„Göpferts Runde“ wird diesmal zur Ehrenrunde für den scheidenden FR-Redakteur Claus-Jürgen Göpfert (l.) in Begleitung seines Kollegen Georg Leppert.
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„Göpferts Runde“ wird diesmal zur Ehrenrunde für den scheidenden FR-Redakteur Claus-Jürgen Göpfert (l.) in Begleitung seines Kollegen Georg Leppert.

Frankfurter Rundschau

Rastloser Reporter seit vier Jahrzehnten

  • Georg Leppert
    vonGeorg Leppert
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Seit 41 Jahren ist Claus-Jürgen Göpfert im Journalismus tätig. Am Mittwoch hat er seinen letzten Arbeitstag bei der Frankfurter Rundschau.

Der Himmel ist strahlend blau, als wir uns vor dem Museum für Moderne Kunst in der Frankfurter Domstraße treffen. Die Sonne scheint, dennoch ist es an diesem Vormittag noch kalt. Kaiserwetter also. Diese Information ist wichtig, denn dieser Artikel erscheint immerhin in der Rubrik „Göpferts Runde“, und die Runden von „Göpfi“, wie er in der Redaktion liebevoll genannt wird, beginnen oft, sehr oft mit dem aktuellen Wetter. Wieso soll das also anders sein bei dieser etwas merkwürdigen Ausgabe. Sie lesen: eine „Göpferts Runde“ über Claus-Jürgen Göpfert, der am heutigen Mittwoch seinen letzten Arbeitstag als Redakteur der Frankfurter Rundschau hat.

Wehmut? Abschiedsschmerz? Falls Claus-Jürgen Göpfert solche Gefühle hat, zeigt er sie auf unserem Spaziergang zumindest nicht. Dafür ist auch keine Zeit. Wir haben nämlich nur zwei Stunden, dann muss Göpfert weiter. Ins „Mal Seh’n“, das von ihm sehr geschätzte Programmkino, das durch die Corona-Krise hart getroffen wurde. Aber es wäre auch völlig ungewöhnlich, hätte „jg“, so sein Kürzel, ausgerechnet bei einem Termin zu seinem Abschied unendlich viel Zeit mitgebracht. In den 41 Jahren, die er als Redakteur gearbeitet hat, war er immer irgendwie auf dem Sprung. Ein Termin jagte den nächsten, auch wenn es manchmal arg viel wurde: Göpfert genoss das Leben als rastloser kommunalpolitischer Reporter sehr.

Jetzt aber los. Das Museum für Moderne Kunst also, gebaut in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. „Ich war dagegen“, sagt Göpfert. Bitte? Er war dagegen? Obwohl Claus-Jürgen Göpfert sagt, dass ihm die „Kulturstadt Frankfurt“ immer sehr wichtig war? Doch, Göpfert schrieb damals, das Projekt sei mit 30 bis 40 Millionen Mark viel zu teuer. Und als der damalige Kämmerer Ernst Gerhardt (über den Göpfert mittlerweile alle fünf Jahre ein liebevolles Porträt zum Geburtstag schreibt) dann auch noch nach Hamburg reiste, um mit dem Eigentümer von „Fisch Franke“ über einen Umzug des Geschäfts auf die andere Straßenseite zu verhandeln, da kam Göpfert das ganze Bauvorhaben seltsam vor.

Aber gut, „Fisch Franke“ zog um, sodass genügend Platz für das Museum vorhanden war. Das Ausstellungshaus wurde gebaut, und heute ist der FR-Reporter, der als ein Markenzeichen oft Hut trägt, voll des Lobes über die Einrichtung. „Ein großartiger Bau ist das, sehr gut, dass wir ihn haben“, sagt er. Auch das zeichnet einen guten Journalisten aus: nicht ewig auf eine Meinung festgelegt sein, offen bleiben, sich überzeugen lassen und womöglich seine Ansicht revidieren.

