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Mehr als 350 Karten sind vor dem Altar im Frankfurter Dom aufgestellt worden mit den Namen der Corona-Toten.
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Mehr als 350 Karten sind vor dem Altar im Frankfurter Dom aufgestellt worden mit den Namen der Corona-Toten.

Frankfurt

Corona-Gedenktag: „Hinter jeder Zahl steht ein Mensch“

  • Timur Tinç
    VonTimur Tinç
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Im Frankfurter Dom wird den Corona-Toten anlässlich des bundesweiten Gedenktages gedacht. Auf Karten haben Angehörige die Namen der Verstorbenen geschrieben.

Nach dem Gedenkgottesdienst im Frankfurter Dom versammelten sich einige Menschen vor dem Altar. Sie blickten auf die mehr als 350 aufgestellten Gedenkkarten, die zwischen leuchtenden Kerzen standen. Auf einige davon hatten sie selbst die Namen eines Angehörigen geschrieben, der an Corona verstorben ist. „Wir leben in dem Vertrauen und Glauben, dass unsere Namen bei Gott verzeichnet sind. Die Karten stehen für die Menschen, die sie im Herzen haben“, sagte Pastoralreferentin Verena Maria Kitz. Die Leiterin des Zentrums für Trauerseelsorge St. Michael führte mit Stadtdekan Johannes zu Eltz durch die Gedenkfeier anlässlich des bundesweiten ökumenischen Corona-Totengedenkens. Dies fand vor allem gestern auf Anregung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier statt.

Die Katholische Stadtkirche Frankfurt hat bereits am Samstagabend im Dom an die vielen Menschen erinnert, die seit Ausbruch der Pandemie an und mit Corona gestorben sind. 685 waren es Stand 16. April seit März 2020. Am Sonntagabend wurde in der evangelischen Diakonissenkirche der Toten gedacht. Die Gedenkfeiern sind bewusst entzerrt worden, damit möglichst viele Menschen an ihre Angehörigen erinnern konnten. In den Dom kamen rund 50 Menschen. „In den Nachrichten hören wir täglich Zahlen. Aber hinter jeder Zahl steht ein Mensch“, sagte Kitz.

Einer davon ist Hans Georg Heinz, der am 3. Februar dieses Jahres verstorben ist. Mit gefasster Stimme trug seine Witwe Helena vor, dass sie ihn 20 Jahre selbst zu Hause gepflegt habe, ehe es vor einem Jahr nicht mehr ging und er in ein Pflegeheim kam. Wegen Corona-Ausbrüchen in der Einrichtung lebte er lange Zeit isoliert in seinem Zimmer. „Unsere Kinder konnten ihrem Vater und unsere Enkel ihrem Opi nur zuwinken, wenn er auf dem Balkon stand“, erzählte Heinz. Trotz aller Hygienevorschriften infizierte sich auch ihr Mann. „Am 3. Februar kam ein Anruf aus der Klinik. Ich sollte entscheiden, ob er künstlich beatmet werden sollte.“ Sie stimmte zu, doch ihr Mann schaffte es nicht mehr rechtzeitig in die Intensivstation. „Jemand hat mir die Entscheidung abgenommen“, sagte sie.

Diese Schicksale erlebt Thilo Teichmann seit fast einem Jahr täglich. „Corona hat alles verändert“, sagte der Fachkrankenpfleger für Intensiv- und Anästhesiemedizin auf der Corona-Intensivstation der Uniklinik Frankfurt. Man sei nach einer Schicht nicht nur von körperlichen Strapazen her fertig, sondern auch aufgrund der vielen Schicksale und der Hilflosigkeit. „Trotz der Intensivmedizin kann man nur zusehen, wie viele Menschen sterben. Einsam. Allein“, sagte Teichmann. Oft seien dann die Pflegenden die Letzten, mit denen diese Patient:innen sprächen. „Wir machen dann Mut und wünschen ,angenehme Träume‘ oder ,Bald wecken wir Sie wieder auf!‘. Aber wir wissen, dass sehr viele nicht mehr aufwachen und den Kampf gegen Corona verlieren und sterben.“ Das mache ihn machtlos, hilflos und unendlich traurig.

Sabine Bruder von der Klinikseelsorge am Uniklinikum muss auch mit vollkommen veränderten Bedingungen Patientinnen und Patienten betreuen. „Wir sind öfter beim Telefonieren behilflich, versuchen Telefonate mit Bild zu ermöglichen oder eine gesprochene Nachricht einem Menschen im Koma vorzuspielen“, berichtet Bruder. Allerdings ersetze das nicht die Vertrautheitsenergie, wie wenn die Angehörigen am Bett säßen, was sie aufgrund der Besuchseinschränkungen nicht dürften. Die Stimme, die Berührung oder der Geruch eines vertrauten Menschen habe eine ganz andere Wirkung.

„Es ist sehr bewegend und würdevoll gestaltet worden“, befand Kirchendezernent Uwe Becker (CDU). „Es schafft eine Gemeinschaft, um die Trauer mit anderen zu teilen.“ Es wurde noch mal deutlich, dass es um jedes einzelne Leben ginge. Natürlich sei es immer ein Ringen um die Notwendigkeit zwischen Freiheit und Schutz zu entscheiden. „Aber der größte Eingriff in die Grundrechte ist der verschuldete Tod“, sagte Becker in Hinblick auf die „Querdenker“-Demonstration in Wiesbaden.

Die am Samstag aufgestellten Karten wurden am Sonntag in die Diakonissenkirche gebracht und werden anschließend im Zentrum für Trauerseelsorge aufbewahrt. „Ich bin sehr überrascht, dass so viele Menschen Namenskarten geschrieben haben“, sagt Andreas Böss-Ostendorf, Krankenhausseelsorger im Nordwest-Krankenhaus sowie Kranken- und Altenseelsorge in Sankt Marien. Er hatte die Idee für die Karten, die von Pflegeheimen, Kliniken und Privatpersonen gleichermaßen ausgefüllt wurden. „Für Freunde und Angehörige ist es derzeit sehr eigenartig, Abschied zu nehmen“, sagt Böss-Ostendorf. Sei es beim Sterbeprozess oder nach dem Tod. Die Karte soll ein Zeichen für die Bürgerinnen und Bürger der Stadt sein, an die man erinnern möchte.

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