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Der an Parkinson erkrankte Künstler Jörgen Bruchhäuser malt Acrylbilder der Frankfurter Skyline

Kunst

Mit ruhiger Hand

Seine Parkinson-Erkrankung war ein Schock, dann brachte sie Jörgen Bruchhäuser zur Skyline-Malerei. Jetzt stellt er seine Bilder aus.

Von Felix Helbig

Das Zittern schleicht sich so ein, die Ärzte nennen es einen Ruhetremor, aber was hilft es, wenn man weiß, wie es heißt. Jörgen Bruchhäuser sitzt im Esszimmer am Tisch, das Zittern fängt nicht an und hört nicht auf, er kann von Kopenhagen erzählen, er kann von der Arbeit auf der Werft erzählen, mit seinem sanften dänischen Akzent, kann sich ganz ruhig zurücklehnen, das Zittern ist einfach immer da. Als sitze er herum und liefe innerlich doch dauernd mit Höchstgeschwindigkeit. Manchmal überträgt sich die Vibration auf die Tischplatte. Dann greift eine Hand nach der anderen.

Es sollte nie wieder aufhören, auch das haben die Ärzte gesagt. Dann hat Jörgen Bruchhäuser zu malen begonnen.

Bruchhäuser, 68, bekam vor ein paar Jahren diese Diagnose, die er mit zweihunderttausend Menschen allein in Deutschland teilt: Parkinson. Der Schauspieler Ottfried Fischer hat es, der Boxer Muhammad Ali, der Sänger Peter Hofmann, der ehemalige Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel. „Das Gehirn schmerzt, es ist dumpf, befangen, wie von Nebeln umhüllt, und von Schwindel durchzogen. Ein unbestimmter Schmerz sitzt in allen Gliedern.“ So beschrieb es Thomas Mann vor hundert Jahren in den „Buddenbrooks“. Da dachte er noch, es sei Typhus. Heute kennt man den Namen der Krankheit. Heilbar ist sie trotzdem nicht.

Aber es gibt Mittel, die helfen. Es sind zumeist Dopamin-Präparate, die verhindern sollen, das mehr und mehr Nervenzellen im Gehirn degenerieren. Die Patienten müssen darauf immer wieder neu eingestellt werden, je weiter die Krankheit fortschreitet. Und es gibt Therapien, die wie die Medikamente zwar nicht ursächlich das Symptom behandeln, aber doch Linderung verschaffen können. Jörgen Bruchhäuser ist vor drei Jahren in eine Klinik in Bad-Schwalbach gefahren, er sollte wieder einmal neu eingestellt werden. An das, was ihm seither am meisten hilft, wäre er damals beinahe nicht herangekommen. „Es gab einen Malkurs in der Klinik, aber der war schon voll“, erinnert sich Bruchhäuser. „Erst ein paar Tage vor der Heimreise konnte ich den Kursleiter überreden, mir Block und Farben mit aufs Zimmer zu geben.“ Dort, zwischen Bett und Schrank und Fenster, malte er sein erstes Bild, eine Landschaftsansicht in Acryl: „Sturm über der Nordsee“. Künstlerisch noch kein ganz großer Wurf. Aber mit ruhiger Hand.

Er sei Maler, sagt er, dass er Parkinson habe, damit gehe er nicht hausieren

Die hat ihn früher immer ausgezeichnet. Bruchhäuser, 1942 in Kopenhagen geboren, hat als Fertigungsingenieur in einer Werft gearbeitet, sie waren dort damals die ersten, die Schiffe in Sektionen bauten, nachdem er nachgewiesen hatte, dass das effizienter war als die konventionelle Bauweise. Später in Deutschland, wohin er 1968 gezogen ist, arbeitete er als Informatiker, gab Computer-Kurse an der Volkshochschule in Neu-Isenburg. Dort lernte er seine Frau Doro kennen, auch das mit eher ruhiger Hand, jedenfalls habe sie lange buhlen müssen, bis er sich endlich mal aus der Reserve locken ließ, sagt sie. Heute leben sie zusammen. Sie mit ihm. Er mit ihr. Und dem Syndrom.

