+
Zur Feier seines 125-jährigen Bestehens wird der Frankfurter Hauptbahnhof derzeit einem ziemlich gründlichen Lifting unterzogen.

Bahnhofsviertel

Ein Ort der Widersprüche

  • schließen

Der Verkehrsknoten Hauptbahnhof, der in diesem Jahr sein 125-jähriges Bestehen feiert, und das vorgelagerte Quartier feiern sich als Tor zur international geprägten Stadt. Das soll auch die Bahnhofsviertelnacht unter Beweis stellen, die heute Abend zum fünften Mal in Folge steigt.

In der Gleishalle des Frankfurter Hauptbahnhofs wäre es fast das übliche Gewimmel, wenn nicht zwischen den Werbetafeln eine besondere Dekoration auf die anstehende große Feier hinwiese: Auf den Pavillons der Imbiss-Stände prangt jeweils ein blaues Schild mit der Aufschrift Frankfurt, von dem aus Ketten bunter Ballons und rote Bänder zu weiteren Schildern führen: London 6.34 Stunden, Prag 6 Stunden, Paris 3.49 Stunden, Brüssel 3.15 Stunden. Die Botschaft dahinter ist klar: Vom Frankfurter Bahnhof aus ist der Rest Europas nur einen Steinwurf entfernt, wer hier steht, ist mittendrin. Hier laufen die Fäden aus aller Welt zusammen.

Wenn am heutigen Donnerstag die 125-Jahr-Feier des Hauptbahnhofs beginnt, gilt die Aussage auch für das ihm vorgelagerte Viertel. Die etwa 2660 Menschen, die in Frankfurts zweitkleinstem Quartier (rund 52 Hektar) wohnen, sollen aus 80 verschiedenen Ländern stammen. So wirbt die Stadt Frankfurt bei der heutigen Bahnhofsviertelnacht vor allem mit Internationalität, mit der auch Vielfalt einhergeht – und damit ist das Quartier repräsentantiv für die gesamte Stadt.

Ramschläden neben Sexshops

Tatsächlich ist das Bahnhofsviertel das Tor für Frankfurt. Von einem Aushängeschild zu sprechen, ist jedoch schwierig. Am Beginn der Kaiserstraße bildet häufig eine Gruppe trauriger Gestalten, die ihr erstes Bier am Vormittag trinken, das Empfangskomitee. Die Straße selbst ist zwar eine großzügige Allee zwischen Gründerzeitbauten, doch die Läden und Lokale ergeben ein chaotisches Gesamtbild: Restaurants neben Imbissen und Kneipen, Ramschläden neben Sexshops und -kinos, Asia-Läden neben Wettbüros.

„Dieser Platz wird polizeilich überwacht“, steht auf einem Schild an der Ecke Weserstraße, wo es zwei Sexläden gibt. Auch wenn die Stadt sich seit Jahren bemüht, das schlechte Image des Viertels zu verbessern, das noch immer von Rotlicht- und Drogenszene bestimmt wird, sind diese Faktoren nicht zu übersehen. Vor allem im nördlichen Bahnhofsviertel.

Das könnte Sie auch interesssieren: Ein Besuch im Bahnhofsviertel Frankfurt

Vor den drei Druckräumen lungern Junkies herum, im März 2012 haben sich mehrere Anwohner darüber beschwert, von Süchtigen belästigt worden zu sein. Seitdem beobachten Polizei und Stadtpolizei die Szene verstärkt. Neben den Bordellen gibt es auch – trotz Verbots – einen Straßenstrich. Im August 2010 hat die Stadt begonnen, diesen Problemen mit einer Sicherheitsoffensive zu begegnen: Das heißt mit mehr Polizei. Ordnungsdezernent Markus Frank (CDU) spricht von einem Erfolg.

Ein anderes Problem zeigt sich im Verborgenen: Es kommt zu Überbelegungen von Wohnungen. Im Oktober 2012 hat das Wohnungsamt in der Münchener Straße 55 entdeckt, dass zu viele Menschen auf zu wenig Raum lebten – zudem in hygienisch menschenunwürdigen Wohnverhältnissen. Es waren bulgarische Wanderarbeiter, die zudem noch eine viel zu hohe Miete zahlten. Obwohl viele Menschen die Wohnungen verlassen mussten, stellte die Stadt einige Monate später bei einer Kontrolle erneut überbelegte Zimmer fest.

Im krassen Gegensatz dazu steht ein anderes Problem: Viele Läden und Büroflächen stehen leer, die Bausubstanz wurde lange Zeit vernachlässigt und in dem Viertel, einst Lebensraum für 11.000 Menschen, schrumpfte die Bevölkerungszahl. Seit 2004 bemüht sich die Stadt durch ein eigenes Programm die Modernisierung von Wohnungen und die Umwandlung von Büros in Wohnflächen zu fördern. Ein Beispiel für den Wandel sieht man im Eckhaus Kaiserstraße 58: Dort entstehen derzeit 38 Luxuswohnungen – in direkter Nachbarschaft zum Rotlichtmilieu der Elbestraße.

Wandel in der Gastronomie

Doch es gibt auch eine andere, eigenständigere Tendenz: Immer mehr kreative Firmen wie Werbeagenturen entdecken das Bahnhofsviertel für sich und siedeln sich dort an. Der Verein Basis bietet seit 2005 in der Elbe- und seit 2008 in der Gutleutstraße Produktions- und Ausstellungsräume für Künstler an.

Der Wandel zeigt sich auch in der Gastronomie: In der Bar Plank (Elbestraße 15) kommen ebenso Hipster wie Anzugträger zusammen. Seit 2009 tanzen Nachtschwärmer im Musik-Club Orange Peel (Kaiserstraße). Und am gestrigen Mittwoch hat mit der „Kiez Praline“ (Elbestraße 34) auch noch ein neuer Club eröffnet. Am Abend sieht man viele junge Menschen den Stadtteil beleben.

So bestehen die beiden Seiten des Bahnhofsviertels nebeneinander her: Das sich ausbreitende Licht und der sich haltende Schatten. Viele, die hier arbeiten und leben, schätzen diese Gegensätze. Wer Berührungsängste hat, kann versuchen, sie bei der Bahnhofsviertelnacht, die in diesem Jahr zum sechsten Mal stattfindet, sowie beim Kaiserstraßenfest zu überwinden. Das Bahnhofsviertel bleibt ein Ort der Widersprüche und wird weiterhin polarisieren.

...

Bitte einen Moment Geduld.
Der Content wird geladen ...

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare