+
"Grüne Oase inmitten einer Industriebrache", sagt der Geschäftsführer der Kühl KG: Als Arbeitsort ist das Ökohaus begehrt und beliebt.

Ökohaus in Frankfurt

25 Jahre Ökohaus

Das Frankfurter Ökohaus feiert heute sein 25-jähriges Bestehen. Das Gebäude ist ein Unikum.

Von Simon Berninger

„Wie im Palmengarten“, hört Gerd Heinemann die Besucher im Frankfurter „Ökohaus Arche“ mitunter sagen, wenn sie zum ersten Mal den kurzen Brückensteg über dem Karpfenteich passiert und das gläserne Treppenhaus voller Pflanzen erreicht haben. Der Geschäftsführer der Kühl KG, Eigentümerin des Ökohauses, gehört – wie drei der Kois – zu den Urgesteinen des schillernden Gebäudes am Westbahnhof.

Der Vergleich mit dem Palmengarten lässt den 70-Jährigen kalt, immerhin hat sich das Ökohaus nach 25 Jahren seines Bestehens als   eigene Lokalmarke etabliert. In Frankfurt suche das Ökohaus ohnehin schon deshalb seinesgleichen, weil sich hinter dem pflanzenbewachsenen Vorbau mit dem künstlich angelegten Bachlauf 40 Geschäftsparteien verbergen: unter anderem eine Reihe von Sozialvereinen, Rechtsanwälten oder Arztpraxen, die keinen regen Kaufhausbetrieb entstehen lässt. Selbst wer in das dazugehörige Lokal „Arche Nova“ möchte, das viele nur als „Restaurant im Ökohaus“ kennen, muss gar nicht erst ins eigentliche Ökohaus hinein.

Anders als beim Vergleich mit dem Palmengarten, wendet sich Heinemann aber entschieden gegen die „linke Ecke“, in die das Ökohaus zuweilen gestellt wird. „Wir sind kein linkes Projekt“, sagt Heinemann mit Nachdruck. Der Ruf kommt freilich nicht von ungefähr, immerhin kamen die Gründungsväter wie Heinemann aus der berüchtigten „ML147“, der einstigen Zentrale des Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW) in der Mainzer Landstraße 147.

Dort hatte die umliegende Commerzbank das KBW-Domizil baulich bis aufs Letzte eingeschlossen, so dass sich Heinemann und Co Ende der 1980er Jahre „mehr und mehr unter Druck gesetzt fühlten, eine neue Bleibe zu suchen“, erinnert sich der Geschäftsführer, der schon damals zur Kühl KG in der „ML147“ gehörte. „Natürlich waren wir links, aber längst vor dem Auszug nicht mehr politisch.“ Der kommunistische Kampfgeist war also schon lange verflogen, bis auch die geläuterten Linken wichen: 1988 übergaben sie ihr „ML147“-Grundstück im Tausch mit dem Standort des Ökohauses in Bockenheim, damals ein altes Schrottplatzgelände.

Der Kern des heutigen Geschäftsgebäudes ist wieder baulich eingeschlossen, statt von einem expandierenden Bankgebäude aber von drei Glashäusern voller Grün: Efeu klettert die Wände hoch und runter, im obersten Stock lechzt eine Bougainvillea nach Licht, auf den Dachterrassen, die zu den vermieteten Geschäftsbereichen gehören und 50 Prozent der Überdachung ausmachen, reifen die letzten Tomaten in der Septembersonne, die für die benachbarten Melonenstöcke schon zu schwach ist. Arbeiten mit Balkoniengarantie – für Jürgen Acosta macht das den besonderen Charme seines Arbeitsplatzes aus. Der 54-Jährige ist Buchhändler beim Gesundheitsmagazin „Dr. med. Mabuse“, mit elf weiteren Gewerben Ökohaus-Mieter der ersten Stunde. „Zur Arbeit zu gehen fühlt sich an, wie in den Urlaub zu gehen“, sagt Acosta, ob nun in den Redaktionsräumen oder auf einer der Dachterrassen.

