1. Startseite
  2. Frankfurt

Comics auf der Frankfurter Buchmesse: Viel mehr als nur bunte Bilder

Erstellt:

Von: Steven Micksch

Kommentare

Zeichner Flix signiert seinen Comic „Das Humboldt-Tier – Ein Marsupilami-Abenteuer“.
Zeichner Flix signiert seinen Comic „Das Humboldt-Tier – Ein Marsupilami-Abenteuer“. © Renate Hoyer

Comics richten sich längst auch an Ältere und erzählen mitunter ernste Geschichten. Auf der Frankfurter Buchmesse wird aber auch deutlich, dass sich selbst Bücher für Kinder nicht mehr vor ernsten Themen drücken.

Wer beim Wort Comic noch an Mickey Mouse, Spiderman, Batman oder gar Asterix denkt, ist zwar auf der richtigen Spur, überblickt den Comicmarkt aber nicht in seiner Gänze. Längst haben das Genre Graphic Novel und erwachsene Themen Einzug in diesen Bereich gehalten. Das Manga-Genre ergänzt den Markt um eine weitere Dimension, deren Wachstums- und Umsatzzahlen in Deutschland Jahr um Jahr Rekorde brechen. Doch warum ist der Comicbereich so beliebt und gewinnt eine immer größere Leserschaft?

Claudia Jerusalem-Groenewald ist beim Carlsen-Verlag Pressesprecherin im Bereich Comic und Manga. Sie kennt die Kraft, die Comicbilder in Kombination mit dem geschriebenen Wort entwickeln können. Oftmals mehr als das Geschriebene allein. Längst wollen Comics nicht mehr nur unterhalten, sondern die Werke transportieren relevante Botschaften und widmen sich ernsten Themen. So ist im Carlsen-Verlag „Milch ohne Honig“ erschienen, das sich mit dem Bienensterben und dem Anteil der Menschen daran beschäftigt. Dieses Genre der Sachcomics ist ein Trend, den der Verlag entdeckt hat.

Ein anderer Trend ist die Comicbiografie. Biografische Geschichten über Nick Cave, David Bowie, Johnny Cash, Beethoven oder jüngst über den Komponisten Karlheinz Stockhausen böten die Chance, auch die Musik in Bilder zu überführen. „Es gelingt eine einmalige Verschmelzung von Wort und Bild“, sagt Jerusalem-Groenewald.

Doch auch jenseits der Kunst gelingt dies. Die Graphic Novel über die Geschichte des Boxers Hertzko Haft, der im Konzentrationslager Auschwitz zur Belustigung der SS-Offiziere boxen musste und überlebte, wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Comiczeichner Reinhard Kleist tauschte sich dafür lange mit dem Sohn des Boxers aus. Zwar sind solche Comicgeschichten nichts für Kinder, aber für Jugendliche könnten dadurch schwierige Themen leichter zugänglich werden. Das Zielpublikum für Comics sei aber eher männlich und älter, berichtet Jerusalem-Groenewald.

Das Gegenteil stellen die Mangas da – hier sind es eher jüngere Leserinnen. Manga bedeutet im Japanischen „Comic“. Bei uns bezeichnet der Begriff also Comics, die aus Japan stammen oder die sich am japanischen Stil orientieren. Am auffälligsten ist sicherlich die Leseart: Ein Manga wird von rechts nach links, also sozusagen von hinten nach vorn gelesen.

Carlsen veröffentlicht seit 31 Jahren Mangas, in den vergangenen Jahren ist das Interesse stark gestiegen. „Der Markt boomt total“, sagt die Pressesprecherin. Das liegt sicherlich an den guten Geschichten, aber auch an der zunehmenden Verbreitung von Animes, also japanischen Zeichentrickserien.

Diese basieren häufig auf Mangas. Durch die Präsenz der Animes bei Streaminganbietern wie Netflix, Amazon & Co. werden sie einem größeren Publikum bekannt, das dann auch gern den Comic lesen möchte. Carlsen setzt dabei auf Lizenzen aus Japan, etwa für Dragon Ball, Naruto oder One Piece. Doch auch Eigenproduktionen des Verlags, wie Dominik Jells „Mortalis“, finden den Weg zum Markt.

Jerusalem-Groenewald ärgert es, dass die Bereiche Comic und Manga häufig nicht ernst genommen würden. „Aber sie schaffen eine Affinität zum Medium Buch, bringen neue Leserinnen und Leser in den Markt und sorgen auch für Leseförderung.“ Es gibt auch positive Beispiele, die auf den Bedarf reagieren. So bieten Bibliotheken Manga-Workshops für das junge Publikum an, oder Lehrkräfte fragen beim Verlag nach Materialien für bestimmte Mangas, die sie im Unterricht nutzen wollen.

Michael Groenewald vom Kibitz-Verlag aus Hamburg ist spezialisiert auf Kindercomics, die ebenfalls ein Trend sind. Wie der Name verrät, richten sich die Geschichten an ein jüngeres Publikum, meist Leseanfänger:innen. „Sie sind ein wichtiges Medium, um die Kinder an Bücher heranzuführen“, sagt auch Groenewald. Im Sortiment gebe es Geschichten, die der reinen Unterhaltung dienten, aber eben vermehrt auch Comics mit ernsten Themen.

Beispielhaft stehe dafür „Trip mit Tropf“, bei dem ein an Krebs erkranktes Häschen einen Roadtrip mit einem Wolf erlebt. Das Hauptaugenmerk der Autorin Josephine Mark lag dabei auf dem Wolf, der die Person symbolisiert, die der erkrankten zur Seite steht und sich erst in diese schwere Rolle einfinden muss. „Das Buch klingt traurig, ist aber unglaublich lustig.“ Die Krankheit agiere auf einer Subebene.

Beim Buch „Boris, Babette und lauter Skelette“ geht es um Identitätssuche. Das Haustier Babette lässt sich keiner bekannten Tierart zuordnen und fühlt sich, als ob es keinen Platz in der Welt hätte. Erst bei Boris’ Opa, der vor Jahren aus Afrika nach Deutschland kam, trifft es auf Verständnis für das Gefühl des Sich-fremd-Fühlens.

Diversität sei bei den Büchern ein natürlicher Fluss. Eine Heldin ist Schwarz, die Mutter einer Schulkameradin stammt aus Indien, ein Igel sitzt im Rollstuhl und nimmt am Abenteuer teil.

Groenewald hat das Glück, dass seine Autoren und Autorinnen selbst diese Diversität einflechten oder, wie er es ausdrückt, „die Normalität des Abbilds der Welt zeigen“.

Auch interessant

Kommentare