Ein paar Meter weiter (immer noch Kaiserwetter): das Haus am Dom. Viele, sehr viele Podiumsdiskussionen hat Göpfert hier moderiert. Vor Kommunalwahlen, vor Oberbürgermeisterwahlen, zur Zukunft der Bühnen, zum Kulturcampus. Mitunter ging es hektisch zu, aber wenn man mit Claus-Jürgen Göpfert gemeinsam moderierte, konnte man sich auf eines verlassen: Er verlor nie die Nerven, auch wenn das Publikum noch so laut war.

So war es schon 1995, als Göpfert eine seiner ersten Diskussionen moderierte, damals noch im Bürgerhaus Bornheim. Erstmals wurde das Stadtoberhaupt direkt gewählt. Petra Roth, eine CDU-Politikerin, die kaum bekannt war, forderte SPD-Amtsinhaber Andreas von Schoeler heraus.

Eine klare Sache für den Sozialdemokraten, dachte man. Doch Göpfert, der als kommunalpolitischer Reporter stets intensiv über die SPD berichtet hatte, kamen schon früh Zweifel. Arrogant und einfach zu siegessicher sei von Schoeler aufgetreten. Und bei besagter Podiumsdiskussion sei die Wechselstimmung regelrecht spürbar gewesen. Der Rest ist Geschichte. Roth siegte mit knapp 52 Prozent und blieb 16 Jahre lang Oberbürgermeisterin.

Zur Person

Claus-Jürgen Göpfert wurde 1955 in Wiesbaden geboren. Nach dem Besuch der Kölner Journalistenschule fing er 1980 als Redakteur bei der Frankfurter Neuen Presse an. Zuständig war er für Königstein und Kronberg. „Immerhin wusste ich, wo das liegt“, sagt er heute. Schnell aber zog es ihn nach Frankfurt, in die Kommunalpolitik. 1985 fing er bei der FR an. Er berichtete aus dem Römer, kümmerte sich um das kulturelle Leben in der Stadt, schrieb unzählige Porträts und kümmerte sich zuletzt auch um den AWO-Skandal. Als freier Autor wird Claus-Jürgen Göpfert der Frankfurter Rundschau erhalten bleiben.

Wir gehen durch die neue Altstadt (kleinere Schleierwolken, kein Problem). Selbstverständlich hat Göpfert über die 2018 vollendete Umgestaltung berichtet, aber glücklich wurde er mit dem rekonstruierten Viertel zwischen Dom und Römer nie. „Das hier ist die Inszenierung eines Traums“, sagt er mit Blick auf die Gebäude, die er „Zuckerhäuschen“ nennt. Ein schönes, romantisch anmutendes Viertel sei die Altstadt nie gewesen, „hier lebten einfache Menschen, und aus den Metzgereien floss das Blut“, sagt der Reporter. Aber sei’s drum, das Konzept geht ja auf, es kommen viele Touristinnen und Touristen. Das ist wichtig für die Stadt, da macht sich Göpfert keine Illusionen.

Weiter geht es zum Römerberg. Vielleicht ist jetzt doch etwas Wehmut zu spüren, als wir über die „Römerbriefe“ reden, unsere gemeinsame Glosse, die es weiterhin geben wird. Aber in anderer Besetzung. Göpfert blickt aufs Rathaus, hinter ihm wieder „Zuckerhäuschen“, die zur Römer-Ostzeile gehören. Der Bau dieser Gebäude war auch ein Projekt, über das sich „jg“ die Finger wundgeschrieben hat. Oberbürgermeister Walter Wallmann (CDU) wollte die Zeile, Kulturdezernent Hilmar Hoffmann (SPD) konnte damit nichts anfangen. Wallmann setzte sich durch, Hoffmann lenkte ein, was ihm nicht schwerfiel. Schließlich konnte er mit Wallmanns Unterstützung am südlichen Mainufer das Museumsufer bauen.

