1. Startseite
  2. Frankfurt

Corona-Demo Frankfurt: Impfprotest als Freiheitskampf

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Oliver Teutsch

Kommentare

Lauter Freiheitsliebende Menschen im Frankfurter Oeder Weg.
Lauter freiheitsliebende Menschen im Frankfurter Oeder Weg. © Rolf Oeser

Tausende Menschen demonstrieren und sehen sich als letzte Bastion der Menschenrechte.

Mehrere Tausend Menschen haben am Samstag in Frankfurt erneut gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung protestiert. Wie schon in den Vorwochen versammelten sich die Menschen zunächst im sonst so beschaulichen Holzhausenpark im Norden der Innenstadt. Die Polizei begleitete die Demonstration mit einem Großaufgebot inklusive Wasserwerfer und berittener Kräfte.

Bevor der Demonstrationszug sich in Bewegung setzte, herrschte Partystimmung im Park. Einige Menschen hatten Musik dabei, häufiger zu hören war Sängerin Nena, eine prominente Impfkritikerin. Ihr Song „99 Luftballons“ passt den Demonstrierenden gut in den Kram. Denn während zu Beginn der Pandemie das Virus und dessen Auswirkungen generell geleugnet wurden, machen sich die Demonstrierenden nun gegen eine mögliche Impfpflicht stark. Sie begreifen sich offenbar als mündige Minderheit und letzte Bastion der Menschenrechte. „Wir sind die rote Linie“, ist auf Bannern und kleinen Pappschildern immer wieder zu lesen.

In der Mitte des Parks hat sich ein „Torsten“ das Mikrofon geschnappt. Er sieht sich in der Tradition von Martin Luther King und Mahatma Gandhi, beide große Vorbilder für ihn, wie er sagt. „Wir sind alle eine Menschenfamilie.“ Das schließe sogar die Polizei mit ein, verkündet Torsten großmütig: „Die meisten von euch haben das Herz am rechten Fleck.“ Torsten, ehemaliger Investmentbanker und ehemaliges CDU-Mitglied, wie er mitteilt, darf noch ein bisschen philosophieren über Frieden, Freiheit und Wahrheit. Letztere scheinen die Demonstrierenden zu kennen: „Windelpflicht für alle, die den ganzen Scheiß noch glauben“, hat einer auf sein Transparent geschrieben.

Eine Rednerin fasst die ihrer Ansicht nach wenig konsistente Corona-Politik der Regierung zusammen: Verkürzung des Genesenenstatus, Herunterstufung des Vakzins von Johnson & Johnson. Dann bekommt sie viel Beifall, als sie den Namen von Bundesgesundheitsminister „Lauterbach“ erwähnt. Die Menge buht und johlt.

Die Polizei ist von den Reden weniger ergriffen: „Bevor der Zug sich in Bewegung setzen kann, setzen Sie bitte ihre Mund-Nase-Bedeckungen auf und halten Sie Abstand“, tönt es aus einem Lautsprecherwagen. In Kleingruppen hatten sie die Demonstrierenden genau unter die Lupe genommen. Ein Mann in neongelber Regenjacke wird aufgefordert, seine Handschuhe im Rucksack zu verstauen. Es handele sich dabei um passive Bewaffnung, die sei auf Demonstrationen verboten. „Ich habe Motorradhandschuhe dabei, ich bin hochkriminell“, beschwert sich der Mann, verstaut seine Handschuhe mit Protektoren aber im Rucksack.

Ohnehin sind alle friedlich, die überwiegende Mehrheit trägt auch Maske, als sich der Zug gegen 16 Uhr in Bewegung setzt. Auf der Ladefläche eines Partywagens tanzen drei junge Leute. „We love police“, steht auf einem Schild am Wagen, Masken tragen sie allerdings nicht. Die Polizei lässt sie gewähren. Im Zug dabei sind auch auffallend viele Frauen und Kinder. „Gebt den Kindern ein Gesicht zurück“, wird auf einem Plakat gegen die Maskenpflicht demonstriert. Ein kleines Mädchen trägt ein Schild vor der Brust: „Kein 2G, denn das tut uns Kindern weh“. Eine Passantin, die das im Oeder Weg sieht, schimpft, „die Kinder da mit einzuspannen, geht gar nicht“.

Vorneweg ist wieder Gandhi-Fan Torsten dabei. „Ob du geimpft bist oder nicht, ist mir egal, aber jeder sollte die Freiheit haben, das selbst zu entscheiden.“ Im Anlagenring halten die Menschen bei einsetzender Dämmerung ihre leuchtenden Handys in die Höhe und schwenken sie wie bei einem Schnulzensong. Passend dazu tönt „Freiheit“ von Marius Müller-Westernhagen aus einem Lautsprecher. Immer wieder skandiert die Menge „Freiheit“.

Die Freiheit vieler Menschen in ihren Autos ist am Samstagnachmitttag aber eingeschränkt. Rund 40 Minuten dauert es, bis der gesamte Zug das Friedberger Tor Richtung Konstablerwache passiert hat. Die Menschen in den Autos auf der gesperrten Friedberger Landstraße beginnen nach einer halben Stunde ein Hupkonzert, das wohl nicht als Unterstützung für den Protestzug verstanden werden kann.

Auch interessant

Kommentare