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Hilmar Hoffmann beim Interview an seinem Schreibtisch.

Hilmar Hoffmann

Nie wieder den Opfertod besingen

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Hilmar Hoffmann, der 92-jährige frühere Präsident des Goethe-Institutes, zeichnet in seinem neuen Buch das Porträt einer Generation, die für Adolf Hitler sterben wollte

Herr Hoffmann, Sie sind jetzt 92 Jahre alt, sitzen aber noch jeden Tag am Schreibtisch und arbeiten.
Das ist richtig. Im Augenblick langweile ich mich aber, weil es eher nur kleine Texte zu verfassen gibt (lacht).

Wie wichtig ist das Schreiben für Sie?
Das Schreiben ist mein Lebenselixier.

Sie haben gerade ein Buch von 600 Seiten geschrieben, „Generation Hitlerjugend“. Es versucht zu erklären, warum so viele junge Menschen zunächst vom Nationalsozialismus fasziniert waren. Wie schwer ist es Ihnen gefallen, ein Werk von einem solchen Umfang zu verfassen?
Ich konnte mich auf viele Quellen stützen. Ich habe zurückgegriffen auf die Filme, die ich damals in der Hitlerzeit gesehen habe. Und auf die Schulbücher. Die Schulbücher habe ich zum Teil noch besessen, zum Teil habe ich sie mir aus Bibliotheken und anderen Quellen beschafft. Ich habe alle Schulbücher zur Vorbereitung noch mal neu gelesen und habe sie dann analysiert. Die Menschen sollen wissen, in welcher mentalen Situation wir damals aufgewachsen sind in den 30er Jahren.

Warum war es Ihnen wichtig, die Geschichte ihrer Generation gerade jetzt zu erzählen?
Weil ich festgestellt habe, dass es kaum authentische Literatur von Zeitzeugen gibt. Ich wollte erklären, warum Millionen junger Menschen dem Nazisystem anheimfielen.


Sie sprechen an mehreren Stellen Ihres Buches von Schuld, die Sie selbst empfinden. War das auch ein Versuch, Schuld abzutragen gegenüber späteren Generationen?
Schuld von Zehnjährigen, von Vierzehnjährigen. Damals kannten wir den Begriff Schuld nicht. Ich war im Jungvolk und bin dort geblieben, bin nicht in die Hitlerjugend gewechselt. Mit einem Notabitur in der Tasche bin ich dann Fallschirmjäger geworden. Das war damals die einzige Möglichkeit, mit einer Größe von 1,91 Meter und blauen Augen die SS zu umgehen. Man konnte sich freiwillig zur U-Boot-Waffe oder zu den Fallschirmjägern melden.

Zur SS wollten Sie auf keinen Fall?
Nein. Meine beiden älteren Brüder, die Berufsoffiziere waren, haben mir klargemacht, was für eine schlimme Truppe die SS war. Damals habe ich einen Besuch des berühmten U-Boot-Kommandanten Kapitänleutnant Günther Prien in der Schule erlebt. In der Aula befahl er allen mindestens 15-Jährigen vorzutreten. Also sind wir vorgetreten. Dann hat er gesagt: Wer zu feige ist, sich freiwillig zu melden, darf sich wieder hinsetzen. Aber keiner von uns Jungs wollte natürlich feige sein. Also sind wir gemeinsam mit Prien von der Schule zum Wehrbezirkskommando marschiert, und ich habe mich freiwillig zu den Fallschirmjägern gemeldet.

Sie sind dann im Juni 1944 an der Invasionsfront in der Normandie zum Einsatz gekommen. Sie haben erlebt, wie viele Tausende ihrer Generation dort getötet wurden.
Es waren Hitlerjungen des Jahrgangs 1926 in Uniformen der Waffen-SS gesteckt worden, für die Elitedivision „Hitlerjugend“, das war furchtbar. Bevor ich an die Front kam 1944, habe ich noch in Beziers in Südfrankreich Panzersperren verlegt. Das war noch weit weg vom Tod. Dann kam die Landung der alliierten Truppen am 6. Juni 1944 in der Normandie. Und wir wurden abkommandiert mit dem Fallschirmjäger-Ausbildungsregiment Nr. 1, um sie aufzuhalten.

Welchen Einflüssen war ihre Generation damals ausgesetzt? Welche Rolle spielte der Film als Propagandainstrument?
Eine sehr wichtige. Sonntagsmorgens wurden wir zur Jugendfilmstunde ins Kino befohlen. Neben Spielfilmen haben wir die neueste Wochenschau gesehen. Hitlers Kriegsgelüste wurden uns eingehämmert. In der Wochenschau sah man natürlich keine sterbenden deutschen Soldaten, sondern nur tote Russen.

Wie wichtig war das Radio für die Erziehung durch Propaganda?
Sehr wichtig. Auch zum Radiohören wurden wir als Heranwachsende gezwungen. Wir hörten unzählige Ansprachen von Propagandaminister Joseph Goebbels.

