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Clubbesitzer Matthias Morgenstern bestimmt seit 20 Jahren die Tanzszene auf dem ehemaligen Fabrikgelände an der Gutleutstraße.

Gutleut

Tanzhaus West und Dora Brilliant: „Steigende Mietpreise sind das Problem von Kulturorten“

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Clubinhaber Matthias Morgenstern (Tanzhaus West, Dora Brilliant) möchte das Milchsackgelände im Gutleut schrittweise weiterentwickeln.

Auf dem Gelände der ehemaligen Druckfarbenfabrik Dr. Milchsack an der Gutleutstraße bestimmt seit rund 20 Jahren Kultur das Geschehen. Auf zwei Dritteln des 10 500 Quadratmeter großen Grundstücks sind Ausstellungsräume, Künstlerateliers, Kreativunternehmen, ein Theater und die Musikspielstätten Tanzhaus West und Dora Brilliant beheimatet. Clubinhaber Matthias Morgenstern, der 1997 dort den Musikclub Spaceplace gründete, kämpft für den Erhalt des Grundstücks als Kulturgelände.

Der Schriftzug erinnert an die Vergangenheit des Grundstücks an der Gutleutstraße.

Wo sehen Sie das Milchsackgelände in den nächsten 20 Jahren?
Wir wollen das Gelände schrittweise weiterentwickeln, es noch bunter machen. Aber vor allem, dass es ein Ort für Kreativität und Kultur bleibt, den gibt es in Frankfurt viel zu selten. Pläne haben wir viele, aber bevor wir loslegen, müssen wir sicher sein, dass das Grundstück langfristig gesichert ist.

Morgenstern: "Machen uns sorgen, dass sich die neuen Nachbarn gestört fühlen"

Gibt es denn Versuche, die Fläche zu erwerben?
Ja. Genau neben unserem Grundstück soll ein Boardinghaus mit 260 Luxusapartments gebaut werden. Das ist an sich schon eine Bedrohung. Aber die Investoren wollten auch Teile des Milchsackgeländes kaufen. Wir konnten aber den Vermieter vom Gegenteil überzeugen.

Auch das Theater Landungsbrücken ist auf dem Gelände der Milchsack-Fabrik beheimatet.

Noch mal Glück gehabt ...
Aber wir machen uns Sorgen, dass sich die neuen Nachbarn gestört fühlen. Bislang hatten wir keine Probleme, weil hinter uns nur die Gleise liegen und eben keine Wohnbebauung. Eigentlich sollte das Gebiet laut Stadtplanungsamt als Kreativgewerbefläche erhalten bleiben. Umso unverständlicher ist es, dass die Stadt dem Bau der Häuser zugestimmt hat. Das ist eine sehr gefährliche Situation.

Fürchten Sie, dass es noch mehr Angriffe gibt?
Der Druck auf dem Immobilienmarkt wächst und hier sind die Bodenpreise noch attraktiv. Ich denke, das westliche Gutleutviertel wird sich verändern. Das bedeutet wiederum mehr Druck auf uns.

Wieso?
Steigende Mietpreise sind das Problem von Kulturorten, die meisten halten das nicht aus und verschwinden. Und neue sind nicht vorgesehen, das ist Teil der Problematik der gegenwärtigen Stadtplanung. Man muss sich nur den Frankfurter Entwicklungsplan für 2030 anschauen, da gibt es keine Ideen für Kulturorte, weder wie sie entstehen noch wie sie erhalten bleiben.

Milchsackgebäude: Morgenstern möchte über Zukunft des Geländes verhandeln

Und was machen Sie, um sich zu wappnen?

Zur Person

Matthias Morgenstern (52) ist Clubinhaber vom Tanzhaus West und Dora Brilliant und im Kulturverein Farbenfabrik zuständig für den Bereich Live-Musik und zudem Vorsitzender von Clubs am Main, dem Netzwerk für Veranstaltungs- und Clubkultur. Morgenstern studierte an der Frankfurter Universität Soziologie.

Das Sommerfest in der Kulturfabrik ist gleichzeitig eine Feier zum 20-jährigen Bestehen. Von 15 bis 22 Uhr gibt es eine Führung mit dem Eigentümer Peter Peters, Foto-Ausstellung, offene Ateliers, Feuerwerk, Live-Konzert und Kinderprogramm in der ehemaligen Druckfarbenfabrik, Gutleutstraße 294.

www.milchsackfabrik.de

Wir Mieter nehmen das Schicksal in die eigenen Hände und verhandeln mit dem Vermieter über die Zukunft des Geländes. Dabei sind die Verhandlungen geprägt vom gemeinsamen Ziel, das Grundstück dauerhaft als Kulturort zu erhalten. Denn der Vermieter will dankenswerterweise nicht, dass es zum Spekulationsobjekt wird. Das ist unsere einmalige Chance, zusammen mit allen Beteiligten eine Struktur zu erschaffen, in der die Mieter entscheiden, was mit dem Gelände passiert.

Reicht das?
Wir arbeiten auch an Konzepten, weitere kultur- und kreativwirtschaftliche Betriebe anzusiedeln, wie Start-ups aus dem Bereich der Werbung oder der Filmproduktion, die etwas mehr zum Mietertrag beitragen.

Bienen und Schwimmbad könnten Tanzhaus West ergänzen

Was ist noch geplant?
Auch kleine nachhaltige Projekte, wie etwa eine eigene Imkerei, denn es gibt eine Menge wilden Wein an unseren Mauern und entsprechend viele Bienen. Mein großer persönlicher Traum ist aber der Bau eines Schwimmbads, von dem man auf die Gleise blickt, in der Abendsonne Cocktails trinkt und chillige Musik hört. Anschließend können die Gäste ins Theater, Kino oder später auf eine von unseren Partys gehen.

Aber besteht so nicht die Gefahr, dass sich das Klientel und der Ort verändert?
Nein, Balance ist uns wichtig und das soll auch so bleiben. Natürlich sind auch Banker willkommen, aber sie sind genauso Gäste wie Studenten und Sozialarbeiter, alle sind gleich. Bei uns gibt es auch keine VIP-Tische oder solchen Firlefanz.

Interview: Judith Köneke

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