Im Sommer gehöre zu dem Urlaubseindruck allerdings auch die gefühlt tropische Hitze, die sich dann wegen der Glasvorbauten in den oberen Stockwerken ansammele. „An heißen Tagen könnte man nackig zur Arbeit kommen“, so Acosta, der sich im fünften von sechs Stockwerken dafür im Winter über wohlige 25 Grad freut. Weniger erfreulich findet er, dass der Blick aus seinem Bürofenster gen Osten mit einem großen Studentenwohnheim zugebaut wurde. „Früher konnte man bis zur S-Bahn-Station gucken.“

Deutlich hörbar sind die Bahnen freilich immer noch, wenn sie im Minutentakt am Ökohaus vorbeirauschen. Die nahegelegene S-Bahn-Station ist einer der Gründe, warum Gerd Heinemann das Ökohaus eine „grüne Oase inmitten einer Industriebrache“ nennt. Gegen diesen Eindruck helfe Heinemann zufolge auch der angrenzende Von-Bernus-Park mehr schlecht als recht: Die Stadt kümmere sich zu wenig um die Parkanlage; so wenig, dass Heinemann sogar schon – erfolglos – angeboten hatte, dessen Hege und Pflege zu übernehmen. Gärtnern würde man ja schließlich ohnehin schon in den eigenen vier Wänden und zwar alles ohne Fachleute.

Nur zwei Mal im Jahr kommt ein Gärtner

Nur zwei Mal im Jahr kommt ein Gärtner ins Ökohaus, um gegen Ungeziefer zu spritzen, und schon das passt Heinemann – dem einstigen Linken – eigentlich so gar nicht in den Kram. Ansonsten mache man wirklich alles „avanti dilettanti“, versichert er, ohne damit aber auf den Praktikanten Lukas Gräber anspielen zu wollen. Der 23-Jährige, der gerade, mit Wasserschlauch bewaffnet, den Klebsamen im hinteren Glashaus bewässert, schätzt seinen Praktikumsort, weil es eben „kein 0-8-15-Arbeitsplatz“ sei. Außerdem weiß der gebürtige Preungesheimer, der heute eigentlich in Freiburg studiert, noch von früher, dass das Ökohaus ein bisschen wie „das grüne Freiburg im Kleinen“ sei: Seine Mutter arbeitete schon in seinen Kinderjahren beim „Forschungsinstitut für biologischen Landbau“ (FiBL), einer der Mieter im Ökohaus. Als Angestellte im Ökohaus kam sie 1995 in den Genuss, einen bevorzugten Kindergartenplatz nebenan zu bekommen, mit dem das Ökohaus eine privilegierte Vereinbarung für alle Angestellten getroffen hat.

Das Ökohaus will also nicht nur natur-, sondern auch sozialverträglich sein. Deshalb hat Heinemann im letzten Jahr auch nicht auf einen Immobilienmakler gehört, der ihm getrost zu einer Mietpreiserhöhung geraten hatte: Im Vergleich zu den ansteigenden Mieten sind die 14 Euro, die die die Kühl KG pro Quadratmeter von ihren Mietern nimmt, jedenfalls luftig unter dem städtischen Durchschnitt von 16,50 Euro pro Quadratmeter, wie sie die IHK Frankfurt in ihrem aktuellen Gewerbemarktbericht berechnet hat. „Das ist nicht unser Ding, zu sagen, wir müssen immer hart am Ball bleiben“, sagt Heinemann und kann sich deshalb vor gewerblichen Mietinteressenten gar nicht retten. Seit das Ökohaus eröffnet hat, führt die Kühl KG eine Warteliste. „Das geht hier aber nicht nach dem Windhundprinzip“, so Heinemann, der im Falle einer frei werdenden Partie jedes mal aufs Neue überlegt, welcher Miet-Interessent ins bestehende Gesamtgepräge passt. „Dafür gibt es keine Auswahlkriterien, es muss auch keiner auf drei Buchstaben schwören“, womit Heinemann sowohl „bio“ als auch „öko“ meint.

Aus irgendeinem Grund passten die beiden Prädikate aber stets zu jedem einzelnen der Betriebe, die sich für einen der raren Gewerberäume interessierten. Ob auch das dem Ruf des Ökohauses geschuldet sei? „Ganz offensichtlich“, sagt Heinemann und sieht an der Stelle keine Veranlassung zu einer Korrektur.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare