+
Martina Schaffner ist Hausärztin in Frankfurt-Griesheim.

Interview

Corona und die Hausärzte in Frankfurt: „Wir fühlen uns völlig alleingelassen“

  • schließen

Hausärztin Martina Schaffner fordert direkte Ansprechpartner und weiß nicht, wie sie sich und ihr Personal vor einer Infektion schützen soll. Es gibt keine Handschuhe mehr.

Anders als offizielle Stellen es darstellten, seien die Hausärzte überhaupt nicht gut vorbereitet auf das Coronavirus, sagt Martina Schaffner. Sie arbeitet seit 2007 in Griesheim als niedergelassene Hausärztin, ist Fachärztin für Allgemeinmedizin, Psychotherapie und Akupunktur. Sie behandelt pro Quartal etwa 1000 Patienten.

Frau Schaffner, von offizieller Seite heißt es, alle Akteure des Gesundheitswesens seien gut informiert. Können Sie das bestätigen?

Überhaupt nicht. Durch die zunehmende Berichterstattung steigt die Verunsicherung in der Bevölkerung. Viele rufen nicht an, sondern kommen trotz des Aufrufs unangemeldet in die Praxis. Da waren bislang keine Coronafälle dabei. Aber bei vielen dieser Patienten weiß man nicht, ob Influenza, Corona oder ein harmloser grippaler Infekt dahintersteckt.

Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Die nimmt aus mehreren Gründen zu. Weil wir unzählige Patienten beruhigen müssen. Patienten, die sonst wegen eine grippalen Infekts nicht kämen, kommen nun aus Furcht vor Corona in die Praxis. Erschwerend kommt hinzu, dass wir mitten in einer massiven Influenzawelle stecken. Wir haben allein in den letzten Tagen 20 Influenzaabstriche gemacht.

Was ist anders im Vergleich zur normalen Erkältungssaison?

Bei einer Influenza wissen wir, woran wir sind. Wir sind alle geimpft, es besteht für uns kein Ansteckungsrisiko. Wir haben die Sicherheit, dass wir nicht erkranken. Bei der Coronawelle, die auf uns zu schwappt, haben wir das Problem, dass wir nicht wissen, was passiert, wenn das Praxispersonal sich ansteckt oder der Doktor. Werden wir alle in Quarantäne gesteckt? Wird die Praxis geschlossen? Momentan gibt es kein Material, mit dem wir uns schützen können. Wir kriegen vom Bundesgesundheitsministerium keine Informationen, wir werden auch von diesem nicht mit Schutzkleidung versorgt, haben keine für uns direkt erreichbaren telefonischen Ansprechpartner.

Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen sagt, sie stelle den Ärzten alle aktuellen Informationen auf ihrer Homepage zur Verfügung.

Natürlich kann ich mir die Informationen im Internet mühevoll zusammensuchen. Ich bekomme die Links genannt und den Ratschlag, dass ich die Patienten mit Coronaverdacht an das Ende der Sprechstunde bestellen soll. Wie soll das gehen? Unser Tagesgeschäft sind derzeit grippale/rhinitische/bronchiale Infekte. 90 Prozent der Zeit verbringen wir mit Symptomen, die zu Influenza oder Corona oder einer harmlosen Erkältung passen. Das Frankfurter Gesundheitsamt ist telefonisch nicht erreichbar. Es gibt Telefonnummern für besorgte Bürger oder Presse, aber nicht für uns Ärzte. Gesundheitsminister Spahn empfiehlt einen Isolierraum. Den kann ich in meiner kleinen Praxis nicht anbieten.

Ist es richtig, dass es Probleme mit der Schutzausrüstung gibt?

Wir haben keine Schutzausrüstung. Im Moment haben wir unsere ganz normalen Latexhandschuhe immer an. Wir müssen sie bei jedem Patienten wechseln. Doch Nachschub ist nicht bestellbar. Sie kriegen derzeit keine Handschuhe. Mit dem Sterilium zum Händedesinfizieren ist es genauso. Auch Oberflächendesinfektionsmittel sind komplett vergriffen. Wir haben zwar OP-Kittel, aber was sollen die abhalten, die können Sie eigentlich auch sein lassen. Es gibt keine geeigneten Schutzkittel, die man bestellen könnte. An all diese Dinge kommt man erstens derzeit nicht dran, zweitens sind sie dann so teuer, dass ich als kleine Praxis finanziell überfordert bin. Ein paar Masken konnten wir noch im Baumarkt organisieren. Ich habe jetzt noch einen Farben- und Lackehändler gefunden, der mir zum Wochenanfang 50 Masken liefern kann. Ansonsten gibt es keine. Oder sie sind so teuer, dass es unbezahlbar wird. Die Kassenärztliche Vereinigung hat mir auf Nachfrage mitgeteilt, dass die Krankenkassen sich derzeit weigern, die Kosten dafür zu übernehmen. Die Kosten bleiben demnach an mir hängen.

Was muss geschehen?

Alle Kollegen, mit denen ich spreche, sind genauso ratlos. Wir brauchen einen direkten Ansprechpartner und müssen auch direkt mit Informationen versorgt werden. Was wenn tatsächlich ein Coronapatient reinkommt? Was mache ich, wenn ein Patient in Italien war, zwar nicht in Lodi, aber einen merkwürdigen Husten hat? Eine Telefonnummer für diese Fragen gibt es für uns Ärzte nicht. Meiner Meinung nach könnten wir diese Welle sehr viel schneller eindämmen, wenn wir gezielt nicht nur Influenzaabstriche machen würden, sondern zeitgleich auch Corona mittesten. Im Moment geht der Patient nach Hause und weiß immer noch nicht, ob er nur einen grippalen Infekt hat oder vielleicht mit dem Coronavirus infiziert ist.

Die Krankenkassen zahlen den Coronatest nur, wenn der Betroffene in Risikogebieten war oder Bezug zu einem Erkrankten hat. Das erschwert Ihre Arbeit?

Ja. Wir tragen immer das Regressrisiko. Wenn wir die falschen Patienten testen, könnte das für uns als Ärzte richtig teuer werden. Wir wurden auch nicht darüber aufgeklärt, welche Besonderheiten gegebenenfalls bei diesem speziellen Abstrich zu beachten sind. Wie wird dieses hochinfektiöse Material ins Labor transportiert? Ich bin auch unsicher über den Entsorgungsweg der gebrauchten Handschuhe/Masken/Kittel und allem, womit der Patient in Berührung kam. Diese Sachen kommen ja normalerweise in den Hausmüll. Hat die Müllabfuhr dadurch auch ein Infektionsrisiko? Ich weiß es nicht. Wir sind einfach über vieles nicht informiert und fühlen uns von der Politik völlig alleingelassen.

Interview: Jutta Rippegather

Jetzt greifen die Behörden in Hessen angesichts der Corona-Krise durch. Wurden in Arztpraxen Patienten behandelt, bei denen sich später eine Corona-Infektion bestätigt, droht dem Personal Quarantäne. Das könnte die Versorgung gefährden.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare