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Prostitution in Corona-Zeiten: Die Prostituierten warten an der Bushaltestelle außerhalb der Toleranzzone „Theodor-Heuss-Allee“ in Frankfurt auf Kunden.
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Prostitution in Corona-Zeiten: Die Prostituierten warten an der Bushaltestelle außerhalb der Toleranzzone „Theodor-Heuss-Allee“ in Frankfurt auf Kunden.

Frankfurter Kuhwaldsiedlung

Prostitution in Corona-Zeiten: Streit um Straßenstrich in Frankfurt

  • Kathrin Rosendorff
    vonKathrin Rosendorff
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Anwohner:innen der Frankfurter Kuhwaldsiedlung beklagen, seit Corona habe sich der Straßenstrich an der Theodor-Heuss-Allee zu ihren Häusern hin verlagert.

  • Prostitution ist in Frankfurt während der Corona-Krise eigentlich verboten.
  • Viele Frauen haben jedoch keine andere Möglichkeit, Geld zu verdienen.
  • In der Kuhwaldsiedlung klagen Anwohner:innen über die Prostitution.

Frankfurt – Mitten im Wohngebiet in der Frankfurter Kuhwaldsiedlung liegt hinter ein paar Sträuchern, gut einsehbar vom Bürgersteig, ein buntes Sammelsurium an benutzten Kondomen und Feuchttüchern. „Der Straßenstrich an der Theodor-Heuss-Allee, der ja eigentlich wie überhaupt Prostitution in Zeiten der Corona-Krise verboten ist, hat sich quasi vor unsere Haustür ausgeweitet. Freier parken unweit unserer Häuser. Manchmal haben sie Sex mit den Frauen im Auto, manchmal aber auch im Freien wie neben dem Trafohäuschen in der Funckstraße“, erzählt ein Anwohner der Kuhwaldsiedlung.

Seit Sommer vergangenen Jahres sei die Situation eskaliert, nicht mehr hinnehmbar. Und der Müll sei nur eines der Probleme. Er selbst gehört zu einer Gruppe empörter Anwohner:innen der Siedlung. „Es muss sich ’was ändern“, sagt einer. Da sind sich die Betroffenen einig. Die meisten von ihnen leben schon über 15 Jahre hier. Ihren Namen wollen sie nicht in der Zeitung lesen. Denn: „Wir haben Angst vor aggressiven Reaktionen der Freier und Zuhälter.“

Vor Corona gab es kaum Prostitution außerhalb Frankfurter Toleranzzone

Seit den 1980er-Jahren sind in einer „Sperrgebietsverordnung“ einige Hundert Meter der Theodor-Heuss-Allee als „Toleranzzone“ ausgewiesen. Bis zum Ausbruch der Corona-Krise habe „die Anbahnung des Geschäfts“ nur gelegentlich auch außerhalb der Toleranzzone stattgefunden, sagen die Anwohner.

In den vergangenen Wochen hätten sie aber immer mehr Freier und Frauen beim Sex in ihrem Wohngebiet gesehen. Eine Nachbarin betont: „Es leben hier viele Familien, es gibt hier Kindergärten, eine Schule. Wir wollen, dass die Stadt die Toleranzzone, die ja Ende der 1980er bestimmt wurde, als es hier noch kein so großes Wohngebiet gab, in eine andere Zone, wo eben keine Wohnhäuser stehen, verlegt.“ Als die Sperrgebietsverordnung erlassen wurde, habe es weder die City West noch das Europaviertel und Rebstock gegeben.

Frankfurt: Mehr Prostituierte auf Frankfurter Theodor-Heuss-Allee durch Corona

Fast täglich riefen sie mittlerweile die Polizei. „Aus unserer Sicht ist die Polizeiarbeit völlig unbefriedigend“, berichtet ein Anwohner. Laut Ordnungsamt seien bei der Stadtpolizei in den vergangenen drei Monaten sieben telefonische Beschwerden über Prostitutionsausübung in der Kuhwaldsiedlung und der Theodor-Heuss-Allee eingegangen.

Ein Nachbar zeigt Fotos von Prostituierten, die auf beiden Straßenseiten der Bushaltestellen der Philipp-Reis-Straße unweit der Theodor-Heuss-Allee auf Kunden warten. Das beginne nicht mitten in der Nacht, sondern eben ab 19 Uhr, wenn es dunkel werde. „Wir können weder unseren Töchtern noch unseren jungen Babysitterinnen mehr zumuten, an dieser Bushaltestelle zu warten, um in die Stadt zu fahren.“

Frankfurt: Prostituierte an Bushaltestelle blutig geschlagen

In den vergangenen Tagen habe sich die Lage an den Bushaltestellen zugespitzt. „Es sind regelmäßig Aufpasser für die Damen vor Ort, die sehr aggressiv auftreten. Wenn die Polizei kommt, werden die Damen weggebrüllt und müssen sich in den Büschen verstecken. Nach Entwarnung werden sie wieder an ihre Stelle gebrüllt“, so erzählt es der Anwohner.

