René Gottschalk, Leiter des Gesundheitsamtes in Frankfurt
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René Gottschalk, Leiter des Frankfurter Gesundheitsamtes hält nichts von Belüftungsanlagen in Klassenzimmern.

Coronavirus

Chef vom Gesundheitsamt in Frankfurt mit klarer Ansage: „Gibt überhaupt keinen Grund, Schulen zu schließen“

  • Georg Leppert
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René Gottschalk, Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts, sieht trotz steigender Corona-Infektionen keinen Grund, Schulen zu schließen. Von privaten Feiern rät der Sars-Experte ab.

  • Für Frankfurts Gesundheitsamtschef sei nicht die Zeit für private Feiern.
  • René Gottschalk* sieht keinen Anlass Schulen zu schließen.
  • Hoffnung, das die Corona-Pandemie durch einen Impfstoff schnell vorübergeht hat Gottschalk nicht.

Herr Professor Gottschalk, wie ist die Lage im Gesundheitsamt?

Angespannt. Wir haben so viele Fälle, dass wir am Rande der Kapazität sind. Wir kriegen es zwar immer noch irgendwie hin und haben zur Unterstützung Bedienstete aus anderen Ämtern der Stadt, Medizinstudenten und 60 Soldatinnen und Soldaten, aber wir arbeiten seit Februar sieben Tage die Woche und haben jetzt schon einen Plan für Weihnachten und Silvester. Die derzeitige Belastung in den Gesundheitsämtern kommt auch daher, dass viele Menschen im privaten Umfeld die Abstandsregel nicht einhalten.

Aber auch hier um die Ecke, auf der Zeil, wird die Maskenpflicht oft nicht eingehalten.

Das ist genau der Punkt. Die Leute verstehen offensichtlich nicht, dass es sich um eine Infektionskrankheit handelt, vor der man sich mit einer Maske oder mit Abstandhalten schützen kann. Wie eine Grippe wird sie über eine Tröpfcheninfektion übertragen, nur ganz selten über Aerosole. Der Schutz muss auch auf der Straße stattfinden, weil ich dort nicht immer die Abstände einhalten kann. Damit die Regeln möglichst einfach sind, haben wir das für die ganze Innenstadt so entschieden. Aber ich muss auch im eigenen Haus aufpassen. Ich kann jetzt kein Familienfest mit 15 Personen feiern, die aus mehr als zwei verschiedenen Haushalten kommen.

Corona in Frankfurt: Laut Gesundheitsamts-Leiter Gottschalk würden 20 Prozent der Infizierten ernsthaft krank

Haben Sie hier im Amt die Nachverfolgung der Infektionsketten aufgegeben?

Nein. Wir priorisieren, weil wir sonst der Lage nicht mehr Herr werden. Bei einem positiv getesteten Menschen, der in einem Haushalt mit einem älteren Menschen lebt, oder bei einem Diabetiker machen wir eine sehr genaue Kontaktverfolgung. Bei einem jungen Single, der im Homeoffice arbeitet und nur junge gesunde Menschen im Umfeld hat, nicht. Dabei hilft uns auch die neue Verordnung, die seit 2. November in Hessen gilt. Bei einem positiven Test muss ich mich selber isolieren, als direkte Kontaktperson quarantänisieren und beim Gesundheitsamt die entsprechenden Unterlagen anfordern.

Sie haben schon vor zwei Monaten gefordert, den Schutz der Älteren und Kranken mehr in den Vordergrund zu stellen. Kommt das jetzt nicht etwas spät?

Das ist auf jeden Fall der Weg, den man einschlagen muss. Covid-19 ist nach wie vor eine Erkrankung, die für vier Fünftel aller Infizierten kein Problem ist. Die haben keine oder nur ganz milde Symptome. 20 Prozent werden ernsthaft krank. Sechs bis neun Prozent müssen hospitalisiert werden, zwei Prozent landen auf einer Intensivstation. Das heißt, mit der Zahl der Infektionen steigt die der Intensivpatienten. Wir müssen die Infektionszahlen senken, damit das Virus nicht in diese vulnerablen Gruppen hineingetragen wird.

Corona: Frankfurts Gesundheitsamts-Leiter Gottschalk sieht Lockdown positiv

Bringen vier Wochen Lockdown etwas bei diesen hohen Infektionszahlen?

Sie bringen was und würden noch mehr bringen, wenn die Menschen den häuslichen Bereich stärker beachten würden. Wir haben Altenpfleger, die in ihrem Berufsfeld alles richtig gemacht haben, aber dann nach Hause kommen, mit Freunden feiern und sich umarmen. Das geht nun mal nicht.

