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Während der Corona-Pandemie hat sich der Straßenstrich ins Bahnhofsviertel verlagert.

Frauenrechte

„Viele Prostituierte sind jetzt obdachlos“

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Encarni Ramírez Vega vom Verein „Frauenrecht ist Menschenrecht“ in Frankfurt spricht über die existenzielle Notlage von Frauen in der Armutsprostitution.

Encarni Ramírez Vega spricht im Interview über die aktuelle Notsituation von Prostituierten in Frankfurt. Die 43-Jährige ist stellvertretende Geschäftsführerin des Vereins „Frauenrecht ist Menschenrecht“ (FIM).

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise für die Prostituierten, Frau Ramírez Vega?

Durch die Schließung der Laufhäuser sind gerade die Frauen aus der Armutsprostitution, die schon vor Corona in einer prekären Lage waren, von heute auf morgen ins Nichts gefallen. Sie haben kein Einkommen mehr. In unsere Beratungsstelle kommen vorwiegend Frauen, die vor Jahren aus Rumänien und Bulgarien nach Deutschland kamen und die auch die größte Gruppe in der Armutsprostitution ausmachen. Sie arbeiten zwar legal hier und sind auch nach dem Prostituiertenschutzgesetz angemeldet und zahlen Steuern, aber sie arbeiten insofern prekär, weil sie keine Krankenversicherung und meistens keinen festen Wohnsitz haben. Normalerweise schlafen sie in einer Etage im Laufhaus oder zu mehreren in angemieteten Zimmern.

Und jetzt?

Jetzt, wo die Laufhäuser coronabedingt geschlossen sind, wissen sie oft nicht, wo sie schlafen sollen, viele sind jetzt obdachlos. Zuvor verdienten viele gerade mal so viel, dass es für den Lebensunterhalt und die Tagesmiete in den Laufhäusern reichte. Dann schickten sie noch ein wenig Geld in die Heimat, um ihre Kinder, Eltern oder die Geschwister dort zu versorgen. Das geht nun nicht mehr. Wir als Beratungsstelle versuchen, die existenzielle Not der Frauen so gut es eben geht aufzufangen.

Das heißt?

Zurzeit beraten wir meist per Telefon oder Mail, aber Notfalltermine machen wir auch persönlich mit Mund-Nasen-Schutz. Wir haben jeden Tag Frauen hier bei uns im Büro.

Was ist jetzt Ihre Hauptaufgabe als Beratungsstelle?

Gegenwärtig geht es darum, die Existenz der Betroffenen zu sichern. Wir haben viele Anträge auf Arbeitslosengeld II gestellt. Ein paar wenige sind bislang vom Jobcenter bewilligt worden, andere wurden abgelehnt. Wir würden uns wünschen, dass kulanter mit Antragsentscheidungen umgegangen wird. Es ist doch deutlich, dass die Frauen unverschuldet in diese menschenunwürdige Notlage geraten sind. Sie stecken hier fest, können zumindest nicht mehr so leicht in ihre Heimatländer zurück.

Zur Person

Encarni Ramírez Vega (43) ist stellvertretende Geschäftsführerin von „Frauenrecht ist Menschenrecht“ und leitet den Bereich psychosoziale Beratung.

Mit welcher Begründung gab es Ablehnungen?

Das sind Fälle, bei denen die Betroffenen auf der Straße arbeiten. Im Gegensatz zu den Frauen im Laufhaus mieten sie beispielsweise kein Zimmer an und haben keinen schriftlichen Nachweis darüber, dass sie hier gearbeitet haben. Streetworkerinnen von FIM sind seit Jahren auf dem Straßenstrich in Frankfurt aktiv und können aber bestätigen, die Frauen zu kennen. Diese Bestätigung sowie die Anmeldung nach dem Prostituiertenschutzgesetz war für die Behörden nicht ausreichend. Wir geben den Frauen, die wir schon lange kennen und betreuen, als Nothilfegeld 50 Euro in der Woche für Lebensmittel. Aber das ist keine Lösung. Wir sind nun im Gespräch mit dem Sozialministerium und hoffen inbrünstig, dass ein Nothilfetopf für Prostituierte in Hessen installiert wird. Baden-Württemberg hat bereits einen solchen Nothilfefonds.

Wie ist die Lage bei den Prostituierten, die nicht in der Armutsprostitution arbeiten?

Encarni Ramírez Vega vom Verein „Frauenrecht ist Menschenrecht“ warnt vor den Folgen der Pandemie für Prostituierte.

Es gibt die Gruppe der Frauen, die selbstbestimmt in der Prostitution arbeitet, unter anderem sind das thailändische, lateinamerikanische und deutsche Frauen. Sie sind in einer anderen Situation. Sie haben meist eine Wohnung, aber auch ihre eigene Not. Eine Prostituierte erzählte mir: „Ein, zwei Monate halte ich durch, aber dann ist mein finanzielles Polster weg.“ Denn die Miete muss weiter bezahlt werden, aber auch der Krankenversicherungsbeitrag, der sich auf einige Hundert Euro bei Selbstständigen beläuft. Zudem zahlen sie Steuervorauszahlungen. Sie fragen sich: „Wie bekomme ich meine 1000 Euro im Monat zusammen?“ Auch sie unterstützen wir bei der Antragstellung auf ALG II und gehen davon aus, dass die Anträge bewilligt werden.

Gibt es Prostituierte, die trotz Corona aus finanziellen Gründen illegal weiterarbeiten?

Uns gegenüber sagen die Frauen, dass sie selbst nicht arbeiten würden, aber andere Prostituierte kennen, die das tun. Wir können davon ausgehen, dass einigen Frauen aus der Not heraus gar nichts anderes übrig bleibt, als der Prostitution nachzugehen. Unsere Streetworkerinnen berichten, dass seit der Schließung der Laufhäuser, Frauen vor den Häusern im Bahnhofsviertel stehen und offensichtlich auf Kunden warten. Es sind oft Frauen, die wir nicht kennen. Wir vermuten, dass in Corona-Zeiten Frauen in prekären Situationen aus anderen Regionen versuchen, in Frankfurt Geld zu verdienen

Was ist mit dem Straßenstrich an der Theodor-Heuss-Allee?

Normalerweise sind unsere Streetworkerinnen an drei Abenden in der Woche an der Theodor-Heuss-Allee. Dort steht aber jetzt niemand mehr. Der Straßenstrich hat sich jetzt komplett ins Bahnhofsviertel verlagert.

Interview: Kathrin Rosendorff

Eine Prostituierte in Frankfurt darf wegen der Corona-Pandemie nicht mehr arbeiten. Ohne Einnahmen hat sie nicht mal Geld, um sich etwas zu essen zu kaufen.

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