Auch zwei Anwohnerinnen fühlen sich als Frau in ihrem Wohnviertel unwohl. „Ich hatte mich neulich schick gemacht und wartete auf dem Bus. Da merkte ich, wie ein Freier im Auto anhielt und mich ansprechen wollte. Ich habe auf mein Handy gestarrt und er fuhr weiter. Ich meide es nun, Bus zu fahren.“

Einmal sei sie mit ihrer Familie Zeuge geworden, wie ein Freier eine Prostituierte blutig geschlagen hatte. „Wir kamen mit dem Taxi an, die Prostituierte stand plötzlich mit blutigem Gesicht vor uns. Das war für uns alle, aber besonders für meine Kinder, ein Schock.“ Sie verstehe die Not der Frauen, aber so könne es nicht weitergehen. Das sei für ihre Familien nicht zumutbar. Sie hätten ein Recht auf Sicherheit.

Frankfurter Verein kümmert sich um Prostituierte in Corona-Zeiten

Wenige Tage später laufen die beiden Streetworkerinnen Mara Dörrer und Kristina Pavlova des Vereins „FIM – Frauenrecht ist Menschenrecht“ gegen 20.30 Uhr mit heißem Tee in einer kalten Nacht in Richtung Theodor-Heuss-Allee. Sie tragen gelbe Westen, damit man sie als Streetworkerinnen erkennt.

Ihr erster Stopp ist die Bushaltestelle Philipp-Reis-Straße, die Haltestelle, die wenige Meter außerhalb der Sperrzone liegt. Der 50er-Bus, der anhält und Richtung Stadt fährt, ist leer, niemand steht an der Bushaltestelle außer einer Prostituierten.

Streetworkerin zu Prostitution in Frankfurt: „Seit Corona gab es Wandel“

Trotz Kälte trägt die hübsche Bulgarin mit langen schwarzen Haaren nur ein Lederjäckchen, zerrissene Jeans und Lederboots. Sie raucht und wartet auf Kunden. Sie ist verzweifelt, weil sie seit Tagen kaum Arbeit hatte. Sie weiß, dass Prostitution in Corona-Zeiten verboten ist, und auch, dass die Bushaltestelle außerhalb der Sperrgebietszone liegt. Aber hier ist sie etwas geschützt. Die Bushaltestelle ist beleuchtet und überdacht. „Ich muss Geld verdienen, momentan könnte ich nicht mal das Bußgeld zahlen, wenn die Polizei mich erwischen sollte. Die Angst, kein Geld zu haben, ist größer als die, erwischt zu werden.“

Seit Corona habe es einen Wandel auf der Theodor-Heuss-Allee gegeben, erzählt Streetworkerin Kristina Pavlova. „Nur vier oder fünf der Frauen, die früher hier gearbeitet haben, stehen jetzt noch hier. Die anderen Frauen sind alle neu hinzugekommen.“ Seit zwei Jahren arbeitet sie hier als Streetworkerin. Etwa neun Frauen seien es an der Theodor-Heuss-Allee aktuell.

Coronakrise: Armutsprostitution im Frankfurter Bahnhofsviertel

„Sie sind alle aus Bulgarien und zwischen Mitte 20 und 40 Jahre alt.“ Zweimal die Woche, immer werktags, kommen die Streetworkerinnen, bauen Vertrauen auf, stellen ihnen das Angebot des Vereins vor, informieren sie über das Prostituiertenschutzgesetz und die aktuellen Corona-Verordnungen und wo sie bei gesundheitlichen Beschwerden Hilfe suchen können.

„Ob an den Wochenenden noch mehr Frauen da sind, wissen wir nicht“, sagt Pavlova . Die größte Szene an Armutsprostitution spiele sich aber momentan im Bahnhofsviertel ab. Viele der Frauen hätten keinen Schulabschluss, keine andere Option, um Geld zu verdienen. „In Coronazeiten ist es besonders schwer, einen Job zu finden. Für diese Frauen ist es noch schwieriger“, betont Pavlova. Ein Recht auf Hartz IV hätten viele der Frauen auch in der Corona-Krise nicht, weil oftmals Nachweise über die Tätigkeit fehlen. Andere Frauen seien zu kurz hier und hätten daher keinen Anspruch, sagt Encarni Ramírez Vega, die stellvertretende Geschäftsführerin von „Frauenrecht ist Menschenrecht“ (FIM).

Frankfurt: Mehr Prostituierte auf Frankfurter Theodor-Heuss-Allee durch Corona

Erst vor fünf Monaten ist auch die Bulgarin, die an diesem Abend an der Haltestelle auf Kunden wartet, nach Deutschland gekommen. Alleine, sagt sie. Ohne Zuhälter. Ob das stimmt oder sie aus Angst nichts sagt, bleibt unklar. Deutsch spricht sie nicht, die Streetworkerin übersetzt. „Ich wollte von meinem Mann weg, weit weg.“ Früher habe sie als Reinigungskraft in Bulgarien gearbeitet. Mit den anderen Frauen hier verstehe sie sich, sie passten auch aufeinander auf. In diesem Moment hält ein Wagen aus Offenbach. „Ein Kunde“, ruft sie und steigt ins Auto. Der Freier begrüßt sie mit Küsschen auf die Wange.