Plädieren Sie für Verbote im häuslichen Bereich? Diese sind rechtlich schwierig.

Nein, ich plädiere für Gebote.

Corona in Frankfurt: Gesundheitsamts-Leiter Gottschalk mit Prognosen zurückhaltend

Aber die bringen doch nichts.

Doch, schon: 95 Prozent der Bevölkerung halten sich daran. Aber es gibt notorische Spinner, die sich auf der Hauptwache mit der Polizei Keilereien liefern. Oder diese Enthirnten, die in Leipzig zu 20 000 durch die Innenstadt ziehen. Was hat das Oberverwaltungsgericht sich dabei gedacht, eine Demonstration zu erlauben, bei der vorab klar war, dass keine Masken getragen werden?

Aber wie soll es weitergehen? Im Dezember machen wir Bars und Theater auf, feiern Weihnachten und Silvester und danach kommt dann der nächste Lockdown?

Mit Prognosen bin ich vorsichtig geworden. Da habe ich mich bei dieser Pandemie geirrt wie bei noch keiner anderen. Mit einer Aussage im Januar hatte ich allerdings recht. Da habe ich als Sars-Experte gesagt, ich würde mir Aktien von einem Mundschutzhersteller kaufen, mich gegen Grippe impfen lassen und die Hände waschen. Wenn die Weltbevölkerung Anfang des Jahres zwölf Wochen Masken getragen und Abstand gehalten hätte, hätten wir nicht dieses Problem, siehe Sars im Jahr 2003. Das müssen wir der Bevölkerung verständlich machen. Die Städtischen Bühnen, die Alte Oper, das Messegelände, der Zoo, der Palmengarten, das Waldstadion haben großartige Hygienekonzepte. Ich kann schon verstehen, dass die Leute, die sich an die Regeln halten, sich doppelt bestraft fühlen. Sie tragen die Maske und können trotzdem nicht in die Oper oder ins Stadion gehen.

Corona: Frankfurts Gesundheitsamts-Leiter Gottschalk fordert konsequentes Tragen von Masken

Eintracht-Vorstand Axel Hellmann hat sich unlängst bitter über den kategorischen Zuschauerausschluss beklagt. Können Sie ihn verstehen?

Absolut. Die Eintracht hat ein hervorragendes Hygienekonzept aufgestellt, das bei den beiden Partien, zu denen zumindest einige Zuschauer zugelassen waren, auch sehr gut umgesetzt wurde. Bei beiden Spielen waren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Gesundheitsamts vor Ort. Die sagten klipp und klar: Das hat alles geklappt.

Aber das Hygienekonzept wurde doch auf der Basis erstellt, dass die Inzidenzzahl nicht höher als 35 liegt. Jetzt liegt sie in Frankfurt bei weit über 250.

Auf die Zahl 35 haben sich die Bundesliga und die Politik geeinigt. Ich sage doch auch nicht in den Kliniken: Das ist unser Konzept gegen Krankenhauskeime, aber sobald mehr als zwei Menschen betroffen sind, wirkt es nicht mehr.

Von der Politik heißt es dazu oft, es gehe auch um eine Signalwirkung. Es sei eben jetzt nicht die Zeit, Fußballspiele oder Konzerte zu besuchen.

Ich bin kein Politiker, und ich bin sehr froh, dass ich nicht solche Entscheidungen treffen muss. Aber wir verlangen den Bürgerinnen und Bürgern derzeit schon einiges ab, und wir müssen durchsetzen, dass endlich konsequent Masken getragen werden und Abstand gehalten wird. Aber solche Regeln finden nur Akzeptanz, wenn die Menschen sie nachvollziehen können. Und dass man Orte mit konsequent umgesetztem Hygienekonzept nicht besuchen darf, das ist schwer nachvollziehbar.

Zur Person

René Gottschalk leitet seit 2011 das Frankfurter Gesundheitsamt. Der 64 Jahre alte gebürtige Frankfurter ist Seuchenexperte. Unter anderem befasste er sich mit Ebola und der Sars-Epidemie 2003. Zur Medizin kam Gottschalk erst spät. nächst studierte er Ingenieurwesen und arbeitete bei der Hoechst AG im Westen Frankfurts.

Corona: Gottschalk sieht keinen Anlass für Schulschlißungen

Sie haben vor ein paar Wochen gesagt, die Schulen könnten in der zweiten Welle geöffnet bleiben. Bleiben Sie bei dieser Einschätzung?

Absolut. Das habe ich übrigens bereits vor der ersten Welle auch gesagt. Es gibt überhaupt keinen Grund, Schulen zu schließen. Diese Entscheidung hatte schon im Frühjahr kaum einen Anteil daran, dass die Zahlen gesunken sind.

