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Der rasende Reporter mit eiligen Abwasserproben.

Stillbauer schafft

Wo die Chemie stimmt

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Zu Besuch im Abwasserlabor des Umweltamts, das untersucht, was hinten rauskommt. Ein schöner Ort, aber auch ein gefährlicher, und nichts für sensible Nasen.

Mitte des 19. Jahrhunderts haben die Frankfurter ihr stinkendes Abwasser in den Main geleitet und in die Festungsgräben. Heute stehe ich da, im weißen Kittel, mit Schutzbrille und Gummihandschuhen, schütte eklige Fettbrühe von einem Gefäß ins andere, mache ein dummes Gesicht und einen möglichst guten Eindruck. Sie sehen, wir sind nicht viel weiter gekommen in den vergangenen 150 Jahren.

Aber im Ernst: Es steht viel besser ums Frankfurter Abwasser heutzutage. Das Labor des Umweltamts kontrolliert ständig mit 14 Leuten, was rauskommt aus Kläranlagen, Fett- und Ölabscheidern. Damit die Menschheit erfährt, wie das geht, schaffe ich einen Tag mit in der schönen alten Villa auf dem Areal der Stadtentwässerung am Niederräder Ufer.

Laborleiterin Katharina Wacker erklärt erst mal, was mir alles passieren kann. „Das hier ist die Augendusche“, sie zeigt auf eine doppelläufige Installation am Waschbecken, knallrot und mit den Begriffen „Push“ sowie „Broen“ beschriftet. „Broen“? Vermutlich die Herstellerfirma, einigen wir uns. Jedenfalls hilft die Augendusche, wenn ich mir Säure auf die Pupille gespritzt habe, was die Schutzbrille verhindern möge.

An den Zimmertüren sind zusätzlich Notduschen für den ganzen Körper installiert und mit Hinweisschildern beworben. Auf den Plastikflaschen, die überall stehen, warnen Ausrufezeichen und Flammensymbole vor Unfällen und Feuersbrünsten. „Aber die größte Gefahr im Abwasserlabor sind Keime“, sagt Katharina Wacker. „Man weiß eben nie, was drin ist.“ Ich ziehe meinen Kittel aus und renne schreiend aus der Villa, nur weg, weg – heim zu meiner bezaubernden Frau!

Natürlich nicht. Denn die Chefin fügt an: „Hier ist noch nie etwas in der Hinsicht passiert.“ Puh. „Und wenn jemand die Grippe hat, kann er sich das genauso gut in der U-Bahn oder anderswo eingefangen haben.“ Oh.

Aber genug geredet, ich bin ja zum Schaffen da. Was soll ich tun? Erst mal den Kragen meines Arbeitskittels endlich runterklappen, sagt die Diplom-Chemikerin. Anschließend erhalte ich Flaschen mit offenbar stark fetthaltigem Abwasser aus gastronomischen Betrieben, die ich erkennungsdienstlich behandle: Registriernummer aufschreiben (babyleicht) und das Gewicht des Inhalts ausrechnen (Mathe). Dazu steht mir ein Taschenrechner zur Verfügung. Das Gesamtgewicht des Gebindes sowie das Leergewicht der Flasche sind jeweils auf dem Behälter vermerkt, so dass ich nur noch das eine vom anderen subtrahieren muss. Oder, Moment: das andere vom einen.

Mathe war nämlich in der Schule meine ganz große Stärke (hüstel …). Jedenfalls im Vergleich zu Chemie. Aus dem Chemieunterricht ist mir nur ein wiederkehrendes Ereignis im Gedächtnis geblieben: der verzweifelte Lachanfall. Ein ganzes Schuljahr lang sind der Kamerad J. und ich zu jeder verflixten Chemiestunde bei Frau G. mit hängenden Köpfen in den laborartig ausgestatteten Saal getappt, als ginge es zum Zahnarzt. Haben uns wirklich Mühe gegeben. Konnten manchmal sogar ein paar Sekunden lang folgen. Aber wenn dann die ersten Namen chemischer Elemente fielen; wenn es um zwei-, drei- oder wasweißichwieviel-wertige organische Verbindungen ging; wenn Frau G. Vorgänge beschrieb, die für uns klangen, als hätte sie Gedichte in einem längst für ausgestorben gehaltenen nordostsibirischen Dialekt vorgetragen – dann lachten wir. Krampfartig. Es begann mit einem leisen Schnauben, das einer von uns nicht mehr unterdrücken konnte, und dann lagen wir kurze Zeit später auf dem Tisch und lachten und lachten. Nicht, weil wir Chemie lächerlich fanden, sondern weil wir uns selbst so lächerlich fanden, wie wir da saßen und nichts, aber auch gar nichts kapierten.