Kurz darauf kommt eine blonde Kollegin an die Bushaltestelle. Sie will nicht reden. „Manche wollen Distanz, und das ist auch okay für uns“, sagt Kristina Pavlova. Ein Wagen hält an. Die Streetworkerinnen gehen weiter. „Es ist wichtig, um Vertrauen aufzubauen, dass wir weggehen, wenn Kunden kommen, damit die Frauen arbeiten können“, sagt Mara Dörrer. Sie selbst seien bislang noch nie von Freiern oder Zuhältern aggressiv angesprochen worden.

Stadt Frankfurt: „Prostitution offiziell wegen Corona verboten“

Wegen des Müllproblems hätten sie mit den Frauen gesprochen. „Aber hier gibt es kaum Mülleimer, die Dixiklos sind im Dezember weggebracht worden. Dies war auch in der Vergangenheit schon immer ein Problem. Neue Dixiklos soll es nicht geben, schließlich ist Prostitution offiziell wegen Corona verboten, so das Argument der Stadt“, sagt Dörrer.

Encarni Ramírez Vega erklärt: „Warum die Freier mit den Frauen nun verstärkt ins Wohngebiet fahren, ist uns auch nicht klar.“ Und ja, sie verstehe die Sorgen der Anwohner:innen. „Aber man darf den Blick für die Situation der Frauen nicht vergessen.“

Und was sagt die Polizei? In den vergangenen drei Monaten seien bislang zehn Prostituierte außerhalb der Toleranzzone beim Anwerben von Freiern festgestellt worden, so ein Sprecher des Ordnungsamtes. Anhaltspunkte für Menschenhandel habe es bislang nicht gegeben.

Corona in Frankfurt: Platzverweise wegen Prostitution erteilt

Im Rahmen der aktuellen Corona-Maßnahmen, die Prostitution verbieten, seien zudem Platzverweise erteilt worden. „Seitens hiesiger Einsatzkräfte wurden bisher keine Feststellungen hinsichtlich einer Verrichtung vor Ort, also beispielsweise im Gebüsch, aber auch nicht in Kraftfahrzeugen innerhalb der Kuhwaldsiedlung getätigt.“

Die Stadtpolizei werde auch zukünftig zu unterschiedlichen Tageszeiten Streife fahren mit zivilen Einsatzkräften und mit uniformierten - und das sowohl im Toleranzbereich Theodor-Heuss-Allee als auch in der angrenzenden Kuhwaldsiedlung. Die Anwohner:innen betonen, dass sie nicht nur meckern, sondern auch Vorschläge eingebracht hätten, wo die Sperrgebietszone denn hinverlegt werden könnte. Ein Beispiel sei die Max-Pruss-Straße/ Ursinusstrasse im Rebstock. Hier seien ausreichend Parkplätze „für die Umsetzung des Prostitutionsgeschäfts“ vorhanden sowie ein unmittelbarer Autobahnanschluss. Eine Wohnbebauung sei auf dieser Seite des Rebstockparks langfristig nicht vorgesehen.

Frankfurter Streetworkerin: „Prostitution in Corona-Zeiten gefährlicher“

Axel Kaufmann (CDU), Vorsteher des Ortsbeirats 2, der für die Stadtteile Bockenheim, Kuhwald und das Westend zuständig ist, sagt, er nehme die Sorgen der Anwohner:innen sehr ernst. „Ich fürchte eine Eskalation der Lage.“ Über den Ortsbeirat will er einen Antrag beim Magistrat Ende Februar einreichen und prüfen lassen, ob der Magistrat überhaupt bereit sei, über die Verlegung des Straßenstrichs und eine neue Sperrgebietsverordnung zu diskutieren. Außerdem sei ein Treffen vor Ort mit der Polizei, Anwohner:innen, Streetworkerinnen und Prostituierten in den nächsten Tagen geplant.

Streetworkerin Mara Dörrer sagt zum Vorschlag der Anwohner, die Toleranzzone zu verlegen: „Das wäre eine große Gefahr. Dann würden die Frauen komplett vom Radar verschwinden. Es ist jetzt schon in Corona-Zeiten gefährlicher, weil weniger los ist auf den Straßen. An einem abgelegenen Ort hätten sie gar keinen Schutz mehr.“ Zudem sei der Platz für die Frauen nicht zu erreichen, keine Bushaltestelle sei in der Nähe.

„Gerade, wenn so was passiert, wie die Nachbarin berichtet, dass eine der Frauen so geschlagen wurde, ist es da nicht gerade wichtig, dass das jemand mitbekommt und Hilfe ruft?“ Und die Anwohner:innen sollten bei ihren Sorgen um ihre Kinder nicht vergessen: „Auch diese Frauen haben Familien. Oft arbeiten sie, weil sie für ihre Familien Geld verdienen müssen. Und Prostitution ist da für sie leider oft die einzige Möglichkeit.“ (Kathrin Rosendorff)

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