Sie hatten das Glück, an der Invasionsfront von amerikanuischen Truppen gefangengenommen zu werden.
In der Normandie starben damals Tausende der Jungen des Jahrgangs 1926. Sie liegen auf dem Gefallenenfriedhof von Bayeux. Ich bedauere sehr, dass Politiker sich nie auf diesem Friedhof haben blicken lassen. Die Hitlerjungen galten durch ihre SS-Uniformen als Teil der SS. Deshalb blieben die Politiker fern. Als Kriegsgefangener musste ich 1944 die toten 16- und 17-jährigen Kameraden bergen, auf Erntewagen laden und abtransportieren. Das war die schrecklichste Erfahrung meines Lebens (stockt)... Da kamen mir die ersten Zweifel an dem ganzen Nazisystem.

Sie waren zwei Jahre in einem Gefangenenlager in den USA, danach noch ein Jahr in einem Lager in Schottland.
Dort gab es so etwas wie eine demokratische Erziehung für uns junge Deutsche. Ich habe in den USA unter anderem als Verkäufer in einem Lebensmittelladen gearbeitet, und da konnte ich mir Literatur kaufen, amerikanische Autoren, die in Nazideutschland verboten waren. Das hat mir die Augen geöffnet. Ein holländischer Pfarrer war in der Gefangenschaft mein Lehrer. Mit dem habe ich jeden Abend zusammengesessen und so etwas wie demokratische Bildung erfahren.

Später nahmen Sie dann in England an einer besonderen Schulung teil: Da wurden junge Deutsche ausgebildet, die von den Engländern ausgesucht worden waren, um Führungspositionen in einem neuen demokratischen Deutschland zu übernehmen.
Ich wurde sechs Wochen am College Wilton Park in Südengland unterrichtet. Direkt nach meiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft war ich bereits zum Dolmetscher bei der britischen Rheinarmee ernannt worden. Denn das einzige, was ich wirklich gut konnte, war Englisch. Mein vorgesetzter Offizier hat mich dann 1948 für Wilton Park empfohlen, eine Art Kaderschmiede für junge Deutsche in England. Zu den Absolventen von Wilton Park gehörten auch der spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt oder der spätere Frankfurter Oberbürgermeister Willi Brundert. Einer meiner Lehrer war dort der Philosoph und spätere Literaturnobelpreisträger Bertrand Russell.

Was haben Sie mitgenommen von dort?
Wir wurden zu Demokraten erzogen. Die Hoffnung der Briten war, dass wir ein demokratisches Deutschland aufbauen würden. Und das ist ja dann auch geschehen. Ich habe nach meiner Rückkehr nach Deutschland dann mit Unterstützung der britischen Rhein-Armee ein Kulturzentrum in Oberhausen gegründet. Das war der Beginn meiner kulturpolitischen Arbeit.

Sie nehmen in Ihrem Buch auch Bezug darauf, dass die rechtspopulistische AfD immer stärker wird in Deutschland.
Das war mit der Impetus dafür, dass ich dieses Buch geschrieben habe.

Sie sind seit vielen Jahrzehnten überzeugter Sozialdemokrat. Was empfinden Sie heute, wenn Sie sehen, dass die AfD mit fast 100 Abgeordneten im Deutschen Bundestag sitzt?
Ich hoffe auf Lernfähigkeit. Ich hoffe zum Beispiel darauf, dass mein Buch auch als Literatur im Schulunterricht eingesetzt wird.

Wie kann man der AfD entgegentreten?
Man muss authentisch zeigen, was das nationalsozialistische System bedeutet hat. Wir haben Lieder und Gedichte auswendig lernen müssen, in denen der Opfertod besingen wird. So etwas darf es nie wieder geben. Mit diesen Liedern im Kopf sind die Hitlerjungen damals in den Tod gegangen.

Kommt die politische Bildung heute zu kurz?
Sie kommt nicht als ein eigenes Fach in den Schulen vor, sondern ist auf viele Fächer verstreut.

Glauben Sie, dass es gelingen kann, die AfD wieder aus dem Bundestag herauszubekommen, sie wieder unter fünf Prozent der abgegebenen Stimmen zu drücken?
Es hängt davon ab, ob die Menschen heute bereit sind, aus der deutschen Vergangenheit tatsächlich zu lernen. Mich erschreckt der Erfolg der AfD sehr. In Sachsen hat sie den Status der stärksten Partei erreicht, vor CDU und Sozialdemokraten.

Und die AfD hat bundesweit in den Umfragen fast das Niveau der Sozialdemokraten.
Ich hoffe, dass mein neues Buch einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, wieder eine gegenläufige Bewegung in Gang zu setzen.

Werden Sie weiter schreiben?
Ganz sicher. Ich denke gerade darüber nach, mein Buch über die Theorie der Filmmontage von 1969 in einer überarbeiteten Form neu vorzulegen und fortzuführen. Ich bin damals nicht mehr dazu gekommen, filmwissenschaftlich zu arbeiten, weil ich von 1970 an Kulturdezernent in Frankfurt war und einfach keine Zeit mehr hatte. Aber das Schreiben geht immer weiter.

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