Jeder, der die Choreografie kennt, rennt los und tanzt. So auch die Organisatorin der Frankfurter K-Pop-Treffen, Melissa Ndugwa (gelber Pulli ). Der Rest feuert an.

K-Pop in Frankfurt

Cool tanzen wie die K-Pop-Stars

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Auf dem Frankfurter Goetheplatz treffen sich Fans von südkoreanischen Bands. Sie imitieren ihre Idole und finden Freunde.

Die ersten Beat-Sekunden von „Go Go“, einem bekannten Song der erfolgreichsten südkoreanischen K-Pop-Band namens BTS dröhnen aus kleinen Lautsprecherboxen, die an diesem Nieselregentag unter einem kleinen, pinken Schirm liegen. Und genau in diesem Moment rennen 50 Mädchen und Jungs, irgendwo zwischen 13 und 20 Jahre alt, fröhlich schreiend in die Mitte des Frankfurter Goetheplatzes und tanzen lässig und ziemlich synchron die Choreografie ihrer Idole nach. Ihre Tanzfreunde stehen um sie herum und feuern sie an. Passanten bleiben stehen und filmen die Szene. Manche der Teilnehmer haben niedliche Kuschelhäschenmützen auf, ein paar der jungen Frauen tragen unter ihren zerrissenen Jeans großmaschige Netzstrumpfhosen, ein Mädchen hat seine Haare in Regenbogenfarben gefärbt. Das erinnert an den Look der knallbunten K-Pop-Videos.

K-Pop steht für Korean Pop. Diese Bands sind die asiatische und moderne Version der US-amerikanischen und britischen Boygroups der 90er Jahre. Die musikalische Bandbreite reicht von Rock über Pop bis Rap. Es gibt zahlreiche südkoreanische Girl- und Boybands, sie heißen BTS, Seventeen oder Twice. Die männlichen Idole sind androgyn, gerne blondiert und tragen auch mal Nagellack. Schon seit ein paar Jahren werden die K-Pop-Bands weltweit gefeiert, und die Teenie-Liebe geht weit über das Anhimmeln eines Posters und die Erwähnung im Tagebuch hinaus.

Fotostrecke: K-Pop auf dem Frankfurter Goetheplatz

Lizzy (17) aus Frankfurt lernt schnell und beherrscht fast jede Choreo.
Lizzy (17) aus Frankfurt lernt schnell und beherrscht fast jede Choreo. © Michael Schick
Auch Jungs sind dabei. Und der Spaß steht immer im Vordergrund.
Auch Jungs sind dabei. Und der Spaß steht immer im Vordergrund. © Michael Schick
Schmuck mit niedlichem Mundschutz. Zum K-Pop gehören auch solche Accessoires.
Schmuck mit niedlichem Mundschutz. Zum K-Pop gehören auch solche Accessoires. © Michael Schick
Klara Bär hebt die Arme. Sie hat auch einen eigenen Youtube-Kanal.
Klara Bär hebt die Arme. Sie hat auch einen eigenen Youtube-Kanal. © Michael Schick

Auf öffentlichen Plätzen imitieren die Fans beim sogenannten Random-Dance-Spiel die Choreografien der Popstars. So eben auch auf dem Frankfurter Goetheplatz. Noch bevor sie tanzen, machen sie ein Gruppenfoto und halten dabei bunte Papierherzen hoch, auf denen „K-Pop-FFM“ steht. Einmal im Monat treffen sie sich immer samstagsnachmittags hier. „Wir haben im Frühjahr 2018 mit einer kleinen Gruppe angefangen, mittlerweile kommen bis zu 150 Teilnehmer aus ganz Hessen zu unseren Treffen“, erzählt Melissa Ndugwa. Die 18-Jährige aus Weilrod im Hochtaunuskreis hat gerade ihr Abi in der Tasche, studiert bald Jura in Frankfurt und ist eine der Organisatorinnen. Über Instagram verkünden sie die Termine.

Das Tanzen ist kein Battle wie beim HipHop, bei dem man gegeneinander antritt, sondern es ist ein Miteinander und vor allem eben ein fröhliches Spiel. Es gibt eigentlich nur eine Regel: „Wer die Choreo kennt, rennt in die Mitte und tanzt los“, sagt Ndugwa. Die Teilnehmer lernen die Schritte alleine zu Hause. „Es gibt zahlreiche ‚Dance Tutorials‘ auf Youtube, bei denen die Schritte langsam gezeigt werden“, erzählt eine Teilnehmerin.

Die Titel werden beim Random Dance nicht ausgespielt. Welche Lieder und in welcher Reihenfolge laufen, ist für die Teilnehmer stets eine Überraschung. Nach 30 bis 50 Sekunden wechselt das Lied, manchmal tanzt ein Mädchen allein, die anderen stehen außerhalb des Kreises und jubeln. „Ich sehe zweimal die Choreo und kann sie. Das fällt mir leicht“, erzählt Lizzy (17) aus Frankfurt. Jedes Lied hat seine eigene Schrittfolge. Ein paar Jungs und Mädchen knien vor ihr und feuern sie zusätzlich an, indem sie schnell eine Hand über die andere streichen. K-Pop-Choreos sind meist sehr schnell, es gibt Sprünge, HipHop-Moves, manche Tänze sind Beyoncé-sexy.

Anne (15) aus Bad Homburg tanzt seit fast einem Jahr mit. „In anderen Ländern gibt es Random Dance schon seit Jahren, und ich dachte immer wie cool, wenn es das auch in Frankfurt geben würde... Als ich die Gruppe auf Instagram entdeckt habe, war ich so glücklich. Ich habe hier auch viele Freunde gefunden.“

K-Pop in der Stadt
Das nächste Treffen am Frankfurter Goetheplatz findet am 14. September ab 14 Uhr statt. K-Pop steht für MusikKorean Pop. Jeder, der die K-Pop-Choreografien kann, ist eingeladen mitzutanzen. Das Tanzen ist kostenlos. Alle Infos auf Instagram: officialrpdffm.

