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Comedienne Parshad Esmaeili startet 2021 so richtig durch.
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Comedienne Parshad Esmaeili startet 2021 so richtig durch.

Porträt der Woche

Comedienne Parshad Esmaeili: „Ich möchte Comedy machen, wo die Ethnie keine Rolle spielt“

  • Kathrin Rosendorff
    VonKathrin Rosendorff
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Parshad Esmaeili gewann für ihre Comedy bereits den Deutschen Radiopreis. Auf TikTok folgen ihr über eine halbe Millionen Menschen. Die 23-Jährige will nun mit ihrem Stand-Up-Programm auch die Ü-50 Menschen erreichen. Gerade ist zudem ihr sehr persönlicher Podcast „Frühlife Crisis“ gestartet.

Ich bin alles, was meine Mutter nicht wollte, weil ich keine ruhige Lady bin. Sie ist das Gegenteil von mir, und sie versteht oft meine Späße nicht “, erzählt Parshad Esmaeili und lacht. Bereits im Kindergarten habe sie angefangen, Leute zu entertainen. „Ich mache das nicht, weil ich Aufmerksamkeit will, es ist mein Charakter.“ Sie selbst bezeichnet sich nicht als Comedienne, sondern sie will mehr sein: Entertainerin. Und 2021 scheint ihr Jahr zu werden.

Vor kurzem hatte die 23-Jährige erst einen Auftritt bei Jan Böhmermanns Latenightshow ZDF Magazin Royale. Dort präsentierte sie das Äquivalent zur Merkel-Raute: Das Laschet L: „Armin konzentrier dich. Hier ist dein Move des Jahres. Your time to shine. Mit dem Laschet L.“

Es ist ein sehr windiger Tag, als Esmaeili sich mit lila Strickjacke auf den Stuhl im Hof des Filmstudios unweit des Rumpenheimer Schlosses setzt. Seit wenigen Tagen ist ihr Podcast „Frühlife Crisis“ und das Youtube-Comedy-Format „Was war das für ein Date?“, in dem sie Zuschriften von Fans über lustig-absurde Dates nachspielt, online. Und zwar beide bei Funk, dem Gemeinschafts-Online-Netzwerk von ARD und ZDF. Weitere Comedy-Formate bei Funk sind für die nächsten Wochen geplant. Ihre Texte schreibt sie selbst, hinter ihr steht zudem ein mehrköpfiges Team für die Bereiche Kamera, Ton, Schnitt, Produktion und Management.

Stand-up-Comedy-Special in der ZDF Mediathek

Vergangenen Herbst gewann sie bereits für ihre Date-Ratgeber-Comedy „Frag Parshi“ den Deutschen Radiopreis im Bereich Comedy. Aber stehen bleiben sei nicht ihr Ding, das Format bei Planet Radio ist Vergangenheit. „Ich habe in den vergangenen anderthalb Jahren Comedy gemacht, und es ging nie um mich. Ich wollte, dass die Comedy redet, bevor ich rede.“ Jetzt aber sei sie so weit, Geschichten über ihr Leben zu erzählen. Im Rumpenheimer Studio, in dem auch viele Videos von bekannten deutschen Rappern produziert werden, hat Esmaeili gerade ihr erstes Stand-up-Comedy-Special in der Reihe Comediennes für die ZDF-Mediathek geschnitten. Aufgezeichnet wurde es mit einem Publikum unter Corona-Auflagen in Berlin. Die Tickets für ihre Live-Tour FML (Fuck my Life) waren im Herbst sofort ausverkauft.

Ein Jahr habe sie an ihrem Stand-up gesessen. „Ich wollte auf gar keinen Fall Ethno-Comedy machen.“ Sie betont: „Ich persönlich habe nichts gegen Ethno-Comedy, aber ich kann mich einfach nicht damit identifizieren. Ich möchte nicht, dass auf meine Ethnie oder meine Mutter gezeigt wird, und Leute sagen: „Hahaha“. Ich möchte eine Art Comedy machen, wo die Ethnie und der Migrationshintergrund keine Rolle spielen.“

