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Jürgen Graf ist Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikum Frankfurt.

Interview

Hessen im Corona Déjà-vu: „Die medizinische Versorgung ist eingespielt“

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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Der Frankfurter Uniklinik-Chef Graf über Pflegekräftemangel, wirksamen Virusschutz und die Ermüdung der Profis im Gesundheitswesen.

  • Die steigenden Infektionszahlen mit dem Coronavirus belasten das hessische Gesundheitswesen zunehmend.
  • Zur Verhinderung eines kompletten Lockdowns rät der Chef der Frankfurter Uni-Klinik zu Besonnenheit.
  • Im Versorgungsgebiet Frankfurt-Offenbach müssen bereits geplante Operationen verschoben werden.

Frankfurt - Die Infektionszahlen steigen. Im Versorgungsgebiet Frankfurt-Offenbach erweitern die Kliniken ihre Kapazitäten für Covid-Patienten. Jürgen Graf ist Ärztlicher Direktor der Frankfurter Universitätsklinik und leitet den Corona-Planungsstab des Landes Hessen.

Herr Professor Graf, haben wir gerade ein Déjà-vu?

In der Tat haben wir eine Entwicklung, die uns nicht mehr unbekannt ist. Es gibt viele Ähnlichkeiten im Vergleich zum Frühjahr. Andererseits sind einige Rahmenbedingungen anders. Positiv ist, dass wir genug Schutzmaterialien haben und mehr über die Krankheit und deren Behandlung wissen. Die medizinische Versorgung ist deshalb eingespielt.

Aber es fehlen Pflegekräfte. Wie ist die Situation bei Ihnen an der Uniklinik?

Das Thema treibt uns schon Jahre um. Während der Pandemie im Frühjahr hatten wir einen Mangel an Intensivpflegekräften. Das ist nicht aufgefallen, weil elektive Eingriffe komplett untersagt waren. Dadurch war vergleichsweise viel Personal aus anderen Bereichen verfügbar. Überdies waren die Kontakteinschränkungen im allgemeinen Leben so wirksam, dass relativ rasch der Strom an Patienten versiegte und die Situation schnell beherrschbar war.

Coronavirus im Versorgungsgebiet Frankfurt-Offenbach: Kompletten Lockdown verhindern

Warum steigen jetzt auch die Infektionen beim Personal im Gesundheitswesen?

In den weit überwiegenden Fällen sind sie außerberuflich erworben. Wir haben keinen Anhalt dafür, dass das Arbeiten am Patienten ein Infektionsrisiko darstellt, wenn die Schutzmaßnahmen eingehalten werden. Aber es gibt einen wesentlichen Unterschied zum Frühjahr. Die Beschäftigten gehen außerhalb der Arbeit ihrem normalen Privatleben nach. Deshalb unser Aufruf: Seid besonnen! Es wird aus meiner Sicht keinen kompletten Lockdown geben müssen. Das kann man gezielter tun, mit den entsprechenden Schutzmaßnahmen, wie wir sie zum Beispiel in der Klinik anwenden.

Am Montag hat das Land mitgeteilt, dass das Versorgungsgebiet Frankfurt-Offenbach schon ausgelastet sei. Kann die Uniklinik keine Patienten mehr aufnehmen?

Wir haben vier Eskalationsstufen definiert. Bei der ersten Stufe ist es jetzt zu einer mehr als 50-prozentigen Auslastung gekommen. Deshalb müssen wir darüber nachdenken, ob wir mehr Betten bereitstellen und wenn ja, in welchem Versorgungsgebiet und in welchem Bereich. Der erste hohe Anstieg ist im Gebiet Frankfurt-Offenbach zu verzeichnen, hier haben wir auch die höchsten Infektionszahlen. Für uns heißt das, wie vom Land verordnet, mehr Betten für die Versorgung von Covid-Patienten bereitzustellen. Das muss mit einer Reduktion in anderen Bereichen einhergehen, da wir dazu Personal brauchen.

Zur Person

Jürgen Graf ist seit Juli 2016 Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Frankfurt. Zuvor leitete er den Medizinischen Dienst der Deutschen Lufthansa in Frankfurt. Er ist Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Zusatzbezeichnung Notfallmedizin, Betriebsmedizin und Flugmedizin. Bild: Michael Schick

Das heißt geplante Eingriffe werden wieder verschoben?

Das gehört auch dazu, richtig.

Wie viele Covid-Patienten behandeln Sie im Moment?

Konkrete Zahlen nennen wir ja nicht. In Hessen haben wir auf den Normalstationen der Kliniken schon jetzt mehr, als während des Peaks in der Kalenderwoche 14/15. Intensivmedizinisch werden in Hessen gut die Hälfte der Maximalzahl aus dem Sommer betreut. Diese Zahlen werden steigen.

Steigende Coronafälle in Frankfurt und Hessen: Ermüdung im gesamten Gesundheitswesen

Erwarten Sie jetzt mehr Patienten als im Sommer?

Insgesamt ja. In der stationären wie ambulanten Gesundheitsversorgung ist die Auslastung im Herbst/Winter grundsätzlich größer als im Sommer. Diese Pandemie konkurriert da mit anderen Erkrankungen, etwa der Influenza.

Immer mehr Gesundheitsämter schaffen nicht mehr die zeitnahe Nachverfolgung der Infektionsketten. Wie ist die Lage?

Nach mehr als der Hälfte des Jahres mit Corona als beherrschendes Thema macht sich bei allen im Gesundheitswesen Tätigen eine nicht unerhebliche Ermüdung bemerkbar. Viele haben keinen Urlaub machen können, arbeiten auch an den Wochenenden. Das merkt man allen an. Nichtsdestotrotz sind alle weiterhin auf das Ziel fixiert, eine möglichst gute Versorgung für alle Menschen sicherzustellen. Das merken wir auch jeden Tag in den Kontakten mit dem Frankfurter Gesundheitsamt, das uns mit großem Einsatz ermöglicht, den Betrieb aufrechtzuerhalten.

(Interview: Jutta Rippegather)

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