Wallmann und Hoffmann, beide seien sehr wichtig für die Stadtentwicklung gewesen. Mit Wallmann stritt sich Göpfert häufiger, dann musste er im Römer antreten, wo ein gewisser Alexander Gauland auf ihn wartete. Der heutige Bundestags-Fraktionschef der AfD war in den 80er Jahren Referent im OB-Büro. Doch mit Wallmann – nicht mit Gauland (!) – habe er seinen Frieden gemacht, sagt Göpfert. Und Hoffmann sei sogar ein Freund geworden. Was auch mit der Biografie über den Kulturdezernenten zusammenhing, die Göpfert 2015 veröffentlichte.

Fünf Oberbürgermeister und eine Oberbürgermeisterin hat Göpfert in seiner Laufbahn erlebt. Nicht viele eigentlich – in mehr als 40 Jahren. Aber da war eben Roths lange Amtszeit. Geschichten kann Göpfert über jedes der Stadtoberhäupter erzählen. Wie Volker Hauff (SPD) plötzlich aus der Stadt verschwand und nicht mehr OB war, wie Petra Roth Anfang des Jahrtausends bei der Frankfurter Sparkasse erfolgreich um die Rettung der seinerzeit finanziell schwer angeschlagenen FR kämpfte. Und zuletzt Peter Feldmann (SPD). In der Sitzung des Stadtparlaments vor einer Woche fand Feldmann sehr nette Worte für Göpfert. Der Kollege saß etwas peinlich berührt auf der Pressebank, aber genoss die kurze Ansprache. Ebenso wie die Würdigungen von Stadtverordnetenvorsteher Stephan Siegler (CDU) und Sebastian Popp (Grüne), der wie Göpfert ein Mann der Kultur ist.

Wir laufen zum Mainkai (Wolken wieder weg, deutlicher Anstieg der Temperatur). Autos brausen an uns vorbei, obwohl eine Mehrheit der Frankfurterinnen und Frankfurter doch eine Verlängerung der Sperrung gewünscht hätte und obwohl es dafür eine Mehrheit im Stadtparlament gibt. Um die Koalition mit der CDU nicht zu gefährden, nutzten SPD und Grüne diese aber nicht. „Das ist völlig verrückt“, pflegt Göpfert in solchen Fällen gerne zu sagen, diesmal spricht er sogar von „Politikversagen“, aber weiter kommt er nicht, denn schon begrüßt ihn der Stadtverordnete Thomas Bäppler-Wolf (SPD), einst bekannt als „Bäppi La Belle“. Damit muss man bei einem Spaziergang mit Göpfert rechnen: Ständig trifft er Leute, die ihn kennen und mit ihm reden möchten. Bäppler-Wolf bietet an, die „Römerbriefe“ in der FR zu übernehmen. Wir lehnen dankend ab.

Letzte Station: die Städtischen Bühnen (zwölf Grad, Tendenz steigend). Klar muss die Runde hier enden. Kaum ein Projekt hat Claus-Jürgen Göpfert in seiner Karriere so beschäftigt wie der anstehende Neubau von Schauspiel und Oper.

Aber wo werden die Bühnen denn nun gebaut? Göpfert hält einiges von der Idee der SPD, für die Oper das Grundstück an der Neuen Mainzer Straße zu nutzen: „Wenn es denn frei wird.“ Also wieder ein „Wenn“, wieder keine Klarheit bei diesem unendlichen Projekt. Göpfert wirkt zwar etwas desillusioniert, zumal er glaubt, dass es im alten Schauspielhaus demnächst große Probleme mit der Bausubstanz geben wird. Aber ginge es nach ihm, würde er auch noch zehn Jahre über das Thema schreiben. Vor 2030 jedenfalls sei mit keiner Eröffnung der neuen Bühnen zu rechnen, glaubt er.

Und das war es also. Göpfert muss los. Der nächste Termin.

Als Thomas Kaspar im Frühjahr 2019 Chefredakteur der FR wurde, war eine seiner ersten Amtshandlungen ein Spaziergang mit Claus-Jürgen Göpfert durch Frankfurt. „Claus-Jürgen fängt die Welt ein, für sich und mich, für seine Leserinnen und Leser, und kristallisiert sie für die Rundschau“, sagt er. Und das gilt bei jedem Wetter.

Ein Mann ohne Höhenangst.

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