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Die Chronistin der Stadt Frankfurt

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Jutta W. Thomasius in ihrem Rosensessel, den ihr der Modekreis Frankfurt geschenkt hatte.
Jutta W. Thomasius in ihrem Rosensessel, den ihr der Modekreis Frankfurt geschenkt hatte. © Georg Kumpfmüller

Die Journalistin Jutta W. Thomasius, die den großen Auftritt beherrscht, wird 95 Jahre alt. Über Jahrzehnte war sie die Frankfurter Stimme.

Bei unserem jüngsten Treffen, einer Premiere in der Oper, ging sie an einem Stock. Das war durchaus ein Alarmsignal. Jutta W. Thomasius, die Unermüdliche, die Rastlose, eine Frau mit eiserner Selbstdisziplin, mit einer Gehhilfe? Sie musste ernsthafte gesundheitliche Probleme haben, sonst hätte sich die Reporterin niemals solch eine Blöße gegeben. Doch sie lächelte tapfer, war begierig auf den neuesten Frankfurter Klatsch und Tratsch – bekam sie doch in ihrem Wohnort am Bodensee nicht alles mit. Zum Glück ist diese Krise überwunden, und die Journalistin feiert am Donnerstag, 10. Mai, tatsächlich ihren 95. Geburtstag.

Über Jahrzehnte war sie die Frankfurter Stimme ihrer Zeitung, der „Frankfurter Neuen Presse“, über Jahrzehnte war sie eine wichtige Autorin in Frankfurt und darüber hinaus. Das kulturelle Leben, das Theater vor allem, aber auch die bildende Kunst und die Gesellschaftsszene: Das waren ihre wichtigsten Themen, die sie unnachahmlich und mit Stil prägte. Sie beherrschte das vermeintlich Leichte, das doch so schwer zu schreiben ist.

Doch Jutta war nicht nur eine Gesellschaftsreporterin, wie es in der Frankfurter Nachkriegsgeschichte keine zweite gab. Es soll nicht vergessen werden, dass sie auch harte Themen recherchieren konnte.

So war sie die Erste, die Anfang der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts kritisch über den Frankfurter Baulöwen Jürgen Schneider berichtete, der sich bald darauf als Milliardenbetrüger entpuppte. Jutta schrieb über unbezahlte Handwerkerrechnungen und andere Versäumnisse. Das war mutig zu einer Zeit, in der Schneider noch von Kommunalpolitik und Gesellschaft hofiert wurde – später wollten das insbesondere die Politiker nicht mehr wahrhaben.

Jutta kam nie pünktlich

Ich hatte das Glück und die Freude, Anfang der 80er Jahre in der Lokalredaktion der Frankfurter Neuen Presse mit Jutta zu arbeiten. Sie beherrschte wahrlich die Fähigkeit des großen Auftritts: Von ihren zwei weißen Zwergpudeln begleitet, rauschte sie zur morgendlichen Konferenz herein, natürlich zu spät. Mehrere Generationen von Pudeln waren mit ihr unterwegs.

Jutta kam nie pünktlich, das war ihr Markenzeichen. Unzählige Pressekonferenzen konnten nicht beginnen, weil Juttas Platz noch nicht besetzt war. Doch die Politiker, die Theaterdirektoren und Museumsleiter warteten geduldig – denn wehe, man zog sich ihren Zorn zu! Jutta konnte vernichtend sein in ihrem Urteil und ätzend ironisch.

„Na, Kinder, was machen wir heute?“, lautete ihre muntere Frage in der morgendlichen Konferenz – die sie auch gleich selbst beantwortete, denn sie hatte längst ihren Tagesplan. Sie war fleißig und schien nie müde zu werden. Sie war ein Vorbild für uns junge Journalisten.

Ihre besondere Liebe galt dem Volkstheater und der Komödie, aber auch dem Zoo und dem Palmengarten. Und dann war natürlich die Mode ein ganz wichtiges Thema. Selbst sehr modeinteressiert und des Schneiderns kundig, beschloss sie Anfang der 80er Jahre, der darniederliegenden Frankfurter Modeszene aufzuhelfen – und gründete 1984 den Modekreis, unterstützt vom damaligen Oberbürgermeister Walter Wallmann (CDU) und der Stadt. Sogar ein „Frankfurter Modepreis“ wurde auf ihre Anregung hin verliehen.

Jutta war aber auch das Gesicht der gemeinnützigen Leberecht-Stiftung der „Frankfurter Neuen Presse“. Jahrzehntelang sammelte sie auf Straßen und Plätzen, unterstützt von Prominenten, Geld für bedürftige Menschen.

Jutta W. Thomasius hat vielen etwas gegeben in ihrem langen Leben, darauf kann sie sehr stolz sein.

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