleine Tanzfläche verwaist liegt. „Revolutionier Bar“ steht über dem Tresen.

Romanowski wirkt manches Mal so energiegeladen, dass es sie kaum auf dem Sofa hält. Wir sprechen über ihre Arbeit mit den jungen Menschen. Corona, bilanziert die Sekretärin für Jugendpolitik und berufliche Bildung, erschwere es den Gewerkschaften gerade, überhaupt in die Firmen hineinzukommen. „In einigen Fällen mussten wir uns den Zugang vor Gericht erstreiten.“ Wieder so ein Satz, der beiläufig daherkommt. In etlichen Unternehmen gebe es keine Betriebsvereinbarung über mobile Arbeit: Dort, wo den Arbeitgebern also keine Grenzen gesetzt würden, sei die Belastung der Belegschaft besonders hoch. Für die Auszubildenden mache es Corona schwieriger, in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen zu werden.

In der Pandemie wachse der Druck auf die Beschäftigten, immer flexibler zu werden. Der Trend gehe gerade klar hin zu Arbeitsplätzen, die geteilt würden, nicht mehr einer Person alleine gehörten. Die Arbeitgeber sparten an Räumen, an Büros. Die Gewerkschafterin nimmt das alles als Herausforderung: „Es ist ein Traum, dass ich mein gesellschaftliches Engagement zu meinem Beruf machen kann.“

2012 kam sie aus ihrer Geburtsstadt Berazategui am Rande von Buenos Aires nach Deutschland. In der ehemaligen „Hauptstadt der Glasindustrie“ Argentiniens stammte ihre Familie aus armen Verhältnissen, der Großvater war schon im Alter von sieben Jahren gezwungen, zu arbeiten, die Schule zu verlassen. Er eröffnete schließlich einen Kiosk, um die Familie zu ernähren. „Ungerechtigkeit war schon immer da“, sagt Romanowski knapp. In ihrer Schulzeit gab sie Kindern aus den Armenvierteln Nachhilfe. „Ich wusste früh, dass ich etwas tun wollte, um die Lebensumstände von Menschen zu verbessern.“ Ihre Eltern lehrten an der Hochschule von Buenos Aires, die Mutter war Chemikerin, der Vater Biologe. Sie ermöglichten ihrer Tochter ein Studium der Politikwissenschaften. An der Universität in Argentinien lernte sie einen deutschen Austauschstudenten kennen und beschloss, mit ihm nach Deutschland zu gehen. „Es hatte mit Liebe zu tun.“ Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Zur Person

Verónica Romanowski (36) wurde in der Kleinstadt Berazategui am Rande von Buenos Aires geboren. Sie studierte Politikwissenschaften an der Universität der argentinischen Hauptstadt.

2012 kam sie nach Deutschland und schloss ihr Studium an der Universität von Kassel ab. Als 2015 Hunderttausende von Geflüchteten Deutschland erreichten, engagierte sie sich, um die Zustände in den Sammelunterkünften für die Menschen zu verbessern. Dafür zeichnete sie der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) mit einem Preis aus.

Seit 2018 arbeitet Romanowski als Sekretärin für Jugendpolitik und berufliche Bildung in der Geschäftsstelle Frankfurt der Industriegewerkschaft Metall. jg

Wenn die Migrantin von ihren ersten Jahren in Kassel erzählt, merkt man, dass es in ihr arbeitet. „Wenn man reich und weiß ist, birgt es kein Problem, nach Deutschland zu kommen.“ Sie aber erfuhr die ganze Palette von Zurücksetzungen und Demütigungen. Die Beschimpfungen auf der Straße. Sie will nicht ins Detail gehen. Die Schwierigkeiten, einen Termin beim Sozialamt oder bei der Ausländerbehörde zu bekommen. Der Zwang, alle paar Monate um eine neue Aufenthaltserlaubnis zu kämpfen. Die endlosen Kontrollen am Frankfurter Flughafen bei jeder Einreise. „Sie hatten immer neue Fragen.“ Als ihr deutscher Freund und sie beschlossen zu heiraten, verlangte das Standesamt „eine lange Liste von Dokumenten“, sie musste ihre Deutschkenntnisse überprüfen lassen und vieles mehr. „Dahinter steckte die Angst vor einer Scheinehe.“ Obwohl seitdem Jahre vergangen sind, bekennt Romanowski freimütig: „Ja, das macht mich wütend, natürlich.“

Mit dem Begriff Heimat geht die Gewerkschafterin deshalb zurückhaltend um. „Ich benutze das Wort ungern“, sagt sie zunächst. Und dann lächelt sie doch. „Heimat ist, wo das Herz tanzt!“ Heimat habe immer mit Menschen zu tun, die sie mit offenen Armen aufnähmen. Und so fühlt sie sich „in Frankfurt in meiner Stadt“. Und bekennt sich zu ihrem Fußballverein, als „Eintracht-Fan“.

