Freizeitsport ist für junge Menschen gerade jetzt wichtig, aber sie fragen sich, warum das niemand zu interessieren scheint.
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Freizeitsport ist für junge Menschen gerade jetzt wichtig, aber sie fragen sich, warum das niemand zu interessieren scheint.

Interview

Corona: Familienforscherin fordert, Interessen von Jugendlichen stärker zu berücksichtigen

  • Peter Hanack
    vonPeter Hanack
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Sabine Andresen, Familienforscherin an der Goethe-Universität Frankfurt, spricht über Erfahrungen von Jugendlichen in Corona-Zeiten.

Frau Andresen, man hat den Eindruck, Jugendliche spielen in der öffentlichen Wahrnehmung jenseits von Schule kaum eine Rolle. Täuscht das?

Nein, die Einschätzung trifft zu. Die Beobachtung war für unser Forscherteam auch der Anlass, die Online-Befragung bei Jugendlichen ab 15 Jahren zu starten. In der politischen Diskussion um Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus und deren Angemessenheit tauchen die Interessen von Jugendlichen überhaupt nicht auf. Neu ist das nicht, wir beobachten diesen Mangel an Beteiligung junger Menschen schon länger. Aber es hat sich in der Corona-Krise noch einmal verschärft.

Erleben Jugendliche selbst dies auch so?

Sabine Andresen ist seit 2011 Professorin für Sozialpädagogik und Familienforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt.

Ja, diesen Eindruck bestätigen die Jugendlichen ziemlich deutlich. Ein Statement der Jugendlichen in unserer Studie beschreibt die Wahrnehmung der jungen Menschen: Wir werden ausschließlich als Schüler und Schülerinnen gesehen, und als solche sollen wir funktionieren. Alles andere ist nicht im Blick. Und seien wir ehrlich, das trifft zu. Schule ist den Jugendlichen selbst wichtig, aber sie wollen auch beteiligt werden, warum fragt niemand die Schülerinnen und Schüler selbst, wie Homeschooling besser laufen könnte. Warum werden andere Interessen kaum beachtet, das fragen sich Jugendliche zu Recht.

Was ist dieses alles andere?

Zum Beispiel Freizeitaktivitäten, das Treffen mit Gleichaltrigen, der Vereinssport. Ein Jugendlicher hat uns geschrieben, es werde so viel über den Profisport, vor allem den Fußball geredet. Doch auf seine eigenes Hobby, dieser Jugendliche ist Schwimmer, muss er verzichten und er weiß nicht, wann sein Training wieder beginnt, wann es wieder Wettkämpfe gibt. Der Freizeitsport und andere Aktivitäten sind in dieser Lebensphase sehr wichtig, sie haben aber bisher in der öffentlichen Diskussion kaum Raum eingenommen.

Warum ist das so?

Zur Person

Sabine Andresen ist seit 2011 Professorin für Sozialpädagogik und Familienforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt. Sie ist außerdem Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs.

Ein Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Goethe-Universität und der Universität Hildesheim hat knapp 6000 Jugendliche online zu ihren Erfahrungen in der Corona-Krise befragt.

Die ersten Ergebnisse der bundesweiten Studie JuCo können unter https://doi.org/10.18442/120 heruntergeladen werden. pgh

Freizeitgestaltung von Jugendlichen scheint in der Krise als Luxus zu gelten. Dabei wird übersehen, dass die Jugend eine besondere Lebensphase ist, dort geschieht vieles sehr schnell und verdichtet. Jugendliche brauchen gerade auch außerhalb ihrer Familien den Kontakt zu Gleichaltrigen, mit denen sie ihre Zeit verbringen können, und zwar nicht nur digital. Sie verzichten auf sehr viel und handeln diszipliniert und vernünftig, aber Anerkennung erhalten sie in der politischen Diskussion kaum. Hinzu kommt, auch das zeigt die Umfrage: Die Familie ist für viele Jugendliche ein guter Ort, aber sie fühlen sich dennoch einsam. Nicht zuletzt gehört es in dieser Phase des Lebens ja auch dazu, dass man einen Partner oder eine Partnerin auch für intime Kontakte kennenlernen kann.

Was heißt das für das Lebensgefühl der Jugendlichen im Moment?

Eine Tendenz ist sehr deutlich. Die Zufriedenheit damit, wie man die Zeit verbringt, ist im Vergleich zu vor Corona klar zurückgegangen. Das Wohlbefinden ist deutlich gesunken. Viele Jugendliche geben auch an, dass sie sehr verunsichert sind, weil sie kein Licht am Ende des Tunnels sehen, nicht wissen, wohin die Reise für sie persönlich geht. Und sie wollen ihre Angehörigen nicht gefährden. Das Gefühl eines Großteils der Befragten ist: Unsere Sorgen werden nicht gehört. Politisch ist das ein Armutszeugnis.

Haben die Jugendlichen auch das Gefühl, dass man ihnen Chancen verbaut, die Zukunft klaut? Weil sie vielleicht Angst haben, Anschlüsse zu verpassen etwa in den Beruf hinein?

Das deutet sich an. Schon heute sind diese Fragen ja schon relevant, etwa wenn es darum geht, ob man nun seine Bachelor-Arbeit schreiben kann oder was es bedeutet, in einer Ausbildung zu sein, aber den Betrieb oder die Berufsschule nur eingeschränkt besuchen kann. Was heute an Kosten entsteht und Schulden angehäuft wird, das wird die heutige junge Generation ja noch lange begleiten. Und es ist hart für Jugendliche, dass ein geregelter, sicherheitsstiftender Alltag für sie noch in weiter Ferne scheint.

Überrascht es Sie, dass die jungen Menschen so folgsam sind? Wie sehr sie sich fügen, wie wenig Revolte da kommt? Sie sind doch die Leidtragenden dieser Krise?

Jugendliche nehmen die Risiken ernst und sind offenbar bereit, an Entscheidungen von Erwachsenen zu glauben. Hier haben die Familien sicherlich einen hohen Anteil. Aber das Gefühl, selbst ohnmächtig zu sein, wird in unserer Studie auch thematisiert. Darum möchte ich für einen anderen Blick werben, mich erschreckt wie politisch Handelnde über die Köpfe der jungen Menschen hinweg entscheiden, wie wenig die Interessen dieser Generation eine Rolle spielen. Das wird gerade jetzt wieder sehr deutlich. Vieles läuft gut in Deutschland, aber die Anerkennung und Beteiligung von Jugendlichen ist schwach.

Interview: Peter Hanack

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