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Die Filmemacher Silke Schranz und Christian Wüstenberg in der Arktis.

Corona und das Kino

Corona: Aus der Arktis in die Krise

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Zwei Frankfurter Filmemacher erklären, wie das Coronavirus ihrer Existenz bedroht.

Gleich zu Beginn des Telefonats betonen Silke Schranz und Christian Wüstenberg, dass sie nicht jammern möchten, „schließlich geht es anderen viel schlechter als uns, und unsere Solidarität ist mit allen, die unter der Corona-Krise zu leiden haben“. Nichtsdestotrotz sind die beiden Frankfurter Filmemacher ein Beispiel dafür, was die Pandemie für freischaffende Kreative bedeuten kann. Nämlich urplötzlich mit der Frage konfrontiert zu sein, wie sie in der nächsten, wie lange auch immer dauernden Zeit ihr Leben unterhalten sollen.

Zwei Jahre haben Silke Schranz und Christian Wüstenberg an ihrem aktuellen Kinodokumentarfilm gearbeitet. Sie haben Spitzbergen umrundet und wunderschöne und zugleich denkwürdige Bilder mitgebracht aus einer Gegend der Superlative: vom arktischen Sommer, von Blauwalen, Eisbären, gigantischen Gletschern. Und dann kommt ein winziges Virus und droht, sie an den Rand der Existenz zu bringen.

Silke Schranz und Christian Wüstenberg: „Spitzbergen – Auf Expedition in der Arktis“, Frankfurt 2020, DVD: 20 Euro

Der Film „Spitzbergen – auf Expedition in der Arktis“ sollte Anfang März seine Kinotour starten. 315 Lichtspielhäuser in ganz Deutschland hatten ihn im Programm. Dann schlossen die Kinos. „Nun fallen sämtliche Vorführungen aus, die schon fest gebucht waren“, sagt Christian Wüstenberg. „Eine lange Durststrecke steht uns bevor.“

Anders als bei ihrem vorherigen Film, einem Wanderfilm über Portugal, der mit relativ kleinem Aufwand gedreht wurde, mussten Schranz und Wüstenberg die Dokumentation über Spitzbergen „richtig lange vorbereiten und einiges investieren“. Sie haben einen zum Expeditionsschiff umgebauten Fischkutter gechartert und sind mit der neunköpfigen Crew um die zu Norwegen gehörende Insel in der Arktis geschippert. 14 Tage waren sie unterwegs in Eis und Schnee.

Sie hätten „schon immer eine große Faszination für die Arktis“ gehabt, obwohl ihre bisherigen Projekte sie stets in wärmere Gefilde verschlagen haben. Für ihren achten gemeinsamen Kinodokumentarfilm mussten sie lange überlegen, wie sie sich am besten gegen die Kälte wappnen. „Meist sieben bis acht Schichten haben wir übereinandergezogen“, schildert Wüstenberg. Das Zwiebelprinzip. „Doch nach Stunden im Schatten eines Gletschers, bei mindestens zehn Grad Minus, waren unsere Finger trotzdem kalt und die Zehen eingefroren.“

Eisbär verliert durch Eissschmelze Jagdgründe und frisst an Jahre altem Walkadaver.

Nun sitzt das Filmemacherpaar in seiner Frankfurter Wohnung und versucht, neue Projekte zu entwickeln. „Wir könnten mit dem Finger auf der Landkarte Länder und Gegenden ausdeuten, die wir bereisen wollen“, sagt Wüstenberg. „Aber ab wann können wir überhaupt wieder reisen?“ Ohnehin ist das viel akutere Problem der Ausfall der Einnahmen aus dem aktuellen Film. Die beiden 50-Jährigen haben ihn komplett vorfinanziert und keinerlei Fördergeld erhalten. Zudem hat „Deutschlands kleinste Filmfirma“ eine Mitarbeiterin eingestellt, die sich um Büro und Kinopakete kümmert. Schranz und Wüstenberg wollen sie weiterbezahlen.

Erderwärmung lässt die Gletscher schmelzen.

Seit zwölf Jahren drehen die Journalistin und Autorin und der gelernte Cutter gemeinsam Reise- und Naturdokus. Für verschiedene Fernsehsender waren sie tätig, kennengelernt haben sich die gebürtige Frankfurterin und der Norddeutsche beim Hessischen Rundfunk. „Spitzbergen“ sei ihr erster Film, der nicht primär Reise- und Wanderführer sei, sagt Wüstenberg. „Die Arktis ist schließlich nicht auf Tourismus ausgelegt.“ Die Dokumentation sei auch kein Umweltfilm, doch zeige sie an mehreren Stellen durchaus die Probleme der Polarregion. „Es gibt dieses Knacken im Eis, kurz bevor ein Gletscher kalbt. Wenn dann die Gletscherwand aus 50 Metern in die Tiefe stürzt, ist das ein erhabenes Naturschauspiel.“ Gleichzeitig sei es aber auch Ausdruck des Klimawandels und der Erderwärmung. „Wir haben vor allem die Schönheit Spitzbergens herausgearbeitet“, sagt Wüstenberg. „Wenn man zeigt, wie schön und schützenswert etwas ist, ändert das vielleicht auch etwas am Bewusstsein.“

Neugierige Bartrobbe.

Doch dazu braucht es ein Publikum. Um den finanziellen Schaden zu minimieren, hat das Paar den Film schon auf DVD herausgebracht, ein halbes Jahr früher als geplant. Aber nach Plan lief leider so manches nicht. Zur Vorpremiere im Februar konnten sie wegen Sturmtief „Sabine“ nicht fahren, ihr Besuch in der Talkshow von Markus Lanz wurde nicht ausgestrahlt, weil just vor dem Sendetermin ein rassistischer Attentäter in Hanau zehn Menschen und sich selbst erschoss. Nachgeholt wird die Folge nicht, denn bei der Aufzeichnung war auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach zu Gast und äußerte sich über die damals gerade erst beginnende Corona-Krise.

Die ganze Welt dreht sich nur noch um das Virus. Vielleicht tun da ein paar Bilder von fantastischen Eislandschaften, von Walen, Eisbären und knuddeligen Robben mal ganz gut.

Infos  sowie den Film auf DVD und Blu-ray gibt es auf: www.comfilm.de.

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