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Die FR macht mobil: Einmal pro Woche besucht die Lokalredaktion einen Stadtteil, um mit Bürgern ins Gespräch zu kommen. In Zeilsheim hat die FR am Mittwoch, 29. Februar, von 14 bis 16 Uhr einen Stand am Rewe-Markt in der Bechtenwaldstraße 5. Von der Redaktion kommt Timur Tinç. Als Gäste sind angekündigt: der Vorsitzende des Geschichtsvereins Bernd Christ, Vereinsring-Chef Bernd Bauschmann, die Kinderbeauftragte Claudia Vieweger und Quartiersmanager Martin Müller.

Frankfurt-Zeilsheim

Zerrissenes Zeilsheim

Frankfurts ferner Westen: Zwar hört erst hinter Zeilsheim das Frankfurter Stadtgebiet auf, aber die Einwohner fühlen sich dennoch in mancherlei Hinsicht abgehängt. Es fehlten Einkaufsmöglichkeiten und ohne Auto sei man aufgeschmissen, sagen die Bürger.

Von Timur Tinç

Frankfurts ferner Westen: Zwar hört erst hinter Zeilsheim das Frankfurter Stadtgebiet auf, aber die Einwohner fühlen sich dennoch in mancherlei Hinsicht abgehängt. Es fehlten Einkaufsmöglichkeiten und ohne Auto sei man aufgeschmissen, sagen die Bürger.

Ein Hauch von Frühling macht sich in diesen Februartagen über Zeilsheim bemerkbar. Die Vögel zwitschern aus ihren Nestern, die auf den Kastanienbäumen in der Pfaffenwiese thronen. In den nächsten Wochen werden die Blätter wieder sprießen und die alleeähnliche Hauptverkehrsstraße säumen. Die Pfaffenwiese ist die Einfahrt in den westlichsten Stadtteil Frankfurts.

Vielen ist es auf der Straße zu laut. Tempo 50 ist erlaubt. Aber es halte sich kaum einer dran, meinen Anwohner wie Anne Fischbach. „Eine Unterhaltung ist unmöglich“, sagt die Frau, die täglich mit dem Bus nach Höchst fährt. Im Januar hatte der Ortsbeirat einen Antrag der Grünen mit einer Stimme Mehrheit verabschiedet, der eine Reduzierung der Höchstgeschwindigkeit auf Tempo 30 fordert.

Alfons Gehrling, seit 1987 Landtagsabgeordneter der CDU, wohnt direkt an der Pfaffenwiese. Und er findet schon, dass sich die meisten Autofahrer an Tempo 50 halten. „Das Problem ist die Masse des Verkehrsaufkommens“, sagt Gehrling. Es müsste verstärkte Kontrollen geben, dann würde auch nicht mehr so gerast werden. „Wir haben in Zeilsheim ohnehin nur zwei Straßen, auf denen Tempo 50 erlaubt ist. Fachleute bestätigen uns, dass Tempo 30 nichts bringt“, sagt Gehrling.

Soziale Unterschiede zwischen Süd und Nord

Ob Tempo 30 oder nicht, ist aber nur ein Randthema in Zeilsheim. Wie in fast allen Stadtteilen Frankfurts wird der Rückgang des Einzelhandels beklagt. An zwei dicht beieinander liegenden Wettbüros vorbei gelangt man vor den Rewe, einen von drei Supermärkten im Stadtteil. „Man ist gezwungen motorisiert zu sein“, beklagt Sonny Hebauf. Die 70-Jährige ist zwar noch fit, doch für viele ältere Mitbürger, die vor allem im Süden Zeilsheims leben, sind die Wege zum nächsten Geschäft mit Strapazen verbunden. Die Einkaufs- und Ausgehmöglichkeiten seien darüber hinaus sehr limitiert. „Nadel und Nähgarn findet man hier nicht mehr und deutsch-bürgerliches Essen gibt es kaum noch“, sagt Hebauf. Auch die Geselligkeit habe trotz der Vereine stark nachgelassen.

Das liegt womöglich mit an den deutlichen sozialen Unterschieden zwischen Süd und Nord. Die Pfaffenwiese verläuft als Trennlinie. Rund die Hälfte der Bewohner der Taunusblicksiedlung im Norden haben einen Migrationshintergrund. 26,8 Prozent der rund 5300 Menschen dort erhalten existenzsichernde Mindestleistungen. Seit 2008 gibt es dort das Quartiersmanagement und das Programm „Aktive Nachbarschaft“.