In Deutschland setzte Romanowski an der Universität Kassel mit großer Zielstrebigkeit ihr Studium fort. Als 2015 Hunderttausende von Geflüchteten ins Land kamen, engagierte sich die Argentinierin in den rasch gebildeten Sammelunterkünften. Sehr schnell stellte sie fest: „Geflüchtete haben kaum Rechte, eigentlich gar keine.“ Sie würden „an den Rand der Stadt geschoben, in ehemalige Kasernen, wo man sie nicht sieht“. Weder besäßen sie das Recht auf Arbeit noch auf eine anständige Unterbringung. Für ihr Engagement in der Flüchtlingsarbeit zeichnete der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) Romanowski mit einem Preis aus. Doch um ihre eigene Aufenthaltserlaubnis musste sie weiter kämpfen.

Heute liegt das alles hinter ihr. Heute besitzt sie die deutsche und die argentinische Staatsbürgerschaft. „Argentinien ist eines von sechs Ländern weltweit, bei denen das möglich ist.“ Mit ihren Erfahrungen unterstützt sie den Kampf gegen rassistische Namen in der Öffentlichkeit: „Eine Mohren-Apotheke reproduziert rassistische Verhältnisse.“ Eine Umbenennung findet sie richtig, „denn diese Symbole spielen eine große Rolle im Alltagsleben“. Auch das Gendern, also das Sichtbarmachen der Geschlechter in der Sprache, hält die Soziologin für sinnvoll. „Die Sprache ist immer ein Ergebnis der Machtverhältnisse.“ Deshalb brauche es die weibliche Form in der Sprache: „Es ändert die Sichtbarkeit und es ist auch gerecht.“ Sie selbst, sagt die Gewerkschafterin, fühle sich „durch den männlichen Plural nicht repräsentiert“.

Die Zentrale der IG Metall, der größten Gewerkschaft der Welt, liegt infolge der Corona-Pandemie halb verwaist da. Draußen rauscht weiter der Regen. Über das Areal nahe dem Frankfurter Hauptbahnhof gehen nur wenige Menschen. Seit dem Jahr 2018 arbeitet Verónica Romanowski in der Frankfurter Geschäftsstelle der Gewerkschaft. Auch in der IG Metall sieht sie Nachholbedarf, was Frauen in Führungspositionen angeht. „Unserem siebenköpfigen Vorstand gehören zwei Frauen an, es könnten mehr sein.“ Beim Gewerkschaftstag im Jahr 2022 lasse sich das ändern. Eine Quote, die Frauen eine Gleichstellung in Vorständen bringe, werde tatsächlich gebraucht. „Diese Regelung schafft die Möglichkeit für andere Verhältnisse.“ Ohne sie besäßen Frauen keine Chance.

Die 36-Jährige versucht, sich in der Gewerkschaft zu engagieren und zugleich für ihre Tochter da zu sein. „Mein Partner und ich unterstützen uns sehr, aber in vielen Familien klappt das nicht.“ Oft stünden die Arbeitsverhältnisse in den Betrieben dem entgegen. Eine Schichtarbeiterin könne nicht einfach ihr Fließband verlassen. Oft zeigten aber die Arbeitgeber keine Flexibilität auch dort, wo es möglich sei. Hier habe Corona die Lage weiter verschärft, gerade für alleinerziehende Mütter.

Die kleine Tanzfläche und die Sofas im Jugendclub der IG Metall können wegen der Pandemie seit Monaten nicht genutzt werden. Die Gewerkschafterin ist froh, dass der Unterricht in den Berufsschulen nicht völlig zum Erliegen gekommen ist. Aber auch nach der Pandemie blieben dort Defizite, die dringend angegangen werden müssten. „Wir brauchen mehr politische Bildung in den Berufsschulen.“ In einem gesellschaftlichen Klima, in dem Ausgrenzung wächst, möchte die Soziologin den Jugendlichen einfache, aber wichtige Fakten vermitteln. Zum Beispiel, dass es Zufall sei, wo jemand geboren werde.

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