Die Organisatorinnen, die die kostenlosen Treffen planen und Snacks für alle mitbringen sind Yoona Deuster, Ivana Jakobi, Melinda und Melissa Ndugwa, Saha Banai, Ceren Arslan und Lea Ho.

Einige Mitglieder der Gruppe sind auch Teil der professionellen Frankfurter K-Pop-Tanzgruppe Shapgang. Diese bietet deutschlandweit Workshops an. Am 26. Oktober wird es einen Tanzkurs in Wiesbaden geben. Ort und Datum werden bald auf der Instagramseite Shapgang bekanntgegeben. rose

Für die 13-jährige Lilli aus Gießen ist die Gruppe „wie Familie“. Auf die Frage, warum sie ausgerechnet Fans von K-Pop-Bands sind, sagt Anne: „Sie haben so einen besonderen Charme. Der zieht einfach an. Es ist ein Gefühl, das schwer zu beschreiben ist.“ Lilli betont, dass neben den bekannten „happy und tanzbaren“ K-Pop-Songs, es eben auch einige gebe, die sehr tiefgründig seien. „Ich habe Freunde, die Depressionen hatten und denen die Lieder sehr geholfen haben.“ Gerade die bekannteste K-Pop-Boyband BTS vermittele wichtige Botschaften. „‚Love Yourself‘ und ‚Speak yourself‘ sind für mich sehr wichtige Aussagen, denn sie geben mir Selbstbewusstsein. Und ich traue mich, auch meine Meinung zu sagen“, sagt Lilli. Und sie betont: „Bei K-Pop geht es eben nicht nur um die Choreos, die man lernt, sondern man lernt auch, Menschen zu verzeihen.“ Die Texte sind, abgesehen von manchen englischen Refrainzeilen, in koreanischer Sprache.

Anne sagt: „Ich lerne sogar koreanisch. Ich möchte auch unbedingt später mal in Südkorea studieren.“ Überhaupt, die meisten der Teilnehmer, die man fragt, lernen koreanisch. „Als unsere Schulleitung mitbekommen hat, dass K-Pop bei vielen von uns so angesagt ist, hat sie in die Wege geleitet, dass wir einen Koreanischkurs angeboten bekommen“, erzählt Alex. Der 16 Jahre alte Gymnasiast aus Bad Homburg lernt die Sprache aber nicht nur, weil er die Lieder verstehen will. „Die wenigsten Bandmitglieder sprechen Englisch, außer diejenigen, die in L.A. oder Australien aufgewachsen sind“, erklärt er. „Ich will auch ihre Posts auf Instagram verstehen.“ Bei der Frankfurter K-Pop-Tanzgruppe ist er über Freunde gelandet.

Alex liebt die Girlband Twice, seine gleichaltrige Tanzfreundin Klara Bär mag mehr die Boybands – vor allem BTS. „Bei Boybands sind die Tänze meistens etwas schwerer, weil die Schritte schneller sind“, sagt sie. Sie selbst hat mittlerweile sogar einen eigenen YouTube-Tanzkanal.

Ebenfalls dabei ist ihre Mutter. „Ich war erst mal sehr skeptisch, als meine Teenie-Tochter nach Frankfurt wollte, um da auf einem öffentlichen Platz zu tanzen“, sagt Katja Bär. Aber schnell war sie überzeugt: „Es herrscht einfach eine schöne Stimmung hier. Die Jugendlichen freuen sich aufeinander und tanzen miteinander ohne Vorbehalte.“ Und die Mutter betont: „Egal, ob jemand dick, dünn, groß oder klein ist, und egal wie gut jemand tanzt. Keiner wird ausgebuht, alle passen aufeinander auf.“

Das Ganze sei eben überhaupt nicht oberflächlich, und das sei selten heutzutage. Organisatorin Melissa sagt: „Weder die sexuelle Orientierung, die Hautfarbe oder die Religion spielt eine Rolle.“ Auch ein Mädchen mit Kopftuch tanzt an diesem Tag mit.

In der Pause tauschen einige Sammelkarten aus. Elina (15) aus Neustadt an der Weinstraße bietet den jungen Sänger „Bang Chan“ der Band Stray Kids zum Tausch an. „Die Sammelkarten bekommt man nur, wenn man die CDs kauft“, erzählt sie. Jae (15) aus Babenhausen sagt: „Jeder hat einen Liebling. Meiner ist Yeosang von der Band Ateez. Seine Art, seine Stimme...“

Nach Europa reisen die südkoreanischen Bands selten. „Aber dass sie so unerreichbar sind, macht sie auch so besonders“, sagt Klara Bär. Einmal hat sie BTS in Paris sehen dürfen. „In Berlin kosteten die Tickets über 300 Euro, in Paris haben wir 75 Euro gezahlt und es noch mit einer Reise verbunden“, berichtet ihre Mutter. Klara ist froh, ihren Liebling Suga gesehen zu haben. „Die Jungs müssen ja irgendwann zur Armee, und sind dann erst mal weg.“

Ihr Kumpel Alex sagt: „In L.A. und Seoul sind schon Bandmitglieder beim Random Dance aufgetaucht und haben spontan mit ihren Fans getanzt.“ Und was würden sie tun, wenn ihre K-Pop-Idole auf dem Goetheplatz auftauchten? Alex und Klara sind sich sofort einig. Beide sagen ziemlich gleichzeitig: „Erst würden wir vor Freude heulen und dann natürlich mit ihnen tanzen.“

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