„Von einem sozialen Brennpunkt kann aber keine Rede sein“, betont Martin Müller, einer der beiden Quartiersmanager. Vielmehr war es seinerzeit der Ansatz, präventiv gegen solche Tendenzen vorzugehen. Probleme gebe es hingegen eher, wenn die unterschiedlichen Lebenswelten zwischen deutschen Senioren und jungen Migranten aufeinanderprallen. „Die meisten Leute kennen sich gar nicht“, beschreibt Müller die Situation in der Siedlung, die Ende der 1950er Jahre entstanden ist. „Deshalb versuchen wir, die Leute zusammenzubringen.“

Mittlerweile gibt es 18 parallel laufende Projekte, die das Quartiersmanagement angestoßen hat. Ein ehemaliger Kleinmarkt, der seit dem vergangenen Sommer leer steht, soll nach Wunsch der Bewohner der Treffpunkt des Stadtteils werden. Das Gebäude steht inmitten blauer und trister grauer Reihenhäuser, umgeben von riesigen Wiesenflächen.

Arbeiterquartier ist Prunkstück Zeilsheims

Klein und kompakt ist die Grünanlage auf der anderen Seite der Pfaffenwiese in der denkmalgeschützten Koloniesiedlung. Das ehemalige Arbeiterquartier ist das Prunkstück Zeilsheims. Die im englischen Cottage-Stil errichteten Häuser haben alle Gärten und sind in Privatbesitz. Durch gemütlich wirkende Straßenzüge kommt man hinein. Die Buslinie 57 verbindet die Siedlung mit den umliegenden Stadtteilen und dem Ortskern Zeilsheims. Die Anwohner nennen sie „Aldi-Linie“, weil der Bus direkt vor dem Lebensmittelmarkt hält. „Für den haben wir vor Jahren Unterschriften gesammelt“, sagt Alfons Gehrling. Zuvor sei ein Hochhaus geplant gewesen. „Wir konnten aber den Bürgerwillen durchsetzen“, sagt Gehrling nicht ohne Stolz.

Keinen Erfolg hatten die Zeilsheimer mit ihrer Unterschriftenaktion für den Erhalt der Buslinie 810. Dieser Bus fuhr bis vor vier Jahren von Hofheim über das Main-Taunus-Zentrum nach Eschborn und machte immer einen Schlenker durch Zeilsheim. Das ärgert besonders die älteren Menschen. „Wir kommen uns ein bisschen vernachlässigt vor“, sagt Sonny Hebauf. „Wie das Z im Alphabet kommt Zeilsheim in Frankfurt auch zu kurz.“

Das Gefühl haben auch Schüler und Lehrer an der Käthe-Kollwitz-Schule. Die Grundschule wartet darauf, dass das Stadtschulamt sie in den Raum- und Sanierungsplan für das kommende Schuljahr aufnimmt und der Altbau der Schule so schnell wie möglich saniert wird. Fünf Jahre musste die Schule ihr Gelände mit der Integrierten Gesamtschule (IGS) West teilen. Im Sommer wird die IGS in ihr Provisorium in der Palleskestraße ziehen.

Die Schule, der Elternbeirat und der Ortsbeirat fordern vom Stadtschulamt, dass bis zum Sommer alles Notwendige in die Wege geleitet wird. „Ein Gespräch mit der Stadt hat es aber immer noch nicht gegeben“, berichtet Schulleiter Jochen Bühler. Erst auf seine Initiative war es überhaupt zu einer Begehung im Dezember gekommen. Damit es endlich weitergeht und mehr Informationen fließen, wird der Elternbeirat am Montag, 5. März, um 10.30 Uhr auf dem Römer protestieren. Ein Brief an Oberbürgermeisterin Petra Roth wurde auch verfasst.

Ähnlich schlecht ist die Situation an der Adolf-Reichwein-Schule. Nach fast einem Jahr sind die Bauarbeiten an der Schule immer noch nicht beendet. „Der Zustand hat sich eher verschlechtert“, sagt die Kinderbeauftragte Claudia Vieweger. Im ersten Stock wurden Löcher für die Notausgangstüren in die Wände gerissen und mit Planen und Klebeband versehen. „Dementsprechend kalt ist es dort.“

Für kleine Kinder fehlt es in Zeilsheim an Betreuungsmöglichkeiten. Lediglich die Krabbelstube „Alte Post“ im Frankenthaler Weg bietet 23 Plätze an für Kinder unter drei Jahren. Um überhaupt 40 Prozent des Bedarfs zu decken, müssten 80 Krippenplätze geschaffen werden. Nach Berechnungen des Stadtschulamts wären zudem weitere 70 Kindergartenplätze notwendig. Die leerstehende evangelische Kirche Taunusblick könnte aus Sicht von CDU-Politiker Bernd Bauschmann geeigneter Standort sein. In der nächsten Sitzung des Ortsbeirats 6 will er einen Antrag einbringen, wonach das alte Gebäude abgerissen und eine neue Kita gebaut wird.

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