Frau G. verstand das sogar. Sie setzte uns, immer noch gutmütig, so weit auseinander, wie es nur ging. Aber ein noch so leises Schnauben genügte, und …

Glücklicherweise bleibt 2018 der Lachanfall aus, obwohl wir uns an einem Ort befinden, wie er chemischer nicht sein könnte. Das Haus ist voll mit Reagenzgläsern, Erlenmeyerkolben, Lösemitteln, aber auch mit modernster Technik. Der ICP-EOS etwa, ein Riesenapparat zur optischen Emissionsspektrometrie mittels induktiv gekoppelten Plasmas (schnaub …) kostet rund 65 000 Euro und erlaubt Rückschlüsse auf eventuell in einer Flüssigkeit enthaltene Schadstoffe, indem er … nun ja, irgendwie mit Licht. Davon träumten die Gründer noch nicht mal, als sie am 1. August 1887 die Niederräder Kläranlage in Betrieb nahmen. Das Werk, für etwa 140 000 Einwohner ausgelegt, ist heute als Denkmal zu besichtigen. Ein industrieromantischer Ort unter der Erde, mit grün schimmerndem Grundwasser in langen Steinbecken, und obendrauf steht stolz die Villa, in der das Umweltlabor arbeitet.

„Schön, aber nicht mehr ganz zweckmäßig“, sagt Katharina Wacker. Auf dem Stand der jüngsten Modernisierung eben; die erfolgte vor 25 Jahren. Die Stadtentwässerung denkt über einen Neubau nach.

Was machen wir jetzt? Wir fahnden weiterhin nach lipophilen Stoffen, also nach Ölen und Fetten, und zwar in den Proben, die uns der Außendienst gebracht hat. Wir fügen Lösemittel hinzu, um „Lipo“ zu identifizieren. Aufmerksame Leser wissen natürlich, dass die FR im Jahr 2015 den Außendienst begleitet hat, damals zum 50-jährigen Bestehen der Abwasserüberwachung in Frankfurt. Da wurden Proben aus den Fettabscheidern der Restaurants geholt, pH-Werte und Temperaturen gemessen, und jetzt sind wir einen Schritt weiter: dort, wo die Proben abgeliefert und labortechnisch behandelt werden.

Wenn man’s kann. Wer im Chemieunterricht nur gelacht hat, muss halt leere Glaskölbchen wiegen (58,5269 Gramm, die letzte Stelle ist so sensibel, dass sie in geschlossenen Räumen vom Luftzug beeinflusst wird), seinen Kragen runterklappen und übelriechende Flüssigkeit von A nach  B schütten. Antje Habermann hingegen, stellvertretende Laborleiterin, ist gerade mit der Gaschromatografie beschäftigt: Eine beeindruckende Maschine entlarvt mittels Hitze und Gas in einer hauchdünnen Röhre den Gehalt diverser Stoffe im Abwasser von Tankstellen und Autowaschanlagen: etwa Schmieröl. „Die Chromatografie ist das Herzstück der meisten Laboratorien“, sagt Antje Habermann und schüttelt ein Glas mit einem extrem konzentrierten und zähflüssigen braunen Zeug, das unter der Bezeichnung „Fettphase“ firmiert.

Darauf angesprochen, bestätigt sie: „Eine sehr schlunzige Emulsion“, die freilich aus einem Liter Gesamtprobenvolumen auf 25 Milliliter gezwängt worden sei. Die Emulsion ähnelt nun dem, was wir alle gemeinsam verhindern wollen: einem riesigen Pfropfen in der Kanalisation. Würde die Abwasserüberwachung nicht ständig kontrollieren, was aus Kläranlagen, Tankstellen, Restaurants herauskommt, gäbe es über kurz oder lang Ereignisse wie vor wenigen Jahren in London – einen Monster-Fettklumpen von 15 Tonnen Gewicht, der einen wichtigen Kanal der britischen Hauptstadt verstopfte. Darum also Abwasserproben, Analysen, Überzeugungsarbeit bei den Betrieben, notfalls Bußgeld, wenn die Fettabscheider nicht funktionieren.

Heiko Schweitzer misst gerade den biochemischen Sauerstoffbedarf an Proben aus der Kläranlage mit den gesammelten Frankfurter Schadstoffen. Der 55-jährige Chemotechniker hat eine interessante Geschichte: Bei der Hoechst AG gelernt, 1983, als es in der Branche eng wurde mit Arbeitsplätzen. Dann heuerte er beim Stadtentwässerungsamt an, und jetzt arbeitet er fürs Umweltamt. Die Seiten gewechselt, könnte man sagen. „Wir tun was für die Gesellschaft“, sagt Schweitzer über seinen Beruf. „Und es ist nicht uninteressant hier.“

Wie stünde sie da, die Gesellschaft, ohne die Abwasserüberwachung? Es würde nicht alles zusammenbrechen, sagt Katharina Wacker, es wären nicht direkt Katastrophen zu erwarten. „Es gibt ja kaum noch Industrie in Frankfurt“ sagt sie. Aber es sei natürlich wichtig, denen ins Gewissen zu reden, die sonst womöglich Schädliches ins Kanalnetz leiten. So ein Fettklumpen verstopft ja nicht nur alles, die Substanzen zersetzen auch die Kanalbauten. „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, sagt die Laborchefin. Viel geschafft habe ich heute nicht, ehrlich gesagt. Aber immerhin, es gab auch keine Verletzten.

Wenn die Chemie stimmt, kann man zur Biologie übergehen. Evolution

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