Die 23-Jährige erzählt auf der Bühne über ihre Frühlife Crisis

Ihr Thema auf der Bühne ist wie der Name ihres Podcasts „Frühlife Crisis“. „Frühlife Crisis bedeutet: Ich bin zwischen 20 und 30. Ich bin irgendwie noch ein Kind, irgendwie jugendlich, aber auch auf dem Weg erwachsen zu werden, aber wenn was schief läuft, holt man sich noch den Rat von den Eltern.“ Und: „Es ist eine Welt, mit der sich viele identifizieren können.“ Sie selbst pendelt zwischen der Wohnung ihrer Mutter in Groß-Zimmern (Darmstadt-Dieburg) und der Offenbacher Wohnung in der Nähe der Filmstudios, dem Sitz ihrer Agentur. Auf der Bühne erzählt sie Geschichten wie das erste Mal die Mutter anzulügen: „Ich war heimlich mit dem Auto meiner Mutter mit Freunden nach Amsterdam gefahren. Und die Lüge flog auf, weil eine Bekannte meiner Mutter zufällig auch in Amsterdam im gleichen Parkhaus war und das Auto meiner Mutter erkannte.“

Ihr Einstieg in die Comedy-Welt beginnt vor zwei Jahren. „Meinen ersten Stand-up-Auftritt hatte ich in Frankfurt in einem Raum über dem Berger Kino vor fünf Leute. Drei davon waren meine Freunde“, sagt sie und lacht. Da überlegte sie, wie sie mehr Leute erreichen könnte, die ihren Humor feiern. Sie fängt an mit Videos auf Social Media. Innerhalb von wenigen Monaten wird sie sehr schnell, sehr bekannt bei der jungen Generation. Knapp 580.000 Menschen folgen ihr mittlerweile auf TikTok. Sogar Comedienne Enissa Amani teilt ein Video von ihr. Es kommt zu einem persönlichen Treffen – und Amani nimmt sie vor einem Jahr unter Vertrag.

„TikTok-Comedy ist schnelle Comedy, also man hat mittlerweile teilweise nur 30 Sekunden Zeit für einen Gag. Ich bin ein Fan von schneller Comedy, aber ich liebe auch Stand-up. Mein größter Traum ist eine eigene Latenight-Show zu haben, die sich ein 15-jähriger TikTok-Fan zusammen mit seinem 55-jährigen Opa anschaut.“

Parshad Esmaeili zum Anschauen und Hören

ZDF Comedy Special: https://www.zdf.de/comedy/stand-up-comedy-specials/parshad-100.html

„Parshad“ auf YouTube: https://youtube.com/channel/UC1SiZtRQ4_9yZKu-fMb3Otg/featured

„Parshad“ auf Spotify: https://open.spotify.com/show/0OwVgUsgpScsUpRaFN02q4

Und auf TikTok: https://www.tiktok.com/@parshad.tiktok?

Mit ihrer Mutter habe sie ein sehr enges Verhältnis. „In der Welt von meiner Mama ist es aber total unüblich, dass eine junge Frau auf die Bühne geht und offen über die Sachen, die ihr im Kopf abgehen, spricht. Sie ist keineswegs altmodisch und hat mich auch nicht streng erzogen. Sie ist auch Künstlerin, sie zeichnet. Aber sie hat einen ganz anderen Weg für mich gesehen, so wie ich selbst.“ Esmaeili sagt: „Ich dachte, meine Bestimmung ist es, Politikerin zu sein. Darauf habe ich viele Jahre hingearbeitet.“

1997 wird Esmaeili in Darmstadt geboren und wächst in Groß-Zimmern auf. Mit 16 bekommt sie ein Stipendium bei der Start-Stiftung, ein Programm für engagierte Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund. Mit 18 steht sie dann als Teil des Programms bei einem bunten Abend als Moderatorin auf der Bühne. „Da hat mein Mentor, ein Ex-Chef der Deutschen Bank, mir eines der besten Geschenke meines Lebens gemacht: Er sagte: ‚Du, Parshad du entertainst gerne, kann das sein? Wieso machst du das nicht zu deinem Beruf?‘“ Doch sie hadert. „Ich wusste nicht wie ich es meiner Mutter erklären sollte.“

Studium, Stand-up, Tik-Tok-Videos, Radio bis sie mit Burnout im Krankenhaus landet

