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Das Bahnhofsviertel hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Wohin soll die Reise gehen?

Bahnhofsviertel in Frankfurt

Zwischen Crack und Milchkaffee

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Im Haus am Dom wird kontrovers über die Zukunft des Frankfurter Bahnhofsviertels diskutiert. Für die einen ist es ein Ort des Drogenelends und der Kriminalität, für die anderen ein hippes Viertel.

Auf einmal entrollen oben auf der Zuschauertribüne zwei junge Männer ein Transparent. „Frankfurter Holzweg“ ist darauf in großen Buchstaben zu lesen. „Gegen Kontrollen, Schikane und Verdrängung.“ Die Gäste auf dem Podium schauen überrascht nach oben, einige Leute im Publikum klatschen spontan Beifall. Man wolle niemanden schikanieren, wenn man mehr Polizei ins Bahnhofsviertel schicke, sagt Ordnungsdezernent Markus Frank (CDU) dann. Aber da dort unter anderem schwerkriminelle Dealer unterwegs seien, werde es auch in Zukunft verstärkte Polizeikontrollen geben. „Ich glaube, die große Polizeipräsenz hat schon einiges gebracht.“

Wie unterschiedlich man die Lage im Bahnhofsviertel bewerten kann, zeigt sich an diesem Montagabend im Haus am Dom. „Ist das Bahnhofsviertel noch zu retten?“, so hat der Frankfurter Domkreis Kirche und Wissenschaft die Veranstaltung genannt, bei der kontrovers über Frankfurts wohl bekanntesten Stadtteil gestritten wird, der mal als hippes In-Viertel und dann wieder als Kriminalitätsschwerpunkt Schlagzeilen macht. Ordnungsdezernent Frank, dem in der vergangenen Zeit von manchen Boulevardmedien ein zu lasches Vorgehen gegen die Drogenkriminalität vorgeworfen wurde, sieht insgesamt eine gute Entwicklung. Das Bahnhofsviertel sei ein „liebens- und lebenswerter Stadtteil“ mit vielen Künstlern und Kreativen, sagt er. Sicher konzentriere sich hier die Frankfurter Crackszene, es gebe Probleme mit Dealern und Kriminellen – aber Stadt, Landespolizei, Sozialarbeiter und Drogenhilfe arbeiteten gut zusammen. Man solle die Lage nicht dramatisieren, sagt Frank. „Ich glaube, wir reagieren angemessen.“

Ganz anders sieht das Peter Postleb, ehemaliger Leiter der Stabsstelle Sauberes Frankfurt. Ihm mache die Entwicklung im Viertel große Sorgen, sagt er, die Politik versage. „Was ich vermisse, ist ein Gesamtkonzept“, sagt Postleb. Die Dealer träten im Bahnhofsviertel immer aggressiver auf, Obdachlose verrichteten in Hauseingängen ihre Notdurft, die Nöte von Anwohnern und Geschäftsinhabern würden ignoriert. Und Postleb sagt auch, was aus seiner Sicht getan werden müsste: mehr Druck auf Drogenabhängige und Dealer, mehr Polizeipräsenz, eine Koordination der Drogenhilfe in anderen hessischen Städten, „um Frankfurt zu entlasten“.

Außerdem brauche das Viertel eine räumlich begrenzte Sondersatzung, die Waffenverbote und mehr Kontrollen ermögliche. Im Hamburger Stadtteil St. Pauli funktioniere das wunderbar, sagt Postleb. Georg Leppert, stellvertretender Redaktionsleiter Rhein-Main bei der Frankfurter Rundschau und Moderator des Abends, muss empörte Zwischenrufer aus dem Publikum beruhigen, als Postleb als Beispiel anführt, mit einer Sondersatzung könnte die Polizei schon tätig werden, wenn eine größere Gruppe nur verdächtig auf dem Bürgersteig herumstehe.

Diesem Ruf nach mehr Härte erteilt Markus Frank eine deutliche Absage. „Kranke Menschen brauchen Unterstützung“, sagt er in Bezug auf Drogenabhängige. Gerade wenn es um Crack gehe, „wirklich eine schlimme Droge“, müsse man eben die Angebote der Drogenhilfe weiterentwickeln. Einfach mehr Polizei löse dagegen keine Probleme, sagt Frank: „Es ist doch nicht so, dass man einfach nur einen Schalter umlegen muss.“ Mit Gesprächen mit den lärmgeplagten Anwohnern, nicht mit polizeilichem Druck habe man etwa den Konflikt um die Partys auf dem Friedberger Platz eingehegt, sagt Frank. So stelle er sich das in Zukunft auch im Bahnhofsviertel vor. „Wir müssen die Zivilgesellschaft aktivieren.“

Diese Haltung vertritt auch Jürgen Mühlfeld, Leiter des Diakoniezentrums Weser 5. Obdachlose und Drogenabhängige hielten sich unter anderem im Bahnhofsviertel auf, weil sie etwa von der Zeil immer stärker verdrängt würden, sagt Mühlfeld. „Auch das sind Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt, die müssen sich ja auch irgendwo im öffentlichen Raum bewegen können.“ Man dürfe arme oder drogenabhängige Menschen nicht immer nur als Problem darstellen. An dieser Stelle, wie noch oft im Laufe des Abends, erhält Mühlfeld für seine Einschätzung großen Applaus und Zuspruch aus dem Publikum.

Das Bahnhofsviertel zeichne sich nicht nur durch Kriminalität und Probleme, sondern auch durch Vielfalt, gutes Miteinander und lokale Initiativen aus, sagt Mühlfeld. Wer neu ins Viertel ziehe – oft in teure Eigentumswohnungen – könne nicht einfach erwarten, dass es dort stets sauber und ruhig sei. Die Neuankömmlinge müssten sich auch „ein Stück weit integrieren“. Am meisten Sorge bereite ihm überhaupt die zunehmende Gentrifizierung rund um den Bahnhof, die immer mehr Menschen verdränge, sagt Mühlfeld. Die steigenden Mieten könne sich „ein normaler Mensch nicht mehr leisten“. Ihm schwebt ein stärkerer Austausch aller Bewohner des Viertels etwa in einem neuen Nachbarschaftsbüro vor, um zu schauen, wie gewachsene Strukturen erhalten werden könnten.

Mit dem Stichwort Gentrifizierung trifft Mühlfeld einen wunden Punkt im Publikum. Die Stadt setze zu stark auf Aufwertung und verdränge so Leute mit wenig Geld aus dem Viertel, klagt ein Anwohner während der Diskussion gegen Ende des Abends. Eine junge Frau kritisiert, viele nichtweiße Menschen trauten sich abends kaum noch durchs Viertel, weil sie ständig von der Polizei kontrolliert würden. Eine andere Frau sagt, es gebe zu wenig öffentliche Toiletten – und das Bahnhofsviertel brauche eine Milieuschutzverordnung, um Luxussanierungen zu stoppen.

Frank verweist darauf, dass die Stadt etwa auf dem Areal des alten Polizeipräsidiums 30 Prozent Sozialwohnungen bauen wolle. „Wir wollen nicht, dass das Bahnhofsviertel ein Schickimicki-Viertel wird“, versichert er. Dann meldet sich ein älterer Herr zu Wort, der sagt, er lebe seit 70 Jahren im Bahnhofsviertel. „Es war früher auch nicht besser, es war nicht schlechter“, sagt er. „Es war eben anders.“

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