Aber die Infektionszahlen sind nun deutlich höher als im Frühling. Viele Eltern und viele Lehrerinnen und Lehrer fordern die Schließung und in manchen Kreisen rund um Frankfurt werden die Klassen schon wieder geteilt.

Das ist eine Entscheidung der Politik, für die es keine infektiologische Notwendigkeit gibt.

Frankfurts Gesundheitsamts-Leiter Gottschalk: Corona-Infektionen kämen in Schulen kaum vor

Manche Virologinnen und Virologen sehen die Schulen durchaus als Hotspots. Beunruhigt Sie das nicht?

Bei allem Respekt vor Virologen: Das zu beurteilen, ist nicht ihre Aufgabe. Das müssen Fachärzte für den öffentlichen Gesundheitsdienst entscheiden, zum Beispiel anhand der Ansteckungszahlen in Schulen. Dafür fehlt Virologen die Expertise. Ich erzähle Virologen auch nicht, welches Testverfahren sie zum Nachweis von Viren verwenden sollen.

Schüler sitzen mit Masken im Unterricht.

Aber gibt es nicht jede Menge Infektionen an Schulen?

Nein. Eben nicht. Natürlich gibt es viele Lehrkräfte, die infiziert sind, und auch viele Schülerinnen und Schüler, die sich angesteckt haben. Wir müssen aber die Frage beantworten: Finden Ansteckungen in den Schulen statt? Und das ist nicht der Fall. Wir wissen von kleineren Kindern, dass sie erheblich weniger ansteckend sind als Erwachsene. Das heißt: Lehrkräfte stecken Kinder an und nicht umgekehrt.

Frankfurts Gesundheitsamts-Leiter Gottschalk zu Corona: Schulen bräuchten Maskenpflicht

Es gibt aber auch Berufsschulen und die Oberstufen, da gilt die These der reduzierten Ansteckungsgefahr nicht.

Das stimmt. Deshalb haben wir ja für die weiterführenden Schulen die Maskenpflicht im Unterricht eingeführt. Wenn diese konsequent umgesetzt wird und wenn die Klassenzimmer regelmäßig gelüftet werden, dann droht keine Ansteckungsgefahr.

Was halten Sie davon, für alle Klassenzimmer Luftfilter oder Belüftungsanlagen anzuschaffen?

Gar nichts. Im schlimmsten Fall sorgen solche Anlagen dafür, dass mit Viren beladene Tröpfchen aus dem Atemtrakt länger in der Luft bleiben. Vor allem aber könnten die Lehrerinnen und Lehrer glauben, dass diese Geräte das regelmäßige Lüften ersetzen. Und das tun sie nicht. Ganz und gar nicht. Diese Geräte müssen – gerade in Schule – sehr sorgfältig gewartet werden, sonst werden sie selbst zu Krankheitserreger verteilenden Gebläsen. Hinzu kommt, dass sie bislang überhaupt nicht auf ihre Wirksamkeit bei dieser Erkrankung getestet wurden.

Frankfurts Gesundheitsamts-Leiter Gottschalk: Corona-Pandemie könnte trotz Impfstoff andauern

In Kürze werden Pharmaunternehmen die Zulassung von Impfstoffen beantragen. Wie sieht dann der Zeitplan für Frankfurt aus?

Das ist schwer zu sagen. Es gibt ja jetzt die Richtlinien, wer zuerst geimpft werden soll. Die halte ich für richtig. Zuerst sind die vulnerablen Gruppen dran. Ich warne nur davor, zu viele Hoffnungen darauf zu setzen, dass die Pandemie mit dem Impfstoff schnell endet.

Wieso?

Zunächst einmal muss er hergestellt werden und die Herstellung ist aufwendiger als bei anderen Impfstoffen. Dann kommen logistische Fragen dazu. Vermutlich muss der Stoff in speziellen Kühlschränken gelagert werden, die gibt es in Hausarztpraxen nicht, also wird man ein Impfzentrum schaffen müssen. Die Vorbereitungen laufen

Corona-Pandemie: Gottschalk erwartet nächstes Jahr deutliche Entspannung

Es heißt, die Messe sei als Standort im Gespräch.

Das möchte ich nicht kommentieren, aber wir sind dran. Wir werden auch genug Personal haben, aber es dauert eben. Ich denke aber, dass sich die Situation im Frühjahr und Sommer bessern wird, zumal da ja auch mehr Leute draußen sind.

Wie wird es in einem Jahr aussehen?

Bis dahin werden wir eine deutliche Entspannung erreicht haben, da bin ich sehr optimistisch.

Interview: Georg Leppert und Jutta Rippegather *fnp.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Redaktionsnetzwerkes.

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