In Mainz fängt sie deswegen an Politikwissenschaften und Publizistik zu studieren und beginnt parallel mit Comedy. „Ein Jahr habe ich das durchgezogen. Mit 21 hatte ich aber einen Burnout. Ich kam ins Krankenhaus. Ich saß im Rollstuhl und konnte mich nicht bewegen: Ich hatte vier Dinge gleichzeitig am Laufen: Studium, ich habe heimlich Stand-up gemacht, ohne etwas meiner Familie zu sagen, Videos gedreht und bei Planet Radio gearbeitet.“ Die Neurologin im Krankenhaus habe gesagt: „Dein Stresszentrum ist komplett rot angelaufen. Schmeiß das weg, was dich am unglücklichsten macht.“ 2019 habe sie dann die Uni auf Eis gelegt. Kurz habe sie nochmal probiert zu studieren, dies-mal Online-Journalismus in Dieburg. „Ich wollte es meinem Gewissen und meiner Mutter recht machen.“ Aber das Studium sei wenig kreativ gewesen und wegen der Anwesenheitspflicht, verpasste sie die Möglichkeit im Vorprogramm von Enissa Amani vor 4000 Menschen aufzutreten. „Diese Sache kann ich mir bis heute nicht verzeihen.“

Esmaeili betont, sie wolle nicht nur entertainen, sondern auch sozialkritisch sein. „Ich erzähle auf der Bühne eine Story, wo es um meine Kupferkette als Verhütungsmethode geht. Mein Freund sagte nach der Show: ‚Ich dachte du redest über etwas intellektuellere Themen.‘ Ich sagte ihm: ‚Warum rede ich von der hormonfreien Verhütungs-Alternative? Weil ich will, dass Frauen von der Pille wegkommen. Ich habe damals die Pille bekommen als wären es Smarties. Ganz ohne Aufklärung wie gefährlich die Nebenwirkungen sein können.‘“

„ Ich darf doch als junge Frau auf der Bühne sagen, dass ich es liebe zu bumsen, oder nicht?“

In ihrem Stand-up-Programm erzählt sie auch wie sie wegen der Kupferketten-Geschichte Nachrichten bekam: „‚Hey Parshi, du weißt, dass deine Kupferketten-OP deine Jungfräulichkeit gekostet hat?‘ Ich hätte so gerne auf alle Nachrichten mit folgenden Worten geantwortet: ‚Ey Leute, ich habe diese Kupferkette, weil ich es liebe zu bumsen. Vor allem diese Sorte zu bumsen, ohne Babys zu bekommen. Das ist die beste Art zu bumsen.“ Das Publikum grölt. Beim Interview sagt sie: „Ich weiß jetzt schon, dass ich für mein Stand-up eine Hatewelle kassieren werde: ‚Schämt die sich nicht?‘“

Denn: „Ich habe schon in der Vergangenheit Nachrichten bekommen wie: ‚Ich hoffe du wirst auf offener Straße vergewaltigt, damit du das Maul hältst.‘ Das sind Profile von älteren Männern, die sich von einer 23-Jährigen getriggert fühlen, die einfach ihr Ding macht. Wir leben im 21. Jahrhundert, da darf ich doch als junge Frau auf der Bühne sagen, dass ich es liebe zu bumsen, oder nicht?“

Eigentlich wollte sie bereits vergangenes Jahr mit ihren YouTube-Formaten angefangen. „Aber ich musste erstmal diese Hatewelle verkraften. Erst jetzt bin ich soweit.“

Schlimmer Herzschmerz war der Auslöser für Parshad Esmaeili Comedy zu machen

In ihrem Podcast Frühlife Crisis will sie noch persönlicher werden. „Ich erzähle von meinen schrecklichsten Traumata, die ich bislang nie erzählt habe: Also wie es ist ohne Vater aufzuwachsen, mit dem ich seit meinem 12. Lebensjahr keinen Kontakt mehr habe, aber auch wie es ist, mit Krankheiten aufzuwachsen. Es gab viele dunkle Kapitel in meinem Leben, wo es eng wurde. Denn ich habe eine Autoimmunerkrankung, die heißt ITP und ich werde sofort krank, wenn mich jemand nur anhustet.“

Und sie will auch über ihren schlimmsten Herzschmerz berichten, der der endgültige Auslöser für sie war, Comedy zu machen. „Ich war eine Wette zwischen zwei Jungs. Gott sei Dank habe ich es rechtzeitig gemerkt, sonst hätte mich das wirklich komplett kaputt gemacht.“ Der Podcast solle anderen Mut machen. „Wir haben alle im Leben so viele Koffer zu schleppen. Und vielleicht kann ich den Leuten zeigen wie sie die Koffer besser halten können.“

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