Parkinson heißt auch Schüttellähmung, und die Wissenschaft weiß alles Mögliche darüber: dass sich der Schauplatz in den Basalganglien des Gehirns befindet; dass dort Nervenzellen absterben und die Drüse, die den Neurotransmitter Dopamin produziert; dass ohne dessen Befehle die Fein- und Grobmotorik des Körpers gestört wird; dass man mit dem Fortschreiten der Krankheit immer mehr versteift. Parkinson ist deshalb besonders heimtückisch, weil man die Krankheit erst bemerkt, wenn die Drüse schon zu zwei Dritteln zersetzt ist.

Jörgen Bruchhäuser spricht nicht von selbst über all das, er sagte nicht andauernd „Tremor“ und „Rigor“, er hat sich dieses Krankheitssprech gar nicht erst angewöhnt. Er sei Maler, sagt er, dass er Parkinson habe, damit gehe er nicht hausieren, das merkten die Menschen schon von selbst. Dann könnten sie ihn gerne darauf ansprechen. Meistens fragen sie dann, wie das geht. Mit dem Zittern in den Händen. Den feinen Details auf seinen Bildern.

Es geht. Manchmal sei das wie ein Schalter im Hirn, der umgelegt werde, sagt Bruchhäuser, die Konzentration aufs Bild lasse das Zittern verschwinden. „Es beruhigt mich, auch dauerhaft. Wenn ich male, dann tauche ich teilweise komplett ab“, sagt er. Er werde dann obsessiv, höre erst wieder auf, wenn ein Bild fertig sei, wie im Rausch. Er hat sich das alles selbst beigebracht, autodidaktisch wie damals am Computer, anfangs entstehen so Landschaften, Perspektiven, dann bekommt seine Frau, „was sie sich immer gewünscht hat“: ein Haus in der Toskana, auf Leinwand. Und dann bekommt sein Sohn Florian, wonach er in Frankfurts Geschäften lange vergeblich gesucht hat: eine große Skyline, auf Leinwand.

klare geometrische Formen

Es sind an die 50 geworden inzwischen, ganze Panoramen vom Deutschherrnufer aus, Details einzelner Türme, der Dom, die Ignatz-Bubis-Brücke, die Commerzbank. Die klaren geometrischen Formen haben es Bruchhäuser angetan, die Freiheit, alle Farben und Perspektiven verändern zu können. Er steht nicht mit der Staffelei am Mainufer und malt ab, er steht im Wohnzimmer und malt die Skyline aus dem Kopf. „Ich kann mir das ganz gut merken“, sagt er. Informatiker halt.

Eine der größten Ansichten hängt längst bei Sohn Florian im Wohnzimmer, von den übrigen hat er gerade eine Auswahl zusammengestellt, die bis September in einer Ausstellung in der Stadtbibliothek Neu-Isenburg zu sehen ist. Im Flyer dazu ist von Parkinson keine Rede. Und wer auf das Titelbild schaut, denkt eher an Friedensreich Hundertwasser als an das Zittern in den Händen von Jörgen Bruchhäuser.

„Ich versuche, ein bisschen Leben in die kalten Türme zu kriegen“, sagt er. Also lässt er neben all den grauen Wolkenkratzern den Dom leuchten, malt Hunderte Fenster der Commerzbank in verschiedenen Farben, gibt der Stadt eine völlig neue Linie. Würde sie wirklich so aussehen, ginge es den Menschen in ihr bestimmt besser. Aber darum geht es nicht. Es geht Jörgen Bruchhäuser besser, seit er sie malt.

Vor einiger Zeit hat er dann doch noch einmal einen Malkurs in der Volkshochschule besucht, kann ja nicht schaden, habe er gedacht. War dann aber eher nichts. „Die haben stundenlang Wolken gemalt. Wolken konnte ich schon.“ Er ist bei seiner Skyline geblieben.

Und ihr ein Stück näher gekommen. Mit seiner Frau hat er gerade das Dachgeschoss ihres Hauses in Neu-Isenburg ausgebaut. Von dort oben reicht der Blick weit über den Wald. Bis auf die Häuser der Stadt.

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