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Proben mit Abstand macht auch Spaß: die Unterliederbacher Frauen im Graubnerpark.

Chöre Rhein-Main

Singend durchhalten

  • George Grodensky
    vonGeorge Grodensky
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Viele Chöre sind wegen der Abstandsregeln in der Corona-Pandemie verunsichert.

Es ist ein Problem“, sagt Annette Jungjohann nüchtern. Die Sprecherin des Hessischen Sängerbundes mit Sitz in Oberursel nimmt der grassierenden Panik damit ein bisschen die Spitze. Es geht um die Chöre, die wegen der Corona-Pandemie um ihre Existenz fürchten. Jungjohann versucht sie aufzumuntern, so gut es geht. Sängerinnen und Sänger sind besonders den Hygieneregeln unterworfen. Viele Gruppen können nicht in ihren gewohnten Räumen proben, weil die zu klein sind, um ausreichend Abstand zu halten. Jungjohann tröstet, spricht Mut zu, rät: „Finden Sie Lösungen im örtlichen Umfeld.“

„Die Raumgröße ist der Knackpunkt“, sagt auch Antoni Walczok, Leiter der Abteilung für Infektiologie und Hygiene im Frankfurter Gesundheitsamt. Denn die 1,5-Meter-Abstandsregel fürs Miteinander-Sprechen gilt beim Singen nicht. Da sind mindestens drei Meter Abstand geboten. Denn verschiedene Studien haben gezeigt: Die Tröpfchen mit den Viren wandern beim Singen schneller und weiter als beim Sprechen. Was nicht nur für die Verbreitung von Corona von Bedeutung ist, sagt Walczok. Auch die Grippesaison stehe ja bevor.

Experten streiten noch, ob beim Singen nicht gar fünf Meter Abstand ratsam wären, sagt Walczok. Versetzt stehen sollten die Sängerinnen und Sänger ebenfalls. Der Fachmann weiß aber auch: „Die meisten Chöre dürften da räumlich an ihre Grenzen stoßen.“

Derzeit treffen sich die meisten draußen, sagt Annette Jungjohann: manche in stimmungsvollen Burgruinen; andere haben sich ein großes Bundeswehrzelt geliehen. Alles gute Ideen – für den Sommer, zur Not auch noch für einen goldenen Herbst. Spätestens im Winter aber, wenn es dunkel, kalt und regnerisch ist, wird das Üben zu einem Problem, das nicht gerade wenige Menschen in Hessen trifft.

Alleine im Sängerbund sind 46 000 Stimmen organisiert, von 2062 Chören. Es ist der größte Verband in Hessen, es gibt noch drei weitere. Und eine ganze Reihe von Chören, die nicht organisiert sind. Sie alle blicken täglich gespannt auf das Auf und Ab der Infektionszahlen, auf Einschränkungen und Lockerungen aus Politik und Wissenschaft.

Da sieht es nicht sonderlich ermunternd aus. Die Pandemie ist längst nicht besiegt, eine zweite Welle nach wie vor möglich und die AHA-Regeln noch immer einziger Weg, die Ausbreitung des Virus zu hemmen. Also: Abstand, Hygiene, Alltagsmasken. Mit Maske singen? Für Chöre eine Schauervorstellung. Für Virologen nicht.

Kontakt

Saalbau Frankfurt , Telefon 069 / 15 30 81 20, info-saalbau@abg.de, www.saalbau.com

Kulturdezernat Frankfurt , Telefon 069 / 21 23 59 60, kulturdezernat@stadt-frankfurt.de

Hessischer Sängerbund , Telefon 061 71 / 70 49 72, hsb@hessischer-saengerbund.de, www.hessischer-saengerbund.de

Zumindest Antoni Walczok empfiehlt die Maske. Auch im Freien. Selbst wenn das komisch aussehe und beim Singen behindere. Vorstellen könnte er sich Chorproben in großen Kirchenräumen, wo es Deckenhöhen von zehn Metern gebe. Das Raumvolumen ist wichtig, nicht nur die bloße Fläche. Bei normaler Deckenhöhe zu singen ist viel riskanter als bei hohen Decken.

Jungjohann und der Sängerbund haben auch keine Ad-hoc-Lösung parat. Ein bisschen hoffen sie auf neue Erkenntnisse aus der Forschung. Das Institut für Musikermedizin im Universitätsklinikum Freiburg setzt sich zum Beispiel intensiv mit dem Einsatz der CO2-Ampel auseinander.

Das sind recht erschwingliche Geräte, die messen, wie hoch der CO2-Gehalt in der Luft ist. Das Gas verhält sich in der Ausbreitung ähnlich wie die Aerosole, also die kleinen Partikel, die feinste Verteilung der Atemwegströpfchen, über die sich Viren indirekt ausbreiten können. Bedeutet praktisch: Wenn die Ampel Alarm schlägt, müssen die Chöre schleunigst lüften.

Allerdings macht das Gerät keinesfalls Mundschutz und Abstandsregel überflüssig, das hat der Freiburger Institutsleiter Bernhard Richter dem Sängerbund mit auf den Weg gegeben. Die Ampel ist also lediglich ein zusätzliches A im AHA. Zu einem ähnlichen Schluss kommt das Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik der Universität der Bundeswehr in München. Das schaut sich Geräte zur Luftreinigung an: hilfreich, aber keine Garantie gegen Covid-19.

Auch Antoni Walczok ist in seiner Einschätzung eher vorsichtig. Es sei ja noch gar nicht klar, ob die Aerosole der Hauptübertragungsweg für die Coronaviren seien. Das heißt, wenn die Ampel warnt, ist die Übertragung womöglich schon geschehen, über Tröpfchen, weil die Singenden vielleicht doch ein Schrittchen zu nah beieinander standen. Zumal in geheizten Räumen die Tröpfchen kleiner werden und sich länger in der Luft halten.

Bleibt also die Raumgröße. Es muss ja nicht gleich eine Kathedrale sein. Möglich wäre eine Chorprobe wohl auch in den großen Sälen der Frankfurter Saalbau. Für Frankfurter Vereine sind die gar nicht mal so teuer. Die Stadt bezuschusst die Miete. Für Räume ab 150 Quadratmeter muss ein Verein lediglich einen Eigenanteil von 25 Euro pro Buchung tragen.

„Der Verein muss aber in der Stadt gelistet sein“, sagt Frank Junker, der als Chef der städtischen Wohnbaugesellschaft ABG auch für die Saalbau-Häuser zuständig ist. Die entsprechende Listung erhalten Chorvereine über das Kulturdezernat. Außerdem sollten die Mieter ein bisschen flexibel sein, empfiehlt Junker. Wer etwa mittwochs um 15 Uhr einen Raum suche, müsse vielleicht auch mal in den Nachbarstadtteil ausweichen. Die Saalbau berät übrigens auch beim Erstellen eines Hygienekonzepts.

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