Michael Grote

"Wir sind deutlich besser gewappnet"

Wissenschaftler Michael Grote spricht mit der FR über die Folgen der globalen Finanzkrise und das Image des Bankensektors.

Michael H. Grote (48) ist Professor für Corporate Finance an der Frankfurt School of Finance & Management. Er beschäftigt sich mit Unternehmensfinanzierung und Kapitalmärkten und ist gleichzeitig Vizepräsident für akademische Angelegenheiten an seiner Hochschule.

Herr Grote, vor zehn Jahren ist die US-Bank Lehman Brothers pleitegegangen, es entstand eine globale Finanzkrise. Wie steht Frankfurt als Bankenstadt zehn Jahre nach dem Crash da?
Wenn wir uns die Beschäftigung im Finanzsektor angucken, hat Frankfurt zwischen 2007 und 2017 trotz der großen Finanzkrise sogar leicht zugelegt. In Bezug auf die Arbeitsplätze hat Frankfurt also keinen großen Schaden genommen, wie übrigens fast alle Finanzplätze auf der Welt. Die Beschäftigung ist jetzt aber anders verteilt: Wir haben weniger Leute, die in den Banken arbeiten, und mehr, die bei der Aufsicht arbeiten oder bei Wirtschaftsprüfern.

Nach der Krise hieß es, Banken müssten stärker reguliert werden. Kritiker sagen, in dem Bereich sei zu wenig passiert. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Die Regulierung ist schon ein großes Stück in die richtige Richtung gegangen. Wir haben deutlich höhere Eigenkapitalanforderungen an die Banken, sie müssen also einen viel größeren Puffer einkalkulieren. Wir haben Liquiditätsanforderungen, so dass ein schnelles Austrocknen von Krediten, wie wir es in der Finanzkrise gesehen haben, die Banken nicht mehr so hart trifft. Einige Praktiken sind auch schlicht verboten worden. Aber das System wäre noch sichererer, wenn wir den Banken noch mehr Eigenkapital vorschreiben würden.

Die beiden wichtigsten Banken in Frankfurt, die Deutsche Bank und die Commerzbank, sind in der Krise ins Schlingern geraten, die Commerzbank musste teilverstaatlicht werden. Wie stehen die beiden Bankhäuser jetzt da?
Das muss man aus zwei Blickwinkeln anschauen. Erstens: Sind die Banken in irgendeiner Weise gefährdet? Nein, das sind sie nicht. Die Frage, ob die Banken überleben, stellt sich überhaupt nicht mehr. Aber wenn man zweitens fragt, wie viel Freude beide Banken ihren Aktionären machen, da gibt es sicherlich ein Problem. Die Banken sind wenig profitabel. Das hat mit der höheren Regulierung zu tun, aber auch mit einer allgemein starken Konkurrenz.

Kurz nach der Krise wurde oft die Frage aufgeworfen, ob das Finanzsystem grundlegend reformiert werden müsse. Mittlerweile hat man den Eindruck, dass der Reformwille verschwunden ist. Wie sehen Sie das?
Die großen Würfe, die man mal diskutiert hat, etwa eine Größenbeschränkung für Banken einzuführen, damit es nie wieder zu diesem „Too big to fail“ kommen kann, sind vollkommen aus der Debatte verschwunden. Heute geht die Tendenz sogar eher wieder in die andere Richtung. Das wundert schon ein bisschen, und da stimme ich Ihrer Analyse zu, dass man einige Debatten schon wieder vergessen hat. Die Bedrohung wird nicht mehr als allzu groß wahrgenommen, wobei das durch die stärkere Regulierung ja auch stimmt.

In Frankfurt hat es jahrelang Proteste gegeben, erst durch die Occupy-Bewegung und dann vom Blockupy-Bündnis, die beide den Finanzsektor scharf kritisiert haben. Hat das Image der Branche durch die Krise nachhaltig Schaden genommen?
Ich glaube, das fängt langsam an, sich wieder etwas zu normalisieren. Natürlich hat das Image dramatisch Schaden genommen in der Krise. Das ist aber auch schon immer ein bisschen ungerechtfertigt gewesen, weil vermutlich 98 Prozent der Banker eine ganz normale Tätigkeit haben, wenn auch eine gut bezahlte. Die spekulieren nicht, sondern geben dem Häuslebauer oder kleineren Unternehmen Kredite. Aktuell ist die Skepsis gegenüber der Branche auf ein normales Maß zurückgegangen. Ein bisschen ironisch fand ich, dass gerade Blockupy sich auch gegen die EZB gerichtet hat, die in der Krise der große Rettungsanker war. Hätten wir die EZB nicht gehabt, hätte das alles noch viel schlimmer enden können. Diese Art von Protest habe ich nie verstanden.

Wie schätzen Sie aktuell die Stabilität des Finanzsystems ein. Droht ein neuer Crash?
Ich denke schon, dass wir die Gefahr von Finanzkrisen nicht auf null reduziert haben. Das Risiko ist nach wie vor da. Mögliche Ursachen könnten aktuell etwa die italienische Staatsverschuldung, Währungskrisen in der Türkei und Argentinien oder große, konzertierte Hackerangriffe sein. Aber wir sind deutlich besser gewappnet, die Banken haben höhere Risikopuffer. Insofern ist die Gefahr kleiner geworden.

Interview